Nicht durchdacht – oder gut für dieAgrarpolitik?
Für den einen sind Pestizid- und Trinkwasser-Initiativen nicht durchdacht, für den anderen eine gute Basis für die künftige Agrarpolitik. GLP-Kantonsrat Thomas Wirth und Werner Locher, pensionierter Bauer aus Bonstetten, sorgten am Anlass der SVP Bonstetten für eine lebendige Diskussion.

Sie sind unübersehbar, die Plakate auf Feldern und bei Landwirtschaftsbetrieben. «Zweimal Nein zu den extremen Agrar-Initiativen am 13. Juni» heisst es da. Da schwingt natürlich die Angst um Einkommen und Existenz mit. Und Bauern sehen sich an den Pranger gestellt. Sie wehren sich gegen den Vorwurf, durch ihr Handeln der Umwelt zu schaden. GLP-Kantonsrat Thomas Wirth aus Hombrechtikon brach dann zu Beginn der Diskussion über die Trinkwasser- und Pestizid-Initiativen im Bonstetter Gemeindesaal eine Lanze für die Bauern. Das sei eine sehr anspruchsvolle Tätigkeit und mit erheblichen Risiken verbunden – unter anderem bei der Frage der Investitionen oder beim Wetter.
Bauern müssten heute fast Chemiker sein, und sie seien durch eine immense Administration herausgefordert. «Ich habe grosse Achtung; sie versuchen das Beste zu machen», sagte Wirth. Gleichzeitig verwies er aber auf Mängel bezüglich der Biodiversität und auf die Wasserqualität, die zum Teil zu wünschen übrig lasse. Von den 13 Umweltzielen des Bundes sein keines erreicht, diverse Vogelarten seien verschwunden. «Auch Bauern tragen dazu bei», sagte der Befürworter der beiden Initiativen. So könne es nicht weitergehen; jeden Tag würden drei Bauernbetriebe verschwinden, die Selbstmordrate sei hier überdurchschnittlich hoch. Man könne nicht Milliarden ausgeben für Umweltschädigung; mit zweimal Ja zu den Initiativen schaffe man eine gute Basis für eine bessere Agrarpolitik und eine Perspektive für die Landwirtschaft. Gemeinsam nach Lösungen suchen, ist für Wirth das Gebot der Stunde.
Bei der Zulassung nicht sauber gearbeitet
«Ist es dir egal, dass eine Million Menschen in der Schweiz Trinkwasser konsumieren, das Pestizid-Grenzwerte überschreitet?» So die etwas provokante Frage von Moderator Claude Wuillemin an Werner Locher, den pensionierten Landwirt aus Bonstetten. Er sei schockiert gewesen, als er davon gehört habe. Im Glauben, dass in der Schweiz alles geprüft werde, hätten die Bauern gehandelt. Da sei bei der Zulassung nicht sauber gearbeitet worden. Für Locher sind die Bauern dafür nicht verantwortlich. Er sieht darin ein Versagen der Zulassungsstelle.
Weniger Erträge, höhere Preise
Allerdings würden die beiden Initiativen die Probleme nicht lösen. «Sie spalten und machen alle verrückt», fügt er bei. Es gehe um die Ernährung der Bevölkerung. Werde weniger intensiv produziert, sei das mit Rückgang der Erträge und Preisanstiegen verbunden. «Es ist ein Spiel mit dem Feuer», fügte Locher mit Blick auf die aktuell explodierende Getreide-Börse in Chicago bei. Er bezeichnete die Initiativtexte als nicht logisch und nannte ein Beispiel: «Wenn ich die Kartoffeln gegen Krautfäule spritze, werden mir Beiträge für Hochstämme gestrichen.»
Die Trinkwasser-Initiative ziele einseitig auf die Landwirtschaft. Welche Mengen an Pflanzenschutzmitteln brauchen Private und Gemeinden, die letztlich in die ARA fliessen? Davon sei hier nicht die Rede. Die Art der Pestizide sei in den Initiativen nicht definiert. In das Hühnerfutter komme Import-Soja, weil sich sonst die Legeleistung reduziere. Und aus dem Publikum verwies jemand auf den «tonnenweisen Eintrag» von Chemikalien im Rhein, was Wirth mit dem Hinweis auf die grosse Verdünnung der Stoffe relativierte und die Probleme eher in kleinen Bächen sieht. «Die Giftigkeit der Stoffe ist entscheidend, nicht die Menge.»
Niemand wolle den Bauern Schaden zufügen, betonte Thomas Wirth abermals. «Aber wir müssen radikal etwas ändern. Leider hat der Bauernverband immer wieder geklemmt – auch bei den Gegenvorschlägen», so der GLP-Kantonsrat. «Beim Bauernverband gab es bei diesen absurden Vorlagen gar keine andere Möglichkeit als zu sperren», entgegnete Werner Locher. Vom Publikum erhielt er mehrheitlich Zuspruch. Dass bei einem Ja vermehrt Lebensmittel aus dem Ausland importiert werden müssten, wird als Schwäche der Initiativen ausgelegt.
100'000 ha zusätzliche Anbauflächen?
«Was passiert bei einem Ja zur Trinkwasser-Initiative?», wollte der Moderator wissen. «Der konventionelle Gemüsebau besteht weiter. Offen ist die Frage: Werden in der Schweiz die Grossverteiler diese Produkte der Bauern in die Regale stellen?», hält Werner Locher fest. Und bei einem Nein? «Dann gehts weiter so. Das ist schlecht. Es kommt zu noch giftigeren Diskussionen», befürchtet Thomas Wirth.
Bei den Pestiziden gehe es darum, dass nicht davon belastete Ware in die Schweiz komme. Aber bei offenen Grenzen spiele eben vor allem der Preis eine Rolle, nicht die Qualität, sagt Werner Locher. Und: «Was ist mit Pestiziden gemeint? Sind die im Biolandbau eingesetzten Mittel auch gemeint? Sorgen macht mir, dass die Erträge ohne Pflanzenschutzmittel zurückgehen. Das bedeutet, dass 100'000 zusätzliche Hektaren Anbaufläche nötig werden – ich weiss nicht, wo diese Fläche ist», so Locher. Sein Kontrahent wünscht sich ein Gesamtsystem für Bio-Produktion – und dass wir lernen, nicht alles mit Chemie zu lösen, sondern offen sind für neue Prozesse.
Nicht nur immer nach dem billigsten Lebensmittel Ausschau halten und saisonal einkaufen, halt auch einmal nicht perfekt geformte Rüebli. Konsumentinnen und Konsumenten hätten es in der Hand; leider «versteckten» sich die Grossverteiler noch immer hinter jenen, die nach dem Billigsten Ausschau halten.
Auf Importe verzichten, wenn Grenzwerte überschritten sind, vermehrte Kontrollen, aber auch: mit Schuldzuweisungen aufhören – so tönte es unter anderem aus dem Publikum. In seinem Schlussvotum verwies Werner Locher auf die Frühjahrssession in Bern. Dort seien viele Beschlüsse gefasst worden, die gemäss Bundesgesetz über die Verminderung von Risiken durch Pestizid-Einsatz mit vielen neuen Auflagen für Bauern verbunden sind. Diese Risiken sollen bis 2027 halbiert werden.


