Lokaler Solarstromhandel: Euphorie ist weg
Mettmenstetten startet dennoch mit «Gemeinsamstrom»

Mit lokal produziertem Solarstrom Geld verdienen: Darauf hoffte bis vor Kurzem so mancher Solaranlagen-Besitzer, nachdem das Stimmvolk 2024 das revidierte Stromversorgungsgesetz angenommen hatte. Der Grund: Dank des revidierten Gesetzes darf seit Januar dieses Jahres lokal produzierter Solarstrom an lokale Stromkonsumenten verkauft werden. Auch von Privaten an Private, im Rahmen von sogenannten «Lokalen Elektrizitätsgemeinschaften» (LEG). Der Vorteil des lokalen Stromhandels für Solarstromproduzenten: Sie erhalten für nicht genutzten Solarstrom deutlich mehr Geld, als wenn sie die Energie (wie bisher) ins öffentliche Netz abgeben.
Die Euphorie, die vor einem Jahr angesichts der damals noch unbekannten LEG-Umsetzung geherrscht hatte, ist allerdings inzwischen merklich abgeflaut. Das zeigte sich am vergangenen Donnerstag an einer Informationsveranstaltung der Gemeinde Mettmenstetten und der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) im Singsaal Wygarten in Mettmenstetten.
Mettmenstetten, das über eine Reihe von gemeindeeigenen Solarstromanlagen verfügt, hatte sich vor einem Jahr auf Initiative von Gemeinderat Marcel Eicher intensiv auf das Thema LEG eingelassen. Heute, ein Jahr nach einer ersten Infoveranstaltung, bilanziert Eicher nüchtern: «Damals wurden LEG als Wundermittel angepriesen. Heute müssen wir feststellen: Das sind sie nicht.» Das Thema habe sich als äusserst komplex erwiesen, erklärte er am Donnerstag. Und es habe «die wirtschaftlichen Erwartungen bisher noch nicht erfüllt». Noch immer gehe es «mehr um Ideologie als um Wirtschaftlichkeit».
«Gemeinsamstrom» seit dem 1. Mai in Betrieb
Trotz der noch vielen offenen Fragen hat in Mettmenstetten am 1. Mai unter der Führung des EKZ das Projekt «Gemeinsamstrom» den Betrieb aufgenommen (siehe auch Kästchen). Dabei wird der von den gemeindeeigenen Solaranlagen – u. a. auch auf dem Dach der Sekundarschule Knonau-Maschwanden-Mettmenstetten, sek mättmi – produzierte überschüssige Solarstrom neuerdings lokal in den Gemeindeliegenschaften verbraucht. Es ist quasi «Solar-Neuland», auf das sich Mettmenstetten vorgewagt hat, zusammen mit Rickenbach als erste Gemeinde im EKZ-Gebiet.
Obwohl vergleichsweise überschaubar, hat sich selbst das Projekt in Mettmenstetten als komplex erwiesen. Eine der vielen Knacknüsse (die man auch von Windenergieanlagen her kennt): Der Stromverbrauch der 31 gemeindeeigenen Liegenschaften (2025: 980000 kWh) kann durch den von der Gemeinde selber produzierten Solarstrom (2024: 510000 kWh) nur zum Teil gedeckt werden. Und der überschüssige Solarstrom (vor allem tagsüber im Sommer) fällt nicht immer genau dann und genau dort an, wo er benötigt wird.
Weil konkrete Zahlen im Moment noch fehlen, hat der Mettmenstetter Gemeinderat beschlossen, die Pilotprojekt-Phase bis Ende Jahr zu verlängern. In dieser Zeit soll unter anderem darüber entschieden werden, ob der «Gemeinsamstrom» auch für Private geöffnet werden soll. Davon abgesehen, so Marcel Eicher, hat die Gemeinde noch etliche «Hausaufgaben» zu machen und herauszufinden, was wo optimiert werden könnte. Dass Solarstromanlagen auch mit neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen keine Goldesel sind, hat sich unter privaten wie öffentlichen Solaranlagen-Besitzern mittlerweile herumgesprochen. Darauf liessen am Donnerstag auch die auffallend fachkundigen Fragen und Kommentare der rund 25 Interessierten schliessen. Von Euphorie war nicht mehr viel zu spüren, aber ebenso wenig auch von Resignation. Man scheint sich mit der Tatsache abgefunden zu haben, dass bei allen Varianten Aufwand und Ertrag sich ungefähr die Waage halten.
Das gilt zumindest für das EKZ-Versorgungsgebiet mit den vergleichsweise tiefen Stromtarifen. Andernorts mag die Rechnung anders aussehen. Völlig offen bleibt dabei die Frage, was passiert, wenn die Strompreise generell und dauerhaft kräftig steigen sollten. Dann könnte sich lokaler Solarstrom sowohl für Produzenten wie auch für Verbraucher plötzlich rechnen.
Für Remo Mucha, Projektleiter «Gemeinsamstrom» bei den EKZ, führt grundsätzlich kein Weg am Solarstrom vorbei. Das Wasserkraftpotenzial in der Schweiz sei weitgehend ausgeschöpft, so Mucha am Donnerstag. Gleichzeitig gebe es grossen Widerstand gegen Windräder. Und der plötzlich wieder debattierte Bau von neuen Atomkraftwerken sei derzeit keine Lösung, weil es selbst bei einem sofortigen Baubeginn mehrere Jahrzehnte dauern würde, bis ein neues AKW ans Netz gehen könnte.
Grosses Interesse an lokalen Stromgemeinschaften
Im Versorgungsgebiet der EKZ sind aktuell 60 lokale Elektrizitätsgemeinschaften (LEG) in Betrieb. Weitere 245 LEG befänden sich im Stadium der Anmeldung oder der Aktivierung, teilt EKZ-Mediensprecherin Viviane Ammann auf Anfrage mit.
Unter dem Titel «Gemeinsamstrom» bieten die EKZ den LEG auf Gemeindeebene eine Art «Rundum-sorglos-Paket» an (siehe Beispiel Mettmenstetten). Dabei begleiten sie die Teilnehmenden durch den gesamten Prozess, «von der Planung über die Umsetzung bis zum Betrieb», so Ammann. Zudem würden die EKZ den vollständigen organisatorischen Aufwand übernehmen. Dadurch werde die Teilnahme «auch für kleinere Gemeinden und Unternehmen einfach und ohne Mehrkosten möglich». Stand heute seien im Netzgebiet 21 LEG mit «Gemeinsamstrom» angemeldet, drei bis sechs kämen monatlich neu dazu.
Da LEG erst Anfang des Jahres eingeführt wurden, lägen aktuell noch keine Erfahrungswerte vor, so Ammann. Es bleibe abzuwarten, ob die LEG «ein Erfolgsmodell bleiben oder ob allenfalls bei den rechtlichen Bedingungen aus Gesetz und Verordnung nachjustiert werden muss». Aktuell seien wegen der gesetzlichen Ausgestaltung die Rahmenbedingungen «für signifikante Einsparungen in einer LEG noch nicht gegeben», räumt man bei den EKZ ein. Positiv hervorzuheben sei aber das grosse Interesse, das die Einführung von LEG ausgelöst hat. (dv)


