Offen bleiben für Neues

Sie mussten – wie so viele andere auch – ihre Ferien absagen oder verschieben, konnten das ­Weihnachtsfest nicht mit der Familie verbringen, durften die Enkel nicht treffen, gehören zur Risikogruppe. Wie ist das Rentnerehepaar Margit und Gusti Bracher damit umgegangen?

Gemütlich zusammen zu lesen, das haben Margit und Gusti Bracher in diesem Jahr neu für sich entdeckt. (Bild Nepita Santiago)
Gemütlich zusammen zu lesen, das haben Margit und Gusti Bracher in diesem Jahr neu für sich entdeckt. (Bild Nepita Santiago)

«Uns geht es gut», sagt Margit Bracher und schaut zu ihrem Mann, «oder Gusti?» Für ihn war es einzig zu Beginn der Pandemie, als unklare Botschaften kommuniziert wurden, nicht ganz einfach. «Da denkt man immer, dass es einem schon nicht trifft. Aber die Pandemie ist nicht berechenbar.» So ist er persönlich froh um klarere Verhaltensregeln. Und diese werden im Haushalt Bracher auch eingehalten, denn Margit Bracher gehört wegen einer Vorerkrankung zur Risikogruppe.

Das Ehepaar wirkt zufrieden und gelöst und hat im vergangenen Jahr Neues für sich entdeckt. Ein Kochbuch wurde angeschafft und die neuen Rezepte ausprobiert. Beim ­Kochen wird abgewechselt und während er gerne schon am Morgen weiss, was es am Abend gibt, entscheidet sie lieber spontan. Auch haben sie für sich entdeckt, wie gemütlich es ist, abends im gleichen Zimmer zu lesen. Aber natürlich verbringen sie ihre Tage nicht ständig auf engstem Raum. Müssen sie auch nicht, denn sie leben in Rifferswil im eigenen Haus mit Garten, was einiges an Freiraum lässt. Der ehemalige ­Chemiker ist auch viel unterwegs beim Joggen, auf dem Velo oder im Wald am Holzen und die ehemalige Pflegefachfrau büffelt oft mehrere Stunden täglich Japanisch, «um diese doch sehr fremde Kultur besser verstehen zu lernen.»

Auch mit neuer Technik setzen sie sich auseinander: Mit den Enkeln wird per Facetime Kontakt gehalten und da sie ja weder Kino noch Konzerte besuchen können, haben sie Kinofilme und Konzerte gestreamt und Computer-Kultur genossen, erzählt Margit Bracher.

In Garten-Ferien investiert

Neuartig war auch das Weihnachtsfest, das sonst jeweils eine grosse Familienfeier ganz nach dänischer Art ist – Margit Bracher ist gebürtige Dänin – und den beiden jeweils ein volles Haus ­beschert. «Dieses Jahr waren wir zum Apéro beim einen Sohn auf der Terrasse und haben danach den Abend zu zweit verbracht», erzählen sie. Auch für die abgesagten Winterferien haben ­Brachers einen würdigen Ersatz gefunden: «Das gesparte Geld wurde kurzerhand in einen ganz tollen Design-Liegestuhl ­investiert.» Damit können sie nun jederzeit bequeme Garten-Ferien verbringen.

Ganz auf Ferien verzichtet haben Brachers jedoch nicht. Im September waren sie in Dänemark und mussten nach der Rückkehr zehn Tage in Quarantäne verbringen. «Obwohl unsere Ferien, allein in einem kleinen Häuschen am Strand und fast immer an der frischen Luft, schon eine Art Quarantäne waren.» Aber ja, sie verstehen das schon, die Fähre, der Flug und zu Hause konnten sie immerhin im Garten hin und her tigern.

Beide betonen immer wieder, dass sie sich sehr privilegiert fühlen. «Mit der Rente beispielsweise kommt das Geld pünktlich rein», sinnieren sie, während das für viele jüngere Menschen nicht mehr der Fall sei und was wohl noch viele Tragödien nach sich ziehen werde. Weiter beschäftigt sie, dass Menschen, die an Corona-Langzeitfolgen leiden, bis anhin nicht unterstützt werden, sondern zwischen Stuhl und Bank fallen.

Obwohl es den beiden trotz Einschränkungen gut geht, freut er sich darauf, wieder einmal mit seiner Musikgruppe «Puszta Pampa» proben zu können. «Alleine, nur mit Playback-Begleitung zu üben, macht keine Freude, denn wir sind viel mehr als Bandkollegen, wir sind auch langjährige Freunde», sagt der Kontrabassist. Und sie freut sich darauf, wieder einmal in einer grösseren Tafelrunde zu feiern, ihre Tochter in Österreich zu besuchen und nach Zürich ins Kino zu gehen und danach etwas zu trinken.

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