«LaMarotte» tourt durchs Säuliamt

Auch im Herbstsemester wird es nichts mit Veranstaltungen im Affoltemer Kulturkeller. Stattdessen geht «LaMarotte» auf Tournee – in grössere Lokalitäten im Bezirk.

Geschäftsführerin Isabelle Schaetti im - weiterhin leeren - Kulturkeller
Geschäftsführerin Isabelle Schaetti im - weiterhin leeren - Kulturkeller

Am 13. März, einem Freitag, fand im Kulturkeller LaMarotte in Affoltern die vorerst letzte Veranstaltung vor Publikum statt. «Der Bummler» stand damals auf dem Programm und angesichts der Corona-Ängste kamen nur eine Handvoll Leute. «Wir hätten besser ­abgesagt», blickt Geschäftsführerin Isabelle ­Schaetti zurück. Beim Shutdown Mitte März stellte man sich auf einen kurzen Unterbruch ein. Daraus wurden mittlerweile fünf Monate – oder 22 öffentliche Veranstaltungen und eine Handvoll privater Anlässe, die seither ins Wasser ­gefallen sind. Aktuell dürften maximal 16 Leute in den Kulturkeller. An einen Betrieb ist unter diesen Bedingungen nicht zu denken.

«Wir bekommen immer wieder ­Anrufe: ‹Was ist eigentlich mit euch?› oder ‹Geht es überhaupt noch weiter?›», so Isabelle Schaetti. Zumachen und die Krise aussitzen ist für den Kulturkeller angesichts der ungewissen Aussichten allerdings keine Option. Stattdessen wagte man den Sprung ins Ungewisse. Will heissen: Das «Marotte» machte sich auf die Suche nach alternativen Spielorten – und stiess bei Kirchen sowie Kulturvereinen und -komitees auf viel Verständnis und offene Ohren. «Wir fühlen uns sehr gut aufgehoben im Bezirk», so die «Marotte»-Geschäftsführerin. 

Nationale und internationale Grössen
Den Ausnahmezustand am wenigsten spüren werden die Jazz- und Klassik-­Fans. Abgesehen vom ungewohnten Veranstaltungsort – mit der Möglichkeit, die Abstandsregeln einzuhalten – ändert sich für sie nicht viel. Die Klassikkonzerte finden in der Kirche Aeugst statt, «Jazz am Donnerstag» in der Chrischona, Affoltern. Reduziert wurde dagegen das Kabarett- und Theater-Programm. «Angesichts der knappen Mittel waren wir da lieber etwas zurückhaltend», erklärt Isabelle Schaetti. Und auch mit kurzfristigen Absagen muss man demnächst vermehrt rechnen. So wird etwa die australische Bassistin und Sängerin Nicki Parrott Mitte September nicht für ihr Gastspiel mit dem «International Swing Quartet» einreisen können. 

Ein Highlight dürfte sicher der Auftritt des Russisch-Ukrainischen Duos Vadim Neselovskyi (Piano) und Arkady Shilkloper (Hörner) am 16. Oktober in der Kirche Aeugst sein – zwei Musiker auf Weltniveau, die angesichts ihrer dicht gedrängten Tourneepläne äusserst schwierig als Duo zu buchen sind. Sie geben denn auch nur zwei Konzerte in der Schweiz und sind dann schon wieder weg. Von den Schweizer Grössen im aktuellen Programm seien Kabarettist ­Manuel Stahlberger («Eigener Schatten», am 4. September, Aula Ennetgraben, Affoltern), Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart («Bajass», 30. Oktober, Gemeindesaal Ottenbach) sowie die Liedermacher Markus Schönholzer (23. Oktober, Gemeindesaal Ottenbach) und Reto Zeller (6. November, Gemeindesaal Hausen) erwähnt.

Rund 90000 Franken fehlen
Während die Kulturveranstaltungen auf die Atmosphäre mit Publikum angewiesen sind, hat sich bei den Diskussionsveranstaltungen der Schritt ins Digitale bewährt: «Da sind wir auf den ­Geschmack gekommen», sagt die ­«Marotte»-Geschäftsführerin. Im Lokal habe man jeweils etwa 30 bis 50 Leute gehabt, im Netz seien es gegen 400 – durchaus auch eine Option für die Nach-Corona-Zeit. 

«Für Veranstalter und Künstler ist die Situation eine Katastrophe», spricht die «Marotte»-Geschäftsführerin Klartext. «Viele freie Künstler leben von Gig zu Gig. Wenn sie nicht auftreten können, geht es schnell ans Existenzielle.» Dem Kulturkeller dürften zumindest die Mitgliederbeiträge (60000 Franken), Spenden und Sponsorenbeiträge (20000 Franken) sowie ein Teil der Ticketeinnahmen und Kollekten (knapp 65000 Franken) bleiben, dazu die Beiträge der öffentlichen Hand: 60000 Franken vom Kanton und 10000 Franken von den Ämtler Gemeinden. Das macht insgesamt rund 200000 Franken. Dagegen fallen allerdings auch knapp 90000 Franken weg, weil die Einnahmen von Gastronomie (60000 Franken) und Vermietungen (20000 Franken) fehlen. «Mit der Privatvermietung und der Bewirtung haben wir unseren Umsatz gemacht. Das sind die Gagen von morgen», erklärt Isabelle Schaetti. Mehraufwand generiert zudem die Infrastruktur für die «Tour de Säuliamt» – trotz grosszügigen Entgegenkommens der beteiligten Partner. 

Gravierte Gläser und Geister-Entenrennen
Die düsteren Zahlen vermögen den Optimismus beim «LaMarotte» allerdings nicht zu vertreiben. «Wir fühlen uns von der Zivilgesellschaft getragen», betont Isabelle Schaetti. So habe der Hausbesitzer von sich aus auf zwei Monatsmieten verzichtet und es seien in letzter Zeit vermehrt Spenden eingegangen von ­Leuten, denen der Kulturkeller offenbar am Herzen liegt. «Spenden kann man bequem auf www.lamarotte.ch mit ­Postcard, Kreditkarte und Twint», 
so Schaetti. Mit kreativen Ideen zu ­neuen Einnahmenquellen versucht das «LaMarotte» zudem, das Defizit in Grenzen zu halten. Eine solche Idee ist der Verkauf von Gläsern mit eingraviertem «Rettungslogo», einem Schwimmring über dem «Marotte»-M. 

Finanzielle Entlastung erhofft man sich zudem vom Entenrennen. Der traditionelle Anlass zum Saisonabschluss hat sich zu einem veritablen Familienfest entwickelt, an dem sich auch Leute beteiligten, die sonst mit dem «LaMarotte» gar nichts am Hut haben. Auch wenn aus diesem Fest dieses Jahr nichts wird: Was im Eishockey und im Fussball geht, müsste doch auch mit gelben Kunststoffentchen möglich sein. So findet der Anlass coronabedingt als Geisterrennen, also unter Ausschluss des Publikums, statt. «Wir hoffen natürlich, dass möglichst viele Leute ein Entchen oder auch mehrere ins Rennen schicken», so ­Isabelle Schaetti. Es locken Preise im Gesamtwert von mehreren hundert Franken. Die Startgebühr kostet 10 Franken, anmelden kann man sich bis zum 25. August mit einer Überweisung unter dem Stichwort «Entenrennen» (Infos: www.lamarotte.ch). Der Austragungstermin bleibt geheim, aus Gründen der Transparenz wird das Rennen gefilmt.

 

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