«Nahe bei Gott und den Menschen»
Pfarrer Andreas Nufer wirkt seit einem Jahr als Theologischer Leiter im Kloster Kappel

Andreas Nufer, vor einem Jahr haben Sie im Seminarhotel Kloster Kappel Ihre neue Tätigkeit als Theologischer Leiter begonnen. Wie geht es Ihnen heute?
Andreas Nufer: Gut, sehr gut. Es ist unglaublich spannend, herausfordernd und schön, hier zu arbeiten. Es ist noch viel interessanter, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich bin hier am richtigen Ort angekommen.
Im Interview vor einem Jahr sagten Sie, dass Sie weder das Kloster noch das Säuliamt und die Menschen hier kennen. Wie ist das jetzt nach einem Jahr?
Ich habe inzwischen viele Menschen und auch die Region kennengelernt. Oftmals gehe ich bewusst auf Menschen zu, andere kommen hierher – viel mehr, als ich erwartet habe. Das freut mich.
Sie sprachen auch von Ihrer Vision, ein Netzwerk aufzubauen mit der Region, der Kirchgemeinde, den Institutionen und Vereinen. Was ist daraus geworden?
Es ist eine sehr erfreuliche Zusammenarbeit entstanden in diesem ersten Jahr. Mit dem Dorf, der Kirchgemeinde, den Kirchen im Oberamt und auch in der Region. Ich möchte betonen: Ich wurde überall wohlwollend und gut aufgenommen. Aber da ist noch Luft nach oben, zum Beispiel hinsichtlich der institutionellen Zusammenarbeit.
In der Region wurde hingeschaut, was der «Neue» nun tun oder verändern wird. Und die Menschen haben positiv wahrgenommen, dass – symbolisch gesprochen – die Türen und Fenster des Klosters weit offen sind.
Es war für mich von Anfang an klar, dass das Kloster nicht ausserhalb des täglichen Lebens der Region, sondern mittendrin stehen soll. Ich habe aber eigentlich nichts Besonderes getan, als das Motto «Nahe bei Gott und nahe bei den Menschen» gelebt. Ich habe die Leute eingeladen mitzumachen, und es sind viele gekommen.
Es gab einige Highlights, wo die Zusammenarbeit zwischen dem Kloster und der Region sichtbar wurde und die Leute mitgemacht haben.
Ja. Ich denke an die Gründung des Tagzeiten-Teams mit fast 20 Personen. Die Tagzeitengebete finden nun wieder dreimal täglich statt und werden auch von Laien geleitet. Ein besonderer Anlass war zum Beispiel die Tagung «Schule des Friedens» mit der interreligiösen Bettagsfeier. Zudem initiierten wir in der Adventszeit den musikalischen Tannenwald und das Lichtermeer.
Was waren für Sie persönlich die grössten Bereicherungen?
Das Mitarbeiten in allen Abteilungen. Ich habe in diesem Jahr Essen serviert, Bettwäsche gebügelt, den Hühnerstall gemistet, im Garten gejätet oder Zimmer geputzt. Dadurch habe ich alle Mitarbeitenden und ihre Aufgaben kennengelernt. Auch das umfangreiche Kursprogramm und die Gäste von nah und fern waren für mich sehr bereichernd.
Wo steht das Kloster mit dem Strategieprozess?
Wir sind mittendrin und beschäftigen uns mit der Frage, wie die Zukunft des Klosters aussehen soll. Es geht nicht darum, alles zu ändern. Vieles bewährt sich. Als Team sind wir gut aufgestellt. Wir haben 75 Prozent Stammgäste. Dennoch müssen wir uns überlegen, wie wir auch in den kommenden Jahren attraktiv bleiben. Dazu gehören zum Beispiel eine neue Website, neue Kursangebote und eine neue Marketingstrategie.
Was ist für Sie die grösste Herausforderung?
Das ist für mich die Frage: Wie kann man theologisch und spirituell relevant sein?
Bitte erklären Sie, was damit gemeint ist.
Die Gäste kommen hierher, sie sollen etwas mitnehmen und persönliche Erfahrungen machen. Ob das eine Erleuchtung ist, neues Wissen oder einfach ein gutes Gefühl, das spielt keine Rolle. Aber es soll etwas Relevantes, etwas Wesentliches, Bedeutungsvolles geschehen.
Was macht Ihnen bei Ihrer Tätigkeit am meisten Freude?
Der Mix aus allem und die grosse Vielfalt machen mir Freude. Ich beschäftige mich mit der Gastfreundschaft, der Spiritualität, der Seelsorge, der Theologie, aber auch mit organisatorischen und betriebswirtschaftlichen Fragen. Zudem bin ich dauernd im Kontakt mit Menschen.
Werden Sie manchmal als Abt des Klosters angesehen?
(Er lacht.) Ja, doch meistens im humorvollen Sinn. Ab und zu gibt es jedoch Leute, die denken, dass hier noch Mönche leben.
Wo ist Ihr Lieblingsort?
Die Treppe, welche direkt vom ehemaligen Schlafraum der Mönche in die Kirche führt. Die Mönche gingen über diese Treppe zum regelmässigen Gebet. Sie stellt symbolisch den direkten Weg vom Leben zu Gott dar. Diese direkte Verbindung zum Göttlichen war sowohl den Zisterziensern wie auch den Reformatoren wichtig. Das Tagzeitengebet hat für mich einen festen Platz im Alltag. Wenn das Glöcklein läutet, lasse ich alles liegen und gehe zum Gebet.


