«Immer mehr Menschen lassen sich für Kunst begeistern»
Bis 27. November sind im «Kunstfenster» in Bonstetten die Werke von Martin Herler ausgestellt. Danach ist Schluss: Elfi Bohrer stellt ihre Galerietätigkeit ein. Im Interview blickt sie zurück – und in die Zukunft.

«Anzeiger»: Elfi Bohrer, über 30 Jahre haben Sie das Kunstgeschehen im Knonauer Amt geprägt. Wie hat sich der Stellenwert der Kunst im Knonauer Amt in dieser Zeit entwickelt?
Elfi Bohrer: Ich habe im Laufe der Jahre erlebt, wie das Interesse angewachsen ist. Es haben sich immer mehr Menschen – auch zunehmend Jüngere – für Kunst begeistern lassen. Und ich durfte erfreulicherweise eine treue Kundschaft kennenlernen und betreuen. Als Marlène (die Ottenbacher Galeristin Marlène Hegetschweiler, Anm. d. Red.) krankheitshalber nicht mehr weitermachen konnte, war das sicher ein Verlust. Aber auch die Aktion «Offene Ateliers» im Unteramt, entstand auf Initiative von Marlies Achermann, sowie die jurierte und nichtjurierte Ausstellung Ämtler Künstler der Gemeinnützigen Gesellschaft haben viel Aufmerksamkeit generiert.
Wie sind Sie zur Galeristin geworden?
Kunstbegeistert war ich schon immer. 1987 begann ich mich mit Ontologie, der Lehre vom Menschsein, zu befassen. An einem Geld-Seminar ging es um die Frage, was man sich mit immer grösser werdenden Geldbeträgen alles leisten würde. Und schliesslich ganz ohne Beschränkung. Da dachte ich, dass mir Bilder Freude bereiten – und zwei Jahre später hatte ich die Galerie.
Nun steht die letzte Ausstellung bevor. Weshalb hören Sie auf?
Ich habe mein Pensionsalter erreicht (sie lacht). Ich werde 76 und möchte arbeitsloser werden. Es reicht einfach, und ist sinnvoll, loszulassen, solange ich fit bin. Es gibt noch so viel zu erledigen, bis ich die Räume Ende Februar abgebe. Man soll ja aufhören, wenn es noch schön ist. Und es ist ja das zweite Mal, dass ich aufhöre. Als ich 2016 die Galerie im Burgwies abgab, weil mein Mann schwer krank wurde, war es schlicht Zufall, dass ich vergass, den Raum des «Kunstfensters» auch zu kündigen. Und so kam es, dass ich mich im Herbst 2017 im Rahmen der «offenen Ateliers» nochmals überreden liess, weiterzumachen.
Hätten Sie sich gewünscht, die Galerie an jemanden weitergeben zu können?
Vor dem ersten Aufhören war das tatsächlich noch eine Überlegung. Aber dann fehlte mir die Energie, das weiterzuverfolgen. Das wäre auch schwierig, denn Galerie-Arbeit ist sehr subjektiv. Die Kunden haben einen persönlichen Bezug zur Galeristin oder zu den ausstellenden Kunstschaffenden. Wenn aber jemand den Raum übernehmen will, dann wäre das sicher auch im Interesse meines Vermieters. Für mich war das «Kunstfenster» ursprünglich als Lager gedacht. Dann wurde es immer mehr zur Ergänzung der eigentlichen Galerie im Burgwies.
Ich gehe davon aus, dass die Kunst in Ihrem Privatleben weiterhin eine Rolle spielen wird. Mit welcher Kunst umgeben Sie sich?
Ich habe immer nur Künstlerinnen und Künstler ausgesucht, von denen ich selber gerne Werke besitzen wollte. Und im Laufe der Jahre habe ich mit über 100 zusammengearbeitet. Entsprechend sieht es bei mir zu Hause aus. Tatsächlich ist mein Haus voller Kunst. Zwischen den Werken sind vielleicht noch zwei, drei Zentimeter Abstand. Kunden, die mal bei mir zu Besuch waren, haben jedenfalls nie wieder gesagt, dass sie keinen Platz mehr hätten. In der Gesellschaft der unzähligen Werke bin ich nie einsam.
Welchen Stil bevorzugen Sie?
Die expressiv-erzählerische Kunst. Das gilt sowohl für mein Galerieprogramm als auch für die persönliche Sammlung. Und Kunst darf für mich Freude machen und auch mal zu einem Lächeln anregen.
Für die Derniere haben Sie Martin Herler als Künstler gewählt. Was gab da den Ausschlag?
Auf die Malerei von Martin Herler bin ich – dank eines wirklich speziellen Zufalls – gestossen, als er noch an der Akademie in München studierte. Zum Ende seines Studiums gewann er den Debütantenpreis für Malerei und er hat sich sehr schnell eine grosse Zahl an institutionellen und privaten Sammlern erarbeitet. Diesem grossen «Fankreis» wollte ich nochmals Gelegenheit geben, seine Werke hier zu sehen. Ein Faktor war aber auch der Turnus: Ich habe «meine» Künstlerinnen und Künstler alle drei Jahre gezeigt. Das gibt dem Publikum die Möglichkeit, Entwicklungen mitzuverfolgen. Und bei Herler sind diese drei Jahre durch.
Was sollten die Kunstinteressierten über den Maler wissen?
Martin Herler ist in einer kleinen Stadt in Oberbayern in einem alten Bauernhaus aus dem 16. Jahrhundert mit drei Geschwistern aufgewachsen. Während die anderen alle «normale Berufe» wählten, war dem Jungen schon in frühester Zeit klar, dass er Maler werden wollte. Das alte Gemäuer, die Stuckatur an den Decken, das alles inspirierte ihn, so weit er sich zurückerinnern kann. Die Vorstellung, Decken und Wände nach seinem Gusto zu bemalen, beflügelte ihn ungemein. Zielgerichtet ist ihm das alles gelungen.
Der Künstler ist in verschiedenen Themenkreisen aktiv – welche deckt die Ausstellung ab?
Querbeet, von Porträts über Blüten, Kinder, Streifen bis zu seinen Intérieurs, den «Spiegelbildern». Einige dieser Themenkreise hat er bereits in seiner Ausstellungstätigkeit während, doch vor allem nach Abschluss seines Studiums in München entwickelt – und manche sind bis heute in seinen aktuellen Arbeiten zu finden.
Neben der Malerei von Martin Herler sind in Ihrem Galerieprogramm auch noch Werke anderer Kunstschaffenden zu sehen. Was sind die Highlights?
Als Highlight würde ich nur schon den Facettenreichtum meines Programms bezeichnen. Von hier aus (das Interview fand am Tisch des «Kunstfensters» statt, Anm. d. Red.) sieht man eines der sensiblen Werke von Nadja-Dominique Hlavka, die fast immer mit Wasser zu tun haben, einen Digitaldruck von Thomas Woodtli, der das Haptische der Malerei mit dem Ausdruck des Digitalen vereinigt, ein Bergbild von Claire Guanella aus Genf und ein «Netzwerk» der Stallikerin Esti Frei. Sie hatte übrigens 1991 bei mir ihre erste Ausstellung.
Die Herler-Ausstellung läuft bis am 27. November – und danach?
Dann werden die übrigen Kunstwerke von den Künstlerinnen und Künstlern wieder abgeholt oder ich schicke sie ihnen zurück. Wenn also noch Wünsche da sind, dann bitte bis Ende November melden.
Was wird Ihnen fehlen?
Das werde ich dann sehen (sie lächelt). Dass ich mit so vielen lieben und geschätzten Menschen zu tun haben durfte, ist ein riesiges Geschenk. Meine erste Assistentin, die ich ab 1996 hatte, eine damals junge Kunsthistorikerin, leitet heute das Museum Ulm. Von ihr habe ich immens viel gelernt. Ihre Nachfolgerin arbeitet mittlerweile im Kunsthaus Zürich. Und ganz lange durfte ich auf Margrit Bracher als Assistentin zählen. Bei Kunstmessen und Ausstellungen hat mich jeweils ein Schreiner unterstützt. Und mit manchen Künstlerinnen und Künstlern, Kundinnen und Kunden sind schöne Freundschaften entstanden.
Worauf freuen Sie sich?
Dass ich wieder mehr Zeit habe, zu lesen und zu reisen. Drei Reisen sind bereits gebucht. Ich möchte arbeitsloser werden, eine neue Zeit beginnen. Was da alles kommt, weiss ich nicht. Ich lebe in einer guten Nachbarschaft in Wettswil und habe auch ein sehr gutes Verhältnis zur Verwandtschaft in Österreich. Ich bin offen für das, was kommt (sie lächelt).


