Kanton nimmt Betreiber in Pflicht

Ein schlechtes Zeugnis stellt ein vom Kanton in Auftrag gegebener Bericht der Asylorganisation Zürich (AOZ) aus, die das Zentrum ­Lilienberg betreut. Sofort­massnahmen sind angeordnet.

Im Lilienberg sind die WCs oft verdreckt und die Jugendlichen wohnen in zu beengten Verhältnissen. (Bild Luc Müller/zvg.)
Im Lilienberg sind die WCs oft verdreckt und die Jugendlichen wohnen in zu beengten Verhältnissen. (Bild Luc Müller/zvg.)

«Die soziale und pädagogische Betreuungs­situation im MNA-Zentrum Lilienberg ist besorgniserregend.» So lautet das unschmeichelhafte Fazit einer ausserordentlichen Betriebsprüfung, welche das Kantonale Sozialamt im Mai in Auftrag gegeben hat. Im Lilienberg in der Stadt Affoltern werden MNA, ­Mineurs non accompagniés, minderjährige Asylsuchende, die ohne ihre Eltern geflüchtet sind, ­betreut. Der Kanton hat diese Aufgabe der Asylorganisation Zürich (AOZ) übergeben, die für die Betreuung und Unterbringung der jungen Asylsuchenden zuständig ist. 2018 hat die AOZ den ­Zuschlag erneut vom Kanton Zürich für diese Aufgabe erhalten.

Kritik im Kern zutreffend

Doch die AOZ schien den Auftrag nicht mit der nötigen Sorgfalt auszuüben. ­Immer wieder gab es Beanstandungen, welche an den Kanton gelangten – so etwa von einer Gruppe von Lehrpersonen, welche die minder­jährigen Asylbewerber im Lilienberg unterrichten. Nun sind die Verfehlungen schwarz auf weiss im Bericht zur ausserordentlichen Betriebsprüfung festgehalten, den der Kanton am Dienstag veröffentlicht hat.

«Wir waren überrascht von der mangelhaften Abendbetreuung und dass in der Nacht keine Fachleute vor Ort sind», erklärt Andrea Lübberstedt, Amtschefin des Kantonalen Sozialamtes, gegenüber dem «Anzeiger». Und die Amtschefin weiter: «Wir vom Kanton haben den ­Lilienberg immer wieder kontrolliert. Die AOZ hat ein Betreuungskonzept vertraglich garantiert, das aber nicht genügend umgesetzt wurde.» Der Bericht zeige nun, dass die in den Medien geäusserte Kritik im Kern zutreffe, erklärt die AOZ in einer Medienmitteilung vom Dienstag. Die AOZ listet gleich selber auf, welche Mängel der kantonale Bericht zutage gefördert hat: Das Haus sei mit 90 Personen überbelegt. Für die oftmals traumatisierten Kinder und Jugendlichen ist eine kontinuierliche Beziehung zu den Betreuerinnen und Betreuern nicht gewährleistet. Zudem sei das Haus für die vielen Bewohnerinnen und Bewohner zu eng und zu wenig ­ruhig. Zudem hat es nicht genug sanitäre Einrichtungen und es fehlt an ­Rückzugsmöglichkeiten.

Aufgrund des Berichtes hat das Kantonale Sozialamt nun Sofortmassnahmen eingeleitet. Derzeit ist der Lilienberg, der maximal 90 Plätze bietet, ausgebucht. Seit Spätsommer 2021 hat sich die Zahl der im Lilienberg untergebrachten Jugendlichen auf fast 90 Personen verdoppelt. Nun soll die ­Anzahl auf 60 Plätze reduziert werden. Andrea ­Lübberstedt, Chefin des Kantonalen ­Sozialamtes erklärt dazu: «Die AOZ hat den Auftrag, zwei neue Aussenstellen zu schaffen.» Das heisst konkret: Die AOZ wird in der Stadt Zürich zwei Aussenwohngruppen schaffen, in denen je 30 Jugendliche wohnen können. Eine erste solche Wohngruppe, von denen die im ganzen Kanton Zürich aktive AOZ schon jetzt mehrere besitzt, soll bald eröffnet und schrittweise ausgebaut werden. Die AOZ dämpft in ihrer Medien­mitteilung jedoch die kurzfristigen ­Erwartungen: «Da derzeit sehr viele allein geflüchtete Jugendliche in die Schweiz gelangen, kann dieses Ziel allerdings kaum vor 2023 erreicht werden.»

Maximal für 45 Jugendliche

Der Bericht der ausserordentlichen Betriebs­prüfung macht zur Belegung klare Aussagen: «Wie bereits in den Aufsichts­berichten 2019 und 2021 festgehalten, ist die Liegenschaft Lilienberg für die Unterbringung von 90 Jugendlichen nicht geeignet.» In der Liegenschaft könnten ohne Detailabklärung maximal 40 bis 45 Jugendliche angemessen untergebracht werden, wie externe Verfasser des Berichts betonen. Um im Lilienberg zusätzliche Gruppenräume zu schaffen, soll der heute grösstenteils vor Ort stattfindende Unterricht vollumfänglich in das Oberstufenschulhaus von Affoltern verschoben werden, wie die AOZ schreibt. Seit diesem Sommer besuchen rund 40 der minderjährigen Asylbewerber den Unterricht an der Oberstufe Ennetgraben in Affoltern in eigenen Klassen.

Auch bei der Betreuung muss die AOZ auf Druck des Kantons nun nachbessern: Das Fachpersonal muss aufgestockt werden. Zur Betreuungssituation hält der Bericht fest, dass es bei der AOZ im Zentrum Lilienberg, seit Spätsommer 2021 einerseits zu ausserordentlich ­hoher Personalfluktuation gekommen sei, während sich andererseits die Zahl der im Lilienberg untergebrachten ­Jugendlichen nahezu verdoppelt hat. «Um eine angemessene soziale und ­pädagogische Betreuung gewährleisten zu können, empfiehlt der Bericht mehr Fachpersonal», schreibt der Kanton.

2023 wird Auftrag neu ausgeschrieben

Der Bericht macht klare Aussagen zur Betreuung. Für die 80 Jugendlichen sind im Lilienberg pro Wochentag rund zehn Betreuende zuständig, davon ein bis zwei Fachleute. Der Kanton Zürich schreibt aber vor, dass bei allen anwesenden 80 Personen sicher 14 Betreuende da sein müssen: Davon mindestens sieben Sozialpädagoginnen oder Sozialpädagogen.

Bereits in die Wege geleitet sei die Planung für den Ausbau der sanitären Anlagen, schreibt das Kantonale Sozialamt. 2023 wird der Auftrag für den ­Lilienberg neu ausgeschrieben – 2018 hat sich auf diesen nur die AOZ gemeldet. Der nun erstellte Bericht der ausserordentlichen Betriebsprüfung gebe für einen künftigen Betreuer genau vor, was zu erfüllen ist, so der Kanton.

Den Prüfbericht findet man hier: www.zh.ch/news.

«Oft kommt die Polizei wegen Schlägereien»

Im Sommer meldeten ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dem SRF, dass das Zentrum überlastet sei und es an Personal mit sozial­pädagogischer Ausbildung fehle. Diese Kritik bestätigt der ausserordentliche Bericht zur vom Kanton angeordneten Betriebsprüfung des Lilienbergs, die in diesem Sommer stattgefunden hat.

Der Bericht hält auch fest, dass bei einem unangemeldeten Besuch für die Betriebsprüfung die Küchen und Sanitäts­räume auf den Wohneinheiten stark verschmutzt waren. Die WCs waren teilweise mit Kot verschmiert und die Böden aller Sanitärräume am Abend nass und es lag Papier auf dem Boden. Die Reinigung sollte von den Jugendlichen übernommen werden. Bei Nichterfüllen dieses Ämtlis wird eine Busse verhängt und andere ­Jugendliche können diese Aufgabe gegen Bezahlung übernehmen. «Eine vertiefte pädagogische Auseinandersetzung findet nicht statt», bilanzieren die Autoren des Berichtes, den eine externe Beratungsfirma erstellt hat.

Zu viert im Zimmer

Die Befragung von Bewohnern bestätigt die im Bericht festgestellten ­Mängel. «Am Abend sind wir alleine und kochen auch selber», sagt ein ­junger Asylbewerber. «Die WC-­Anlagen sind oft verdreckt. Oft kommt die Polizei vorbei, weil es Schlägereien gibt», doppelt der Geflüchtete nach, der mit drei anderen Jugendlichen in einem engen Zimmer wohnt. Auch am Tag gebe es keine Betreuungs­angebote, oft sei es langweilig. (uc)

 

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