Mehr Wild im Wald
Sommerserie «Grenzen» (1): Grenzgänger wie Wolf, Luchs und Gämsen wandern häufiger durch die Region
Im Albisgebiet ist derzeit mehr Wild als noch vor wenigen Jahrzehnten unterwegs. Während Rehe, Füchse und Dachse längst zur hiesigen Tierwelt gehören, kehren heute auch Arten zurück, die lange verschwunden waren. Andere durchqueren die Region auf ihren Wanderungen – darunter Wolf, Luchs und Gämse.
Gämse auf Wanderschaft
«Im Moment passiert viel», sagt Karin Hindenlang Clerc von der Jagdgesellschaft Affoltern am Albis und Geschäftsführerin der Stiftung Wildnispark Zürich. Die Ausbreitung grösserer Säugetiere sei in vollem Gange. Noch um 1900 habe es im Schweizer Mittelland keine Grosswildtiere mehr gegeben. «Es gab keine Rehe, keine Rothirsche und keine Wildschweine.» Heute sei die Situation eine völlig andere.
Neben etablierten Arten breiten sich Rothirsche, Biber und Wildschweine langsam wieder im Säuliamt aus. Auch Gämsen werden immer wieder im Albisgebiet beobachtet. Noch handle es sich um einzelne Tiere auf Wanderschaft. Ihre Sichtungen zeigen jedoch, dass sie die Region zunehmend als Lebensraum nutzen.
Wolfsrudel im Sihlwald möglich
Für Hindenlang Clerc ist diese Entwicklung ein natürlicher Prozess. Rothirsche nutzen den Albisrücken und das Rheintal als Wanderachsen. «Und wo Huftiere vorkommen, folgen früher oder später auch Grossraubtiere. Wenn das Futter wieder da ist, kommen auch sie zurück in die Region.»
Auch aus Sicht der kantonalen Baudirektion ist das Albisgebiet eine wichtige Wanderachse für Wildtiere. «Neben Albiskette und Sihltal dienen beispielsweise auch die naturnahen Uferbereiche entlang von Reppisch, Jonen und Reuss zahlreichen Arten als Wanderwege», ergänzt Isabelle Rüegg von der Medienstelle.
Nicht nur dort sind immer wieder Grenzgänger unterwegs. «Junge Wolfsrüden verlassen ihre Rudel im Bündnerland, in den Kantonen Schwyz oder Glarus und ziehen auf der Suche nach eigenen Revieren durch das Mittelland», erläutert Hindenlang Clerc. Die Wolfsbeobachtungen rund um Kappel, Hausen oder Mettmenstetten ordnet sie als Wanderbewegungen einzelner Tiere ein. Eine dauerhafte Ansiedlung schliesst sie jedoch nicht aus. «Ob es im Sihlwald einmal ein kleineres Wolfsrudel geben wird, wissen wir heute nicht. Aber es wäre durchaus möglich.»
Auch der Luchs kann zu den Besuchern gehören, wenn auch meist zu den unsichtbaren. «Die geschützte Art kämpft weiterhin mit genetischen Problemen», sagt Hindenlang Clerc. Im Projekt «Linking Lynx» sollen deshalb in Zoos gezüchtete Tiere die genetische Vielfalt der frei lebenden mitteleuropäischen Population stärken. «Ausgestorbene Arten zurückzubringen, ist schwierig. Umso wichtiger ist es, Tiere zu unterstützen, die sich von selbst wieder ausbreiten.»
Wo die Wanderung stockt
Damit Wildtiere wandern, brauchen sie durchlässige Landschaften. «Hinderlich sind sogenannte Mehrfachbarrieren – etwa wenn Strassen, Bahnlinien und andere Hindernisse unmittelbar aufeinanderfolgen», betont Hindenlang Clerc. Auch zurückgelassene Zäune erschweren die Wanderungen der Tiere.
Die kantonale Baudirektion verweist auf Wildtierkorridore bei Affoltern und Hedingen, Birmensdorf und Mettmenstetten. «Sie verbinden die Lebensräume entlang der Albiskette mit den umliegenden Regionen», so Isabelle Rüegg. Problematisch seien vor allem Engpässe entlang der A4. Autobahneinzäunungen und Infrastrukturbauten erschwerten die Bewegungen vieler Arten. Einzelne Landschaftsverbindungen konnten zwar verbessert werden, seien aber weiterhin nicht optimal.
Gefahren sieht Hindenlang Clerc auch im Strassenverkehr. «Nachts sollte man nicht mit 80 km/h die Aeugsterstrasse entlangbrettern. Immer nur so schnell fahren, dass man rechtzeitig bremsen kann, wenn ein Tier die Strasse überquert.»
Wenn Freizeit zur Belastung wird
Vor allem seit der Pandemie habe sich der Freizeitdruck auf die Wälder stark erhöht. «Die Tiere mussten darauf reagieren und haben ihre Aktivitäten stärker in die Nachtstunden verlegt.» Gerade Rothirsche seien auf störungsarme Rückzugsräume angewiesen. «Im Winter ziehen sie sich deshalb in die geschützten Kernzonen des Sihlwalds zurück», sagt Hindenlang Clerc.
Im Zusammenleben mit den Wildtieren wünscht sie sich vor allem Rücksichtnahme, Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure und Offenheit im Umgang mit Veränderungen. Gleichzeitig brauche es pragmatische Lösungen für mögliche Konflikte – etwa beim Herdenschutz oder im Umgang mit Bibern.
Auch die Förderung der Biodiversität im Siedlungsraum leistet einen Beitrag. Vernetzte Grünflächen und naturnahe Gärten schaffen als Trittsteinbiotope Lebensräume für Vögel, Insekten, Reptilien und kleinere Säugetiere. Sie erleichtern es den Tieren, sich in einer zunehmend zersiedelten Landschaft zu bewegen und neue Lebensräume zu finden.
Neue Nachbarn im Wald
Die Wildtiere sind längst wieder ein fester Bestandteil unserer Landschaft geworden. Wer aufmerksam unterwegs ist, kann ihre Spuren entdecken. «Biber, Rothirsch und Co. sollte man respektvoll und mit genügend Abstand begegnen und sich darüber freuen, dass diese Wildtiere wieder ihren Lebensraum mit uns teilen», findet Hindenlang Clerc. Wie gut sich manche Arten an unsere zersiedelte Landschaft anpassen können, zeigt eine aktuelle Beobachtung: «Hinter der Rehaklinik des Kinderspitals Affoltern bin ich kürzlich einem kleinen Rothirschrudel begegnet, das sich sehr vertraut zwischen den Wäldern bewegt hat.»
Die Sichtungen von Wolf, Luchs, Gämse, Biber, Wildschwein und Rothirsch zeigen, dass selbst dicht besiedelte Regionen Platz für Wildtiere bieten können – sofern ihre Wanderwege erhalten bleiben. «Wenn Nahrung und Lebensraum vorhanden sind, finden die Tiere ihren Weg von selbst», sagt Hindenlang Clerc.
Sommerserie
«Grenzen» – abstrakt und konkret
In der diesjährigen Sommerserie rücken die «Anzeiger»-Journalistinnen und -Journalisten Grenzen in den Fokus. Wo wurden einst Grenzen gezogen, wo werden Grenzen durchbrochen oder vielleicht auch mal etwas Grenzwertiges?
Jeder Teil ist eine individuelle Auseinandersetzung mit dem Grenzbegriff – ob abstrakt oder konkret. Lassen Sie sich überraschen und stellen Sie sich die Frage, wo Ihre eigenen Grenzen liegen und weshalb. (red)










