Mentholzigaretten und Zwiebelsaft gegen die tödliche Grippe
Vor rund hundert Jahren, 1918 und 1919, grassierte die Spanische Grippe in der Welt und in der Schweiz. Weltweit fielen ihr 20 bis 50 Millionen Menschen zum Opfer, hierzulande starben 25000 Menschen an der Grippe. die Massnahmen, die dagegen ergriffen wurden, ähnelten denen von heute gegen die Corona-Pandemie.

Wo die Spanische Grippe ihren Ursprung hatte, ist bis heute nicht genau bekannt. Aber nicht in Spanien. Ihren Namen erhielt sie, weil das im Ersten Weltkrieg neutrale Spanien im Gegensatz zu den kriegführenden Nationen Berichte über die Grippe nicht zensurierte. Gemäss der einen Hypothese entstand die Grippewelle in China, gemäss einer andern hatte sie ihren Ursprung in den USA und wurde von dort durch amerikanische Soldaten, die auf den Schlachtfeldern in Europa im Einsatz standen, eingeschleppt.
Die Spanische Grippe trat in drei Wellen auf: im Frühjahr 1918, im Herbst 1918 und in vielen Teilen der Welt noch einmal 1919/1920. Die weitaus tödlichste Welle war diejenige im Herbst 1918, die am Ende des Ersten Weltkriegs unter der geschwächten und von Mangelernährung geplagten Bevölkerung enorm hohe Opfer forderte. Weltweit starben 20 bis 50 Millionen Menschen. Gewisse Schätzungen gehen gar von bis zu 100 Millionen Todesopfern aus.
Schon damals - Social Distancing
Erreger der Spanischen Grippe war das Grippevirus H1N1, das sich durch Tröpfchen- und Kontaktinfektion übertrug und eine enorme Ansteckungskraft besass. Symptome waren hohes Fieber, Schüttelfrost, Husten, Kopf-, Glieder- und Muskelschmerzen. Ungewöhnlich war, dass dem H1N1-Virus nicht in erster Linie Menschen über 65 Jahren zum Opfer fielen, sondern jüngere und mehr Männer als Frauen. Die Spanische Grippe war für Männer zwischen 20 und 40 Jahren am tödlichsten.
Die Pandemie wütete auch im Bezirk Affoltern. Ihr Verlauf fand im «Anzeiger aus dem Bezirke Affoltern», dem «Obligatorischen Publikationsmittel für sämtliche Gemeinden des Bezirks», ihren Niederschlag. Am 16. Juli 1918 vermeldete der «Anzeiger» noch allgemein und nicht auf den Bezirk bezogen: «Die unerhörte und nie dagewesene weite Verbreitung der spanischen Krankheit hängt ohne Zweifel mit dem furchtbaren Weltkriege zusammen, der alle Völker zu Entbehrungen zwingt und sie so weniger widerstandsfähig macht». Zwei Tage später vermeldete er, dass «ganze Armeebestände von der unheimlichen Krankheit befallen worden» seien. Kurz danach erliess der Zürcher Regierungsrat Massnahmen, die den Einschränkungen des Bundesrats in der aktuellen Coronakrise sehr ähnlich sind. «Social Distancing» hiess auch damals die Losung, auch wenn das damals noch nicht so genannt wurde. «Anzeiger» vom 27. Juli 1918: «Der Regierungsrat des Kantons Zürich hat beschlossen, alle Veranstaltungen, welche zu Versammlungen zahlreicher Personen am gleichen Orte oder im gleichen Raume führen, wie Volksversammlungen, Festlichkeiten jeder Art und die mit solchen verbundenen Schaustellungen, Kirchweihfeste, Tanzbelustigungen zu verbieten. Die örtlichen Gesundheitsbehörden werden ermächtigt, dieses Verbot auf Vorstellungen jeder Art wie Theater- und Kinovorstellungen, Konzerte usw. auszudehnen.» Diese waren auch befugt, alle ihr zur Bekämpfung der Seuche angebrachten Massnahmen wie Einschränkungen beim Gottesdienst, der öffentlichen Bestattungen oder bei Vereinsversammlungen vorzunehmen.
In der Folge wird fast in jeder Ausgabe des «Anzeigers» über die Grippe-Epidemie berichtet. Die Grippeopfer in den verschiedenen Kantonen werden sogar namentlich erwähnt, inklusive der jeweils besonders tragischen Umstände, welche die vielen Einzelfälle für die Betroffenen und ihre Familien mit sich brachten. Auch fehlte es nicht an praktischen Empfehlungen zur Bekämpfung der Seuche, wie etwa dem auch heute noch gültigen Ratschlag «bei Epidemien ist Händedesinfektion das beste Vorbeugemittel». Zu finden sind in der Zeitung aber auch fragwürdige «Rezepte», etwa das Rauchen von mit Menthol oder Eukalyptus getränkten Zigaretten. Einmal wird von einem «in England und Amerika vielfach erprobten Mittel» berichtet: «Alle diejenigen nämlich, die den Geruch von Zwiebelsaft, durch die Nase einziehen, sollen fast augenblicklich geheilt worden sein. Man wusste in weiten Krisen, dass Zwiebelesser von der Grippe verschont geblieben sein sollen.»
Hausarrest, Kirchenverbot
Im August und Anfang September 1918 beruhigte sich die Situation. Der Höhepunkt der Epidemie sei überschritten, vermeldete der «Anzeiger» mehrfach. Doch schon Mitte September drehte sich die Situation wieder. Im Oktober verschärfte sich die Lage mit dem Einbruch der zweiten Grippewelle dramatisch. «Der Grippe-Tod hält immer reichere Ernte in der Schweiz ... und an vielen Orten mehren sich die tödlich verlaufenden Fälle in beängstigender Weise», hiess es am 22. Oktober 1918. Die Gesundheitsbehörde von Kappel untersagte in einer Mitteilung im «Anzeiger» grippekranken Kinder den Schulbesuch und stellte sie unter Hausarrest. Ihre Eltern durften keine Wirtschaften, Kirchen sowie Versammlungen mehr besuchen. Jeglichen Drittpersonen wurde das Betreten der Wohnung von Grippekranken verboten. Gleichentags untersagte die Gesundheitsbehörde von Bonstetten Versammlungen aller Art und Anlässe. Familien, in denen die Grippe bereits grassierte, hatten sich jeglichen Kontakts gegen aussen zu enthalten. Übertretung, Widersetzung und Nachlässigkeit, so hiess es unmissverständlich, würden «strenge bestraft».
Jeder Zweite befallen?
Am 26. Oktober 1918 meldete die Schulpflege von Hedingen in einer amtlichen Anzeige in der Zeitung, der Schulunterricht sei eingestellt, ebenso Kinderlehre und Sonntagsschule. Einschränkungen gab es sogar bei Beerdigungen: «Die Schulpflege sieht sich leider veranlasst, den Schulkindern die Teilnahme an der Beerdigung des Herrn Lehrer Sidler zu untersagen».
Die Direktion des kantonalen Gesundheitswesens warnte in jener Zeit, da es weder Radio, Fernsehen noch Internet gab, die Menschen mit Plakaten vor der grassierenden Grippe. Derselbe Aufruf erschien im «Anzeiger» am 29. Oktober. Alle Bürger sollten den Wirtschaftsbesuch einschränken, keine Kinos, Variétés, Konzerte oder Theater mehr besuchen. Der Händedruck zur Begrüssung war untersagt, man soll sich der «grösstmöglichen persönlichen Reinlichkeit» befleissigen, nicht auf die Strasse spucken und beim geringsten Unwohlsein zu Hause bleiben.
Bald danach war das Ärgste überstanden. Am 9. November vermeldeten Ottenbach und Stallikon in amtlichen Inseraten, der Schulunterricht werde am 11. November 1918 wieder aufgenommen. Im Januar 1919 wurde der Ausnahmezustand im Kanton Zürich wieder aufgehoben. In andern Regionen kam es im Frühjahr 1919 noch zu einer dritten Grippewelle, die sich bis 1920 hinzog, die aber in ihrem Verlauf nicht mehr so tödlich war wie die zweite. In der Schweiz steckten sich nach offiziellen Schätzungen 660000 Personen mit der Grippe an. Fachleute sprechen hingegen von bis zu zwei Millionen – die Hälfte der Bevölkerung.


