Mittelalterliche Schmuckkästchen: Echt oder Fake?
Letzte Woche nahmen Vera Hubert und Erwin Hildbrand, Mitarbeitende des Sammlungszentrums des Landesmuseums in Affoltern, Besucher auf Spurensuche im Labor mit. Sie erzählten über ihr aktuelles Projekt, die Terminierung von exemplarischen Schmuckkästchen.

In vielen Haushalten finden sich über Generationen weitervererbte Objekte. Doch aus welcher Zeit stammen sie? Deutet beispielsweise ein mittelalterliches Motiv auf einer Holztruhe wirklich darauf hin, dass das Erbstück aus dem Mittelalter stammt? Oder wurde es zur Zeit des Historismus von einem Künstler oder Kunsthandwerker geschaffen, als reiche Leute ihre Villen im neoromanischen, neogotischen oder neobarocken Stil erbauen liessen? Historismus bezeichnet ein im 19. Jahrhundert verbreitetes Phänomen, bei dem man – nicht nur in der Architektur – auf ältere Stilrichtungen zurückgriff. Ein typisches Beispiel für Historismus-Architektur ist das Landesmuseum in Zürich.
Schatzkästchen mit Geschichte
Die interdisziplinäre Studie zu mittelalterlichen Schmuckkästchen wurde bereits 2017 mit einem Pilotprojekt gestartet. In Zusammenarbeit mit der ETH Zürich wählte man aus der 450 umfassenden Sammlung zehn Exemplare aus, um sie zuerst durch genaues Beobachten, danach mit neusten Technologien zu datieren. Die Schmuckkästchen unterscheiden sich in Grösse und Form und signifikant in der Dekoration: Bemalt, geschnitzt, mit Intarsien oder Beschlägen. Schatzkästchen waren bereits im Mittelalter beliebte Geschenke. In ihnen wurden Kostbarkeiten wie Schmuck und Liebesbriefe aufbewahrt. So findet man Minne-Dekorationen, beispielsweise einen weiblichen, Pfeil schiessenden Amor im Deckel eines Kästchens. Auch Heilige waren beliebte Motive. Florale Motive wurden aufgemalt und geschnitzt.
Forschungsauftrag
In den Labors des Sammlungszentrums stehen viele Apparaturen für die Erforschung von Sammlungsstücken. Was man vielleicht zu wenig weiss: Das Nationalmuseum hat nicht nur den Auftrag zum Sammeln und Erhalten von Kulturgütern, es hat auch einen Forschungsauftrag. Es untersteht dem Museumsgesetz, das Forschung beinhaltet. Für Untersuchungen mit hochentwickelten, teuren Apparaten sucht das Landesmuseum die Zusammenarbeit mit anderen Forschungsinstitutionen, bei den Schatzkästchen beispielsweise eine Kooperation mit der ETH Zürich, wo C-14 Datierungen vorgenommen werden können. Für die C14-Methode muss dem Objekt Material entnommen werden. Dies tut man nur, wenn es zwingend notwendig ist. Zuvor wandten Vera Hubert und ihr Team zerstörungsfreie Methoden an.
Verschiedene Technologien
Laien diese komplexen Apparaturen zu erklären, ist eine Herausforderung, die Vera Hubert und Erwin Hildbrand hervorragend gemeistert haben: «Das Röntgenfluoreszenzspektrometer weist die verschiedenen chemischen Elemente nach, die in den Pigmenten vorhanden sind.» Generell visualisiert ein Spektrometer ein Spektrum. Ein Spektrum ist (in der Physik) die Verteilungsfunktion einer physikalischen Grösse – beispielsweise der Energie, Frequenz oder Masse. Bei Methoden mit Beschleuniger-Massenspektrometern geht es um Atome oder Ionen.
Ist das Spektrum definiert, vergleicht man mit datierten Referenzspektren – und kann so Aussagen machen über das Alter eines Objektes.
Bindemittel und Bienenwachs, womit die Oberflächen behandelt wurden, werden mit einem Fourier-Transform-Infrarotspektrometer nachgewiesen. Mit dem Raman-Spektrometer wurde die Charakterisierung von Pigmenten erforscht, basierend auf dem Wissen, welche Pigmente ausschliesslich bis zum Mittelalter, oft auch schon im Altertum, benutzt wurden – und welche moderneren Ursprungs sind. Die Analyse mit dem Beschleuniger-Massenspektrometer, die C14-Datierung, auch Radiocarbondatierung genannt, erfolgte an der ETH Zürich.
Schatzkästchen wahren Geheimnisse
Das Pilotprojekt diente der Identifikation von Analysenmethoden, deren Ergebnisse eine Vorauswahl der Kästchen für die C14-Datierung ermöglichen. Bereits das Pilotprojekt fand in Fachkreisen Beachtung. Im Folgeprojekt wurden die im Pilotprojekt erarbeiteten Methoden für eine Auswahl weiterer Kästchen für die Datierung eingesetzt. Diese Ergebnisse sollen im Mai publiziert werden, Vera Hubert und ihr Team warten momentan gespannt auf die Ergebnisse vom Ionenstrahllabor der ETH.
Wenn man sich intensiv mit einem Objekt mit einer langen Geschichte beschäftigt, baut man eine Art Beziehung auf. «Mein Liebling ist das Minnekästchen mit der Frau Minne und dem Jüngling innen auf dem Deckel, da es wunderschön ausgeführt ist – aussen die Schnitzerei und die Beschläge, innen die schöne und detailreiche Ausführung der Bemalung», erklärt Vera Hubert. Erwin Hildbrand mag besonders das Kabinett mit der Geheimfachschublade in der Mitte – wegen der raffinierten Ausführung und der schönen Intarsien.
Auch die Führungsteilnehmenden im Sammlungszentrum bauten schnell Vorlieben auf und hatten eigene Fantasien. Wenn diese Kästchen doch erzählen könnten! Das Forschungsteam um Vera Hubert hat den stummen Kästchen mittels wissenschaftlicher Methoden ein paar Geheimnisse entlocken können.


