«Inzwischen ist es nicht mehr so witzig»

Junge Menschen sind durch das Corona-Virus am wenigsten bedroht, durch die Massnahmen des Bundes sind jedoch auch sie stark eingeschränkt. Wie kommen sie zurecht? Vier Jugendliche erzählen.

Vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie war der Mc Donald‘s-Parkplatz in Affoltern bei Jugendlichen ein beliebter Treffpunkt. (Bild Livia Häberling)
Vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie war der Mc Donald‘s-Parkplatz in Affoltern bei Jugendlichen ein beliebter Treffpunkt. (Bild Livia Häberling)

Für junge Menschen ohne Vorerkrankung ist die gesundheitliche Gefahr des Coronavirus in der Regel gering. Zu Hause bleiben sollen jedoch auch sie – zum Schutz ihrer eigenen Gesundheit und jener der anderen. Knapp fünf Wochen ist es her, seit der Bundesrat die Schulen geschlossen hat. Wie geht es den Jugendlichen mit der aktuellen Lage? «Ich habe den Eindruck, dass sie die Situation verhältnismässig gut meistern», sagt Bettina Gyr, die Leiterin der Jugendarbeit Affoltern. Wie sehen das die Jugendlichen selbst? Der ­«Anzeiger» hat nachgefragt.

Sara Camic, 16 Jahre
Sara Camic aus Zwillikon ist im ersten Lehrjahr als Hörsystemakustikerin. Ihr Betrieb hat Kurzarbeit angemeldet, seit vergangener Woche arbeitet sie noch an zwei Tagen – wie gewohnt in der ­Filiale in Baden. «Ich weiss nicht, wie es wäre, im Homeoffice zu arbeiten», sagt die 16-Jährige. Doch von ihren Freunden, die momentan zu Hause bleiben müssen, höre sie regelmässig, dass ihnen langweilig sei. «Da habe ich mir gedacht: ‹Dann geh ich doch lieber arbeiten.›» Normalerweise verbringe sie viel Zeit draussen, sagt Sara: «Wir sind oft in Affoltern oder in Zürich unterwegs.» Nun geht das nicht mehr. Eine Umstellung, die ihr nicht leichtfällt: «Ich muss täglich mindestens einmal an die frische Luft. Nur zu Hause zu bleiben, das halte ich nicht aus.» Wenn sie raus­gehe, mache sie einen Spaziergang, manchmal komme ihre Mutter mit. Mit ihren Freunden hält sie vor allem per WhatsApp Kontakt.

WhatsApp ist auch eine der Plattformen, über welche sich die Jugendarbeit Affoltern derzeit häufig mit den Jugendlichen austauscht. Auch via Instagram oder Facebook-Messenger wird kommuniziert. Die Jugendarbeiterinnen und -arbeiter sind zwar weiterhin mehrmals pro Woche auf der Strasse unterwegs, an den gewohnten Plätzen hielten sich die Jugendlichen aber kaum noch auf, so Bettina Gyr: «Ab und zu treffen wir noch kleinere Gruppen an, die meisten jedoch gehen nicht mehr nach draussen.» Einige verzichten freiwillig, anderen sei es von den Eltern verboten worden, so Gyr.

Neha Pratheepan, 16 Jahre
Auch Saras Freundin Neha Pratheepan bleibt zu Hause. Sie vermisst die Zeit, in der sie sich draussen frei bewegen konnte: «Vorher gingen wir nach der Arbeit spazieren, haben geredet, jetzt schreiben wir uns nur noch, oder wir telefonieren.» Das sei okay, und doch sei es nicht dasselbe: «Ich möchte meine Kollegen wieder einmal sehen, statt sie immer nur elektronisch zu hören.»

Mittwochs arbeitet die angehende Kauffrau noch in ihrem Lehrbetrieb in Mettmenstetten. Ansonsten verlasse sie die Wohnung in Maschwanden nur noch ab und zu – zum Beispiel, um einzukaufen. Normalerweise jedoch bleibe sie zu Hause, sagt Neha – aus Rücksicht auf ihre Mitmenschen.

Der Berufsschulunterricht von Neha findet weiter statt. Er wird per
Videostream übertragen. Das funktioniere zwar gut, trotzdem mag die 16-Jährige den Unterricht im Schulzimmer lieber: «Seit wir Home-Schooling machen, bin ich viel müder. Es ist anders, wenn die Lehrperson vor einem steht, als wenn sie auf einem Bildschirm übertragen wird.»

Zu Hause spielt Neha mit ihrer Familie neuerdings oft Brettspiele: «Das ist ja nicht mehr so modern», sagt sie, aber es sei ein guter Zeitvertrieb. Manchmal schaue sie sich ausserdem Serien auf Netflix an: «Aber selbst das kann man ja auch nicht die ganze Zeit machen.» Am meisten vermisst Neha ihre Freunde: «Plötzlich ist mein Leben so eingeschränkt», sagt sie, «es bleibt  viel Zeit, um nachzudenken.» Dadurch lerne man auch, die Dinge wertzuschätzen, die vorher selbstverständlich gewesen seien.

Jordan Zivkovic, 15 Jahre
Das Selbstverständliche schätzen lernt momentan auch der Affoltemer Sekundarschüler Jordan Zivkovic: «Als am ­13. März die Schule geschlossen wurde, habe ich mich gefreut», sagt der 15-Jährige, «aber inzwischen ist es einfach nicht mehr so witzig.» Denn mit der Schulschliessung kamen die anderen Einschränkungen. Auch er ist es gewohnt, mit seinen Freunden draussen zu sein und vermisst diese Freiheit: «Alleine macht es halt nicht so viel Spass.» Sein Tagesablauf hat sich verändert, seit der Unterricht zu Hause stattfindet: «Einmal wöchentlich haben wir eine Klassenkonferenz. An diesem Tag stehe ich um 7 Uhr auf, ansonsten schlafe ich aus.» Dass er seine Arbeiten so frei einteilen kann, ist für Jordan neu: «An manchen Tagen bin ich mehrere Stunden mit Schulsachen beschäftigt, an anderen nur für 15 Minuten.» Es sei «schon entspannter», findet er, allerdings lerne man viel weniger. «In der Klasse tauscht man sich zu einem Thema aus, redet darüber, während er zu Hause nur das mache, was angegeben sei.

Um fit zu bleiben, absolviere er dreimal pro Woche ein Fitnessprogramm zu Hause. Einmal habe er sich mit Daniel zum Joggen getroffen, ab und zu gehe er etwas einkaufen. Die freie Zeit am Wochenende oder an den Abenden vertreibt er sich neuerdings vor allem mit Computer-Spielen. So hält er auch den Kontakt zu seinen Kollegen: «Wir gamen, und währenddessen reden wir über das Headset miteinander. Meistens über den Spielverlauf, aber nicht nur», sagt er. Allerdings werde ihm inzwischen manchmal auch das zu langweilig.

Eine gewisse Langeweile stellt auch Bettina Gyr fest. Nun haben am Montag auch noch die Frühlingsferien begonnen. «Wir bieten den Jugendlichen Beschäftigungen an, zum Beispiel Werkzeug, um aus Speckstein Schmuck zu kreieren, damit die Jugendlichen ihre Zeit trotz Einschränkungen sinnvoll nutzen können», so Bettina Gyr.

Daniel Jimenez, 15 Jahre
Das Coronavirus hat auch den Alltag von Jordans Schulkolleg Daniel Jimenez auf den Kopf gestellt. Der 15-Jährige besucht ebenfalls die 3. Sekundarschulklasse in Affoltern, seit die Schule geschlossen ist, hat sich auch sein Tagesrhythmus verändert: «Normalerweise game ich mit meinen Kollegen bis Mitternacht. Ins Bett gehe ich meistens zwischen 2 und 4 Uhr nachts, und dann schlafe ich bis nach dem Mittag.»

Nicht nur am Wochenende, auch unter der Woche spielt Daniel Jimenez mit seinen Kollegen am PC. Er fühlt sich «eingesperrt», oft ist ihm langweilig. Deshalb habe er sich neue Beschäftigungen gesucht: «Ab und zu koche ich nun für meine Familie, oder ich mache Krafttraining.» Am meisten vermisst Daniel, seine Zeit draussen mit seinen Kollegen verbringen zu können. In Kontakt bleibt er über WhatsApp, Instagram oder Snapchat. «Wenn es nach mir ginge», sagt Daniel, «dann würde ich rausgehen.» Andererseits habe er schon auch Respekt, angesteckt zu werden. Und auch andere anstecken, das wolle er natürlich nicht.

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