Kontroverse um den Machtanspruch der Digitalisierung

«Was, wenn das Internet Gott wäre?» Es war eine ketzerische Frage, unter der die jüngste Folge der Vortragsreihe Wirtschaft und Werte des Forums Kirche und Wirtschaft der katholischen Kirche Zug am Dienstagabend im Kappeler Gemeindesaal lief. Erst im Austausch mit dem Publikum wurde das Verhältnis der Digitalisierung als neue Gottheit kontrovers kommentiert.

Joël Luc Cachelin: «Wir haben es mit unserem Verhalten in der Hand, was Internet in Zukunft darf und was nicht.»

Joël Luc Cachelin: «Wir haben es mit unserem Verhalten in der Hand, was Internet in Zukunft darf und was nicht.»

Lichtperformance von Jonas Sagelsdorff zum Stück Menschmaschine der deutschen Band «Kraftwerk». Im Hintergrund eine Szene aus dem Science-Fiction-Stummfilm Metropolis von 1927. <em>(Bilder Martin Platter)</em>

Lichtperformance von Jonas Sagelsdorff zum Stück Menschmaschine der deutschen Band «Kraftwerk». Im Hintergrund eine Szene aus dem Science-Fiction-Stummfilm Metropolis von 1927. <em>(Bilder Martin Platter)</em>

«Ich sehe den Zusammenhang zwischen Gott und diesen Digitalisierungsreferaten nicht», eröffnete ein Votant die Diskussion mit dem Publikum. Dieses hatte zuvor geduldig während 90 Minuten der abstrakten Materie der rauschenden Digitalisierung zugehört. Das Impulsreferat hielt Joël Luc Cachelin, trotz seines jungen Alters von erst 37 Jahren bereits Doktor der Ökonomie und Gründer der Wissensfabrik Dulliken, Swisscom-Beirat Digitalisierung und dreifacher Buchautor u. a. des Werkes «Internetgott – Die Religion des Silicon Valley.» Er vertrat die Meinung, dass es in unserer moralischen Verpflichtung liegt, eine Gewichtung der Kriterien vorzunehmen, was das Internet in Zukunft tun und lassen soll. Nicht alles sei böse, was die neue Technologie bringe. «Ist die digitale Technologie nicht auch ein Schutzengel, der dank ausgeklügelter Algorithmen und umfangreicher Nutzerdaten Zeichen des Unheils frühzeitig errechnen kann, lange bevor es der Mensch selber erkennt?», fragte er in den Saal.

Der Mammon steht im Vordergrund

Wirtschaftsethiker Peter Seele gab in seinen Ausführungen zu bedenken, dass wir das digitale Zeitalter noch gar nicht erreicht haben. Denn dazu müsste das analoge Zeitalter zuerst abgeschlossen werden. Mit Beispielen aus der neuen Wirtschaftswelt und der Sharing Economy zeigte er aber auf, wie die Digitalisierung unsere Gefühls-, Lebens- und Arbeitswelt radikal am Verändern ist. Das Anbandeln der Liebe findet man nicht mehr nur am Dorffest, sondern zunehmend auf Dating-Plattformen wie Parship, Tinder und weiteren statt. Auf der Strasse ruft man nicht mehr nach einem Taxi, sondern über die Smartphone-App Uber. Die Menschen geben dafür ihre Nutzerdaten preis. Als Gegenwert erhalten sie eine Dienstleistung, machten sich so aber auch anfällig für Manipulationen. Beispielsweise für Wahlmanipulation, wie der Facebook-Skandal mit den Datenanalysten von Cambridge Analytica während des US-Wahlkampfes gezeigt hat. Dann sagte Seele etwas sehr Bezeichnendes: «Soziale Netzwerke und die Sharing Economy stellen nicht den Menschen und das Kollektiv, sondern das Kommerzielle in den Vordergrund.» Deshalb halte das Monopol Gott noch, wenn es um die zentralen Fragen der Schöpfung gehe.

Die Algorithmen, die beispielsweise bei Uber hinterlegt sind, berechnen den Fahrpreis anhand der Nachfrage und des Akkustandes. Ist die Nachfrage hoch oder der Akku des Smartphones bald leer, steigen die Preise. Das schaffe in der Gesellschaft Klassenunterschiede und Misstrauen. Dazu komme, dass Regierungen, Geheim- und Nachrichtendienste beim digitalen Datenverkehr ebenso mithörten, wie die kommerziellen Dienstleistungsanbieter Google, Apple, Facebook, Microsoft, Amazon usw. Das Problem sei, dass man nicht genau wisse, wer was und zu welchem Zweck mithöre und welche Daten gesammelt werden. Denn: «Wenn ich weiss, dass ich überwacht werde, verhalte ich mich anders», schloss Seele.

Abstrakte Materie

Moderator Yves Bossart, der die anschliessende Fragerunde moderierte, brachte es auf den Punkt: «Die Digitalisierung ist ein sehr abstraktes Thema.» Er fragte Seele, weshalb wir Anbieter nutzen, obwohl wir genau wissen, dass sie uns ausspionieren? «In meinem Fall ist es reine Bequemlichkeit», gab Seele zu. Welche Daten sammelt Microsoft?, wollte Bossard von Simone Frömming, der Leiterin des Grosskundengeschäfts bei Microsoft, wissen, die ebenfalls auf dem Podium Platz genommen hatte. «Bezüglich Datenschutz müssen wir uns an unsere Geschäftsbedingungen und die neue EU-Datenschutz-Grundverordnung halten, welche seit 25. Mai gilt», so Frömming. Seele ergänzte: «Die Datenschutz-Grundverordnung ist erst der Anfang. Weitere werden zum Schutz der Internetnutzer folgen müssen.» Bossart stellte fest, dass die Jugendlichen einen sorgloseren Umgang mit ihren Daten pflegten als die ältere Generation. «Es ist wichtig, dass man die Leute über die Folgen ihres digitalen Tuns aufklärt», mahnte Seele. Cachelin ergänzte: «Ich kaufe aus Prinzip keinen Alkohol mit der Kreditkarte. Krankenkassen wollen wissen, ob wir gesund leben. Kreditkarten hinterlassen digitale Spuren.» Frömming: «Chancen und Risiken der Digitalisierung sind eine Frage der Perspektive, im Positiven wie im Negativen.» Sie plädierte dafür, sich mit den Technologien zu befassen, das nehme die Angst. Auf die Frage, ob es irgendwann eine Maschine gebe, die sich selber wahrnehmen kann, gaben sich die Podiumsteilnehmer ahnungslos. Man könne nicht vorhersehen, was die Folgen der Digitalisierung sein werden. Bossart: «Wissen ist Macht und kann zu Machtmissbrauch führen, wie aktuelle Beispiele gezeigt haben. Cachelin: «Es ist zu einfach, dass Google und Facebook a priori böse sind. Es wird weiterhin einen Wettkampf der Ideen und Technologien geben. Wir sind alle Kunden und können mit unserem Verhalten selber steuern, was okay ist und was nicht.»

Kein Link zu Gott

Aus den Wortmeldungen der anschliessenden Publikumsdiskussion war eine gewisse Ratlosigkeit und auch Irritation herauszuhören. Vermisst wurde der Bogen zum Fundamentalen, Theologischen und zu Gott. Seele nannte es eine Herausforderung für die Kirchen, die Digitalisierung auch religiös in die Neuzeit zu überführen und die Schöpfungsgeschichte weiterzuentwickeln. Darauf entgegnete ein Mann: Die Kirchenleitungen seien mit der Thematik überfordert. Er könne keinen Zusammenhang herstellen zwischen Gott und dem Internet. Ein Mann, der in Silicon Valley gelebt hat, erwähnte das chinesische Regime, das schon zwei Schritte weiter ist wie die übrige Welt und die Bevölkerung anhand ihrer digitalen Daten bereits systematisch in gut und böse kategorisiert, was tiefgreifende Folgen für die Betroffenen haben könne. Er sagte: «Im Silicon Valley waren die Kirchen im Gegensatz zu hier voll.» Er vermisse hier, dass die Kirchen keinen moralischen Kompass zu aktuellen Fragen böten. Cachelin vertrat die Meinung, dass wir in erster Linie mehr Selbstreflexion bräuchten und nicht unbedingt eine starke Kirche.

Hat ein einzelnes Land überhaupt noch die Macht, um Grosskonzerne wie Google, Apple oder Facebook in die Knie zu zwingen? Seele: «Was sich bewährt hat, ist die Macht auf viele Schultern zu verteilen, so, wie es in Demokratien üblich ist.» Die Digitalisierung sei wie ein Goldrausch. Nun folge ein Regulierungsprozess. «Wir haben es in der Hand, diesen Prozess mitzugestalten.» Frömming: «Die Digitalisierung ist auch ein gesellschaftlicher Wandel.» Cachelin: «Ich glaube an die positive Wirkung der Transformation.»

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