Mit Hilfe von Baumriesen den Wald besser verstehen
«Min Hediger Baum» geht mit Baum-Patenschaften neue Wege

Sie wird «Die Präsidentin» genannt, sieht genauso magistral aus, und stand wohl schon im Hedinger Wald, als Johann Sebastian Bach noch komponierte, in Frankreich König Ludwig XV. regierte und die Schweiz noch ein loser Bund von Kantonen war (Alte Eidgenossenschaft): Die Rede ist von einer mächtigen Eiche, genauer, einer Traubeneiche, deren Alter auf 300 Jahre geschätzt wird und die somit ums Jahr 1725 das Sonnenlicht erblickte.
«Die Präsidentin» steht in der Nähe des Hedinger Weihers und kann neuerdings quasi temporär «adoptiert» werden. Möglich macht dies das vor Kurzem gestartete Pilot-Projekt «Min Hediger Baum». Das von der Gemeinde und der Holzkorporation Hedingen (Waldbesitzerin) lancierte Projekt startet mit 19 besonders wertvollen Baumriesen, sogenannten Biotopbäumen, und Baumveteranen entlang des Tobelwegs. Die Finanzierung erfolgte über den Biodiversitätskredit der Gemeinde. Für die Bäume können ab sofort Baum-Patenschaften abgeschlossen werden. Um Gotte oder Götti eines Baums zu werden, zahlt man zwischen 200 und 650 Franken. Dafür erhält man die Gewissheit, dass der Baum weiterlebt und nicht geschlagen wird.
Patenschaften zur Kommunikation
Das Besondere an den Hedinger Baum-Patenschaft: Sie wird jährlich erneuert – ähnliche Baum-Patenschaften werden üblicherweise über mehrere Jahre abgeschlossen. Dafür ist es quasi eine aktive Patenschaft, will heissen: Der für Hedingen zuständige Förster Ueli Müller wird die Baum-Gotten und -Göttis regelmässig über den Baum/Wald informieren und bietet Führungen an. Müller: «Wir möchten die Bäume nutzen für die Kommunikation mit den Leuten.» Sie sollen Anlass sein, um über den Wald zu reden, Verständnis zu wecken für die Zusammenhänge, die Biodiversität. Aber auch für die Waldwirtschaft.
Andreas Rigling, der unweit der Baumriesen in Hedingen wohnt und an der ETH als Professor für Waldwachstum lehrt und forscht, spricht von einer «super Idee». Mittels der Baum-Patenschaften könne die Bevölkerung eine vertiefte Beziehung zu ihrem Wald aufbauen und Wissen über Biotopbäume als Lebensraum für gefährdete Arten und faszinierende Zusammenhänge entdecken. Dies erlaube es letztlich auch, die Waldbewirtschaftung besser zu verstehen.
Sowohl Müller wie Rigling betonen, dass Biodiversität und moderne Waldwirtschaft kein Widerspruch sind. Rigling: «Viele glauben immer noch, dass Bäume nur aus reiner Profitgier geschlagen werden.» Kritik in dieser Richtung habe er unlängst in Zusammenhang mit einer normalen Baumfällaktion in diesem Gebiet gehört. Dabei seien vorwiegend kranke oder unter Trockenheit leidende Buchen und Eschen herausgeholt worden, mit dem Ziel, seltene Baumarten zu fördern und damit den Wald insgesamt vielfältiger und dadurch resilienter, das heisst widerstandsfähiger, zu machen.
Baumbiotope stärken den Wald
Dank Baum-Patenschaften dürfen Bäume länger stehen bleiben, als es aus rein wirtschaftlicher Sicht Sinn macht. «Der Präsident» etwa, so Müller, wäre eigentlich bald reif für die Ernte, er werde in Zukunft nicht mehr gross weiterwachsen. Für einen Laien sieht er auf den ersten Blick sogar etwas kränklich aus: Man sieht vom Boden aus im unteren Bereich abgebrochene und abgestorbene Äste, nebst vielen gesunden im oberen Bereich. In Tat und Wahrheit geht es dem Baum ziemlich gut.
Laut Rigling kann er durchaus noch weitere 100 Jahre älter werden. Alte Biotopbäume stärkten die Stabilität des gesamten Ökosystems. Und sie seien entscheidend für die Biodiversität im Wald: Die grobe Rinde, Risse, knorrige und tote Äste, Spechthöhlen und auch das Efeu dienen Moosen, Flechten, Pilzen und vielen Tieren als Kleinstlebensräume, sogenannte Mikrohabitate. Auf einer Internetseite der Gemeinde Hedingen zu den Baum-Patenschaften werden in diesem Zusammenhang aufgezählt: «Spechte, Hohltauben, Käuze, Fledermäuse, Eichhörnchen, Siebenschläfer, Baummarder und viele Insekten wie Käfer, Schmetterlinge oder Wanzen. Auch unterirdisch, im Wurzelbereich und Boden, leben unzählige Kleinstlebewesen wie Springschwänze, Tausendfüssler oder Fadenwürmer.»
Götti von einem Baumriesen sein
Auf der Internetseite finden sich auch ein Baumkatalog mit Porträts der 19 Bäume und ein Mustervertrag. Zur Auswahl für eine Patenschaft stehen sieben Traubeneichen, sechs Bergahorne, zwei Buchen und je eine Sommerlinde, Bergulme, Hagebuche sowie ein Spitzahorn.
«Die Präsidentin» hat übrigens fürs Erste bereits eine Gotte: die Gemeinde Hedingen selber. Auch für einen zweiten Baum wurde bereits ein Vertrag unterzeichnet, so Müller, und für fünf weitere stehe man kurz vor der Unterschrift. Aus welchen Gründen auch immer jemand eine Baum-Patenschaft abschliesst: Er oder sie darf hinterher von sich behaupten: «Ich bin Götti beziehungsweise Gotte von einem – Baumriesen!»


