Vom Versuch der SVP, Junge für die Politik zu gewinnen
Podiumsdiskussion zwischen einem Rechtsaussen-Politiker und einem «Klima-Kleber»

Kann das gut gehen? Um junge Menschen für die Politik zu interessieren, hat die SVP Bonstetten am Samstag einen ungewöhnlichen Versuch gestartet: ein Podiumsgespräch zwischen einem wegen Rassismus verurteilten SVP-Vertreter auf der einen Seite und einem ebenfalls verurteilten «Klima-Kleber» auf der anderen. Man müsse schauen, so Claude Wuillemin, Präsident der SVP-Ortspartei Bonstetten, einleitend, dass aus der Partei «kein Rollator-Club» werde; deshalb dieser Anlass, der sich explizit an junge Wählerinnen und Wähler richtet. Ein Rechtsaussen-Politiker und ein «Klima-Kleber». Was auf dem Papier nach harten politischen Auseinandersetzungen tönt, was bei manchen schon beim Lesen Empörung hervorrufen dürfte, endete am frühen Samstagabend im Bonstetter Gemeindesaal mit einer Reihe von Überraschungen und Erkenntnissen, die nur zum Teil mit rechts oder links zu tun haben.
Geladen als Podiumsgäste waren der Aargauer SVP-Politiker Naveen Hofstetter und der Klimaaktivist Max Vögtli. Beide waren schon zig Mal wegen Gerichtsurteilen beziehungsweise politischen Aktionen in den Medien: Hofstetter, weil er wegen Diskriminierung auf Aufruf zu Hass verurteilt wurde, Vögtli, weil er als «Klima-Kleber» wiederholt Strassen blockierte beziehungsweise sich einmal an den Rahmen eines Segantini-Gemäldes im Zürcher Kunsthaus klebte.
415 Briefe, 22 Anmeldungen
Im Publikum: Junge Wählerinnen und Wähler zwischen 18 und 21 aus Bonstetten, Wettswil und Stallikon. 415 von ihnen hatte die SVP angeschrieben für diesen Versuch. Der Rücklauf: bescheiden. Nur 22 Anmeldungen gingen bei der Partei ein, dazu zwei Entschuldigungen und zwei Versprechen, bei einem nächsten Anlass teilzunehmen. Die effektive Teilnahme am Samstag war dann sogar noch bescheidener: Gerade mal acht junge Frauen und Männer waren es schliesslich, die sich im Halbkreis vor dem Podium versammelten. Die übrigen Angemeldeten tauchten nicht auf, ohne Entschuldigung.
So weit, so unerwartet. Und für die Partei insofern zusätzlich ärgerlich, weil sie für 22 Personen und die aufgebotenen Betreuer bei der örtlichen Bäckerei jede Menge Mini-Sandwiches geordert hatte und dazu Nussstengel. Von der mittlerweile weitverbreiteten Unart, trotz Anmeldung/Reservation unentschuldigt nicht an einem Anlass teilzunehmen, können unter anderem auch die Wirte ein Lied singen. Das unhöfliche Verhalten beschränkt sich nicht allein auf jüngere Generationen. Ebenso unerwartet der Auftritt der beiden Protagonisten. Obwohl an den entgegengesetzten Polen des politischen Spektrums anzusiedeln, gab es keine wirklich direkte Konfrontation zwischen den beiden. Zu weit entfernt waren ihre politischen Kernthemen. Hofstetter sprach über die Definition von Rassismus und in Zusammenhang mit Afrika und Moslems über kulturelle und religiöse Unterschiede, Vögtli übers Klima und aktivistische Aktionen. Befragt von Claude Wuillemin über ihre Herkunft und ihren Einstieg in die Politik, zeigten sich beide so offen, dass sie zunehmend als Menschen begreifbar wurden – und die Politiker in den Hintergrund traten.
Hofstetter wurde in Indien geboren und mit vier Monaten von einem Schweizer Ehepaar adoptiert; er wuchs in Niederwil (AG) auf, machte eine Ausbildung zum Elektriker und arbeitet in diesem Beruf als selbstständiger Unternehmer in Rothrist. Zur SVP sei er gekommen, weil ihn «linke Lehrer» als Dunkelhäutigen («das ist auch eine Form von Rassismus») immer vor der SVP gewarnt hätten. Als er dann aber mal an einem SVP-Anlass teilgenommen habe, sei er äusserst freundlich aufgenommen worden. Es sei, das müsse er einräumen, letztlich ein (ebenfalls) linksorientierter Lehrer gewesen, der ihn zur aktiven Teilnahme in der Politik ermunterte, trotz seiner schon damals bekannten Sympathie für die SVP.
Vögtli wuchs ab dem zweiten Lebensjahr mit seinen Schweizer Eltern (sein Vater war erfolgreicher Manager eines Schweizer Industriekonzerns) und seinen drei Brüdern in China auf. Mit 18 folgten ein Politikstudium in England, Jobs in England und Deutschland, und schliesslich arbeitete er einige Jahre als Consultant für den Uzwiler Konzern Bühler AG. Sein politisches Erweckungserlebnis hatte er, als er während eines Treffens mit Vertretern verschiedener Konzerne realisierte, dass diese den Begriff «Nachhaltigkeit» ausschliesslich in Zusammenhang mit Umsatz und Gewinn verstanden – und nicht mit dem Klima. Er kündigte seinen Job, wurde einer der bekanntesten Klimaaktivisten der Schweiz und war lange Mitglied der Gruppe Renovate Switzerland. Für Schlagzeilen sorgte er neben seinen Klimaprotesten auch mit einem Flug nach Mexiko, der ihm einiges an Häme eintrug («fliegender Klima-Kleber»). Die vergangenen drei Jahre lebt er als Aktivist von seinem Ersparten und von kleinen Jobs. Zwei Mal wurde er bereits wegen Aktionen verurteilt, sechs Verfahren sind noch in der Schwebe, im schlimmsten Fall muss er für drei Jahre ins Gefängnis, wie er gegenüber dem «Anzeiger» sagte. Vögtli, der als Schnelldenker und Schnellsprecher mit seinem Akzent nicht immer ganz einfach zu verstehen war, wäre der erste Klimaaktivist, der in der Schweiz hinter Gitter muss.
Andersdenkend und dennoch sympathisch
Hofstetter mit Anzug und Krawatte, Vögtli mit lockerem Hemd und kurzer Hose. Beide hatten im Publikum ihre Sympathisanten, wie sich in einer Fragerunde herausstellte. Und beide dürften mit ihrer offenen Art bei den Zuhörerinnen und Zuhörern manche Vorurteile abgebaut haben – weil sie eben als Personen begreifbar wurden, die stark durch ihre Herkunft und Vergangenheit geprägt sind. Hofstetter und Vögtli relativierten am Samstag zwar frühere Aussagen bzw. Aktionen, verteidigten aber ansonsten ihre politischen Haltungen. Dafür mussten sich einige kritische Fragen und Bemerkungen von den jungen Zuhörerinnen und Zuhörern gefallen lassen. Hofstetter etwa begab sich auf dünnes Eis, als es um die Definition und Verwendung der Begriffe «Mohrenköpfe» und «Neger» ging (im späteren Verlauf der Diskussion war nur noch vom «N-Wort» die Rede). Und Vögtli musste sich anhören, dass er mit einer Blockade einmal die im Gesundheitsbereich arbeitende Mutter einer Anwesenden daran hinderte, rechtzeitig zur Arbeit zu kommen, um kranken Menschen zu helfen.
Ob es die SVP Bonstetten geschafft hat, mit dem Versuch, junge Menschen für die Politik zu interessieren – unabhängig von einer bestimmten Partei –, sei dahingestellt. Vielleicht hat der Anlass immerhin da und dort zur Erkenntnis geführt, dass jemand eine völlig andere politische Einstellung haben und dennoch als Mensch sympathisch sein kann. Und dass wegen unterschiedlicher Denkweise jemand noch lange kein Feind ist. Sollte das der Fall sein, dann wäre mit dem Anlass viel erreicht worden. Sehr viel.
Einen weiteren Versuch, der sich explizit an junge Wählerinnen und Wähler richtet, will die Partei am 14. November durchführen. Dann soll es um die Fragen gehen: «Wie familienfreundlich ist die Schweiz?» und «Wie kann Gewalt in der Familie verhindert werden?». Beide Themen wurden von den Anwesenden aus einer Reihe von Vorschlägen ausgewählt.
Apropos Provokationen: Am 1. September wird im Gemeindesaal in Bonstetten alt Bundesrat Christoph Blocher zu Gast sein. Vögtli verwies während des Podiumsgesprächs unter anderem auf eben diesen SVP-Vordenker, als er begründete, weshalb man in der Politik manchmal nicht umhinkomme, zu provozieren, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.


