Liebesgrüsse aus Uerzlikon
Die Gemeinde Kappel im Wandel der verschiedenen Epochen

Die Parabel auf einen James-Bond-Film im Titel dieses Betrages mag auf den ersten Blick etwas melodramatisch wirken. Wenn man jedoch, wie der Schreibende, seit 1972 mit Unterbrüchen in der Gemeinde Kappel lebt, da selber zur Schule gegangen ist und während acht Jahren die Primarschulpflege geführt hat, zwei Kinder grossgezogen und zwei unter Ortsbildschutz stehende Häuser umgebaut hat, dann muss es etwas auf sich haben mit dem Dorf, in dem man den grössten Teil seines bisherigen Lebens verbracht hat. Genau davon soll dieses Gemeindeporträt über Kappel handeln. Aber wieso steht dann Uerzlikon im Titel? Uerzlikon ist ein eigenständiges Dorf wie Hauptikon und Kappel selbst; die drei Ortschaften wurden einst zur Gemeinde Kappel zusammengefasst. Keinem Uerzliker und auch keinem Hauptiker käme es in den Sinn, ihre Dörfer als «Dorfteile von Kappel» zu bezeichnen.
Drei eigenständige Dörfer, eine Gemeinde
Dass die Dörfer sehr wohl eigenständig funktionieren und lange vor Kappel bestanden, ist Teil ihres Charmes und geschichtlich verbrieft. Die Fasnachtsgesellschaft Uerzlikon, der kulturell vielleicht wichtigste Dorfverein in der Gemeinde, heisst so, weil er 1964 in Uerzlikon gegründet wurde – und nicht etwa in Kappel. Noch älter sind nur noch der 1860 gegründete Frauenverein Uerzlikon-Hauptikon (heute: Frauenverein Kappel) und der 1886 gegründete Feldschützenverein. Uerzlikon war früher das grösste und wohlhabendste der drei Dörfer, glaubt man der Gemeindechronik, die der Historiker und «Anzeiger»-Mitarbeiter Bernhard Schneider zusammengetragen hat. Dieses Gemeindeporträt soll aber nur am Rande von der grauen Vorzeit handeln, als Uerzlikon und Hauptikon noch im Einflussbereich von Blickensdorf beziehungsweise Baar und damit der Innerschweiz lagen. Dennoch muss erwähnt sein, dass in Kappel eines der ältesten Zisterzienserklöster der Welt steht, das seine Gründung im 11. Jahrhundert hatte. Die Klosteranlage ging mit der Reformation 1527 an die Stadt Zürich. Anfang der 1980er-Jahre liess die evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Zürich die Klosteranlage, die zwischenzeitlich auch Waisen- und Armenhaus, «Korrektionsanstalt», Alters- und Krankenasyl beherbergte, in ein Seminarhotel umbauen, das heute als grösster Arbeitgeber in der 1383-Seelen-Gemeinde gilt. Mit dem Ausbau der Klosterdomäne läuft derzeit ein nächster Kommerzialisierungsschritt des geschichtsträchtigen Perimeters.
Kappel stand im Einfluss der Eschenbacher und Habsburger und geriet im Mittelalter zusehends ins Spannungsfeld der Religionskriege zwischen Katholiken und Protestanten; zwischen den reformierten Zürchern und den katholischen Schwyzern. Dabei muss es zugegangen sein wie im hölzernen Himmel. Legendär ist die Geschichte vom Kappeler Milchsuppenessen im Juni 1529, als sich die beiden Antipoden im ersten Kappelerkrieg noch friedlich gegenübersassen und gemeinsam Milchsuppe assen. Zwei Jahre später krachte es dann aber doch. Mit fatalen Auswirkungen, denn im zweiten Kappelerkrieg fiel unter anderen Zürichs Reformator Huldrych Zwingli, der die Schlacht gegen die fünf katholischen Innerschweizer Kantone anführte. Der Zwingli-Stein an der Albisstrasse beim oberen Dorfeingang von Kappel erinnert ans damalige Blutvergiessen. Auch wenn mit der Gründung der modernen Eidgenossenschaft 1848 die Religionsfreiheit ausgerufen wurde, war der Zwist der beiden Religionsgruppen bis weit ins 19. Jahrhundert hinein spürbar, wurde es zum Beispiel nicht gerne gesehen, wenn es zu Mischehen zwischen Katholiken und Protestanten kam.
Katholiken gegen Protestanten
Der Glaubenskonflikt verrät die strategisch interessante geografische Lage der Gemeinde auf dem Lande, aber dennoch nahe der Zentren Zürich, Zug und Luzern. Uerzlikon und Kappel teilen die Grenze mit Baar – der steuergünstigsten Kommune der Schweiz – und damit mit dem Kanton Zug. Dazu später mehr.
An einem heissen Sommertag im Juli 1972 zog die Familie des Schreibenden nach Uerzlikon, das – wie Kappel und Hauptikon – ein reines Bauerndorf war. Die Gemeinde zählte 632 Einwohner – Tendenz bis in die 1980er-Jahre sinkend. Die Landwirtschaft wurde auch noch im Dorf betrieben. Die Bauern führten eine Sennereigenossenschaft und erzeugten bis 1989 eigenen Emmentaler Käse, desgleichen in kleinerem Umfang auch in Kappel. Heute sind die Bauernhöfe – ausser in Hauptikon – nur noch an der Peripherie der Dörfer anzutreffen. Auf dem einstigen Landwirtschaftsland in und ums Dorf stehen heute Wohnhäuser und teilweise ganze Siedlungen.
Das Schulhaus in Uerzlikon ist das älteste in der Gemeinde. 1859 erbaut, war es – neben dem inzwischen zur Schule umfunktionierten Restaurant Lindenhof – das erste Gebäude mit einem öffentlichen «Abtritt» (Wasserklosett), also keinem Plumpsklo. Möglich machte dies die 1895 gegründete Wasserversorgungsgesellschaft Uerzlikon – ebenfalls die älteste in der Gemeinde. 2018 wurde sie mit der in Hauptikon fusioniert, die seit 1940 bestand (Kappel seit 1929). Trinkfrisches Wasser, das in die Häuser gepumpt wird, gibts also noch nicht ewig. Der Bau der Kanalisation und die Organisation der Müllabfuhr (1968) wurden sogar erst etliche Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in Angriff genommen. Ab 1957 reinigte die Kläranlage in Knonau das Kappeler Abwasser, bis deren Betriebserlaubnis 2022 auslief. Inzwischen wird das gesamte Abwasser aus dem Oberamt über Knonau in die moderne vierstufige Kläranlage in der Chamau bei Lindencham gepumpt und dort gereinigt.
Der Bau des Schulhauses Tömlimatt
Auch bezüglich der Organisation der Schule hat sich in der Oberämtler Gemeinde in den letzten Jahrzehnten vieles geändert. 1972 wurden in Uerzlikon die 1. und 2. Primarklasse als Doppelklasse geführt. Die 3.- bis 6.-Klässler mussten nach Kappel ins alte Schulhaus bei der Kirche, oder sogar nach Hausen. Da es noch keine Blockzeiten gab, die Primarschule also noch kindgerechter war, funktionierte das prächtig und kostengünstig ohne zusätzlichen Personalaufwand. Als Zweitklässler mussten wir in der Regel nur zwei Stunden am Morgen und zwei Stunden am Nachmittag zur Schule, morgens alternierend zu den Erstklässlern – auch samstags. Dazwischen blieb genügend Zeit, um sich auszutoben, was wir auch taten. Erst mit dem Velo, später mit dem Töffli erkundeten wir die wunderbare Umgebung, fuhren nach Kappel oder Hausen in die Schule, nach Mettmenstetten, Baar oder an den Türlersee zum Baden, nach Rifferswil in die Jugi oder nach Affoltern oder Zug in den Ausgang.
1973 wurde dann das neue Schulhaus in der Tömlimatt eingeweiht, in dem alle Primarschüler der Gemeinde bis heute beschult werden und das demnächst den dritten Ausbauschritt erlebt. In Uerzlikon ist seither der Kindergarten. Hausen war und ist der Schulort für die Sekundarschule als Kreisgemeinde zusammen mit Kappel und Rifferswil organisiert. Das neue Schulhaus Tömlimatt wurde zum neuen Dreh- und Angelpunkt des sozialen Kappeler Gemeindelebens. Fortan fand das «Chränzli» mit Theatervorführung des Gemischten Chors Kappel im Tömlimatt und nicht mehr im alten Schulhaus Uerzlikon statt, ebenso die Fasnachtsaktivitäten. Die Turnhalle wurde zur Festhalle; die Turnstunden fielen während dieser Zeit einfach aus, womit niemand ein Problem hatte. Die Kinder bewegten sich auch so genug und die Lehrerinnen waren in den Dorfvereinen engagiert, führten diese sogar.
Ausbau des Gemeindesaals
Mit dem Ausbau des Gemeindesaals in den 1990er-Jahren verlagerten sich die Festivitäten aus dem Schulhaus. Im Gegensatz zu Affoltern waren die Kappeler pragmatisch genug, diesen Umbau bei aller Schönheit so vorzunehmen, dass man im Gemeindesaal auch die Anlässe der Fasnachtsgesellschaft durchführen konnte. In Kappel wird also nicht nur versprochen, etwas für die Dorfvereine zu tun, man tut es tatsächlich. Das konnte aber nicht verhindern, dass sich 2010 mit dem Gemischten Chor zugleich der bis dato wichtigste Verein in der Gemeinde auflöste. Aber nicht dessen Hauptanlass im Sommer, das Waldfest im Uerzliker Erdbeeriholz. Dies wird seither weitergeführt von den Albis Devils, dem Unihockey-Club der Gemeinde. Die Theateraktivitäten gingen in der neugegründeten Theatergruppe Oberamt auf; die Singwilligen traten den Chören in Hausen bei.
Seit der Jahrtausendwende erlebt die Gemeinde einen Bauboom. Die Nähe zum Kanton Zug lässt die Bodenpreise in die Höhe schnellen, da für viele Erwerbstätige der Wohnraum im Nachbarkanton zu teuer geworden ist. Dass Zug ein Magnet für Expats ist, macht sich auch in der Gemeinde Kappel bemerkbar. Die Bevölkerung wird internationaler und zahlungskräftiger. Die Regulierungswut der Zürcher Bau- und Naturschutzbehörden tut ihr Übriges, dass bezahlbarer Wohnraum in Kappel immer rarer wird.
Der Gemeinderat als Handlanger
Mit dieser Unart, dass der Kanton Zürich das föderale Subsidiaritätsprinzip der Schweiz immer mehr ritzt, kämpft auch der Kappeler Gemeinderat, wie an der Wählerversammlung Ende Januar im Gemeindesaal zu vernehmen war. Zwei Tage zuvor war die Informationsveranstaltung zur Revision der Bau- und Zonenordnung. «Nahezu ganz Kappel unter kantonalem Ortsbildschutz», titelte darauf der «Anzeiger» auf der Front. Dass der Gemeinderat zum Handlanger der Zürcher Verwaltung wird und als Vollzugsbehörde den ganzen Frust der Gebäudeeigentümer zu spüren bekommt, kommt bei den Betroffenen mässig gut an. Desgleichen im Bereich «Naturschutz», wo die Vorgaben aus Zürich laufend kruder anmuten. Aufgeben ist für den Gemeinderat aber keine Option.
Dass es keine Rücktritte gibt, zeugt von Einigkeit. Gemeindepräsident Martin Hunkeler erklärt, was das Leben in Kappel ausmacht: «Wir haben eine überschaubare Grösse. Man kennt sich noch persönlich und weiss, wo beim anderen der Schuh drückt. Das erleichtert Problemlösungen.» Hochbauvorsteherin Lilo Steinmann Plüss betont den Zusammenhalt in der Gemeinde, wenn Not an Mann oder Frau ist. Hunkeler verhehlt aber nicht, dass der finanzielle Druck auf kleinen Gemeinden wie Kappel besonders stark laste. Finanzielle Unabhängigkeit sei deshalb wichtig, um autonom zu bleiben. Und, dass für die Behördentätigkeit genügend fähige Leute zur Verfügung stünden, damit die Gemeinde handlungsfähig bleibe.
Der Kampfeswille und der Zusammenhalt gegen die Obrigkeit scheinen in Kappel ungebrochen und spiegeln sich oft auch in den Abstimmungsresultaten. Das macht die Gemeinde so speziell, liebens- und lebenswert – wie schon seit Jahrhunderten.


