Parkinson: Wenn Bewegung zur Herkulesaufgabe wird
Ein Vortrag von Professor Dr. Veit Mylius im Pflegezentrum Sonnenberg zeigte Wege auf, wie Aktivität, Training und Therapie den Alltag mit Parkinson verbessern können

Trotz grosser Hitze erschienen am vergangenen Donnerstagnachmittag ungefähr 50 Mitglieder im Pflegezentrum Sonnenberg, um erwartungsvoll den Ausführungen von Professor Dr. Veit Mylius, leitender Arzt für den Bereich Neurologie in der Reha-Klinik Valens, zu lauschen. Die St. Gallische Klinik ist spezialisiert auf die Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Funktionsbeeinträchtigungen am Bewegungsapparat und am Nervensystem. Mit dem Thema Parkinson hat sie einen Schwerpunkt gesetzt, um Betroffene möglichst individuell und ganzheitlich zu versorgen.
Eingeladen zum Vortrag hat die Selbsthilfegruppe für parkinsonerkrankte Menschen im Bezirk Affoltern, die vor fast exakt fünf Jahren von Rita Ackermann und Parkinson Schweiz gegründet wurde.
Herausforderung: Gehen
Für gesunde Menschen scheint Gehen selbstverständlich – bis der Körper plötzlich nicht mehr mitmacht. Mit «Herrn Parkinson» wird jeder Schritt zur Herausforderung. Besonders Treppen, Türschwellen, enge Durchgänge oder unerwartete Hindernisse bergen Gefahren. Das sogenannte «Freezing», bei dem die Beine wie am Boden festkleben, erhöht die Sturzgefahr zusätzlich. Und Stürze nehmen mit der Dauer der Erkrankung deutlich zu: Acht Jahre nach der Diagnose kommt es bereits zu 42 Prozent mehr Stürzen, nach 16 Jahren sogar zu 71 Prozent mehr. So steigt die Angst, sich zu bewegen. Ein Teufelskreis!
Sturzrisiko und Trainingsansätze
Ein Forschungsprojekt der Klinik in Valens macht deutlich, dass ein kurzes, intensives Laufbandtraining in Kombination mit virtueller Animation, das sogenannte Dual-Task-Training, die Sturzhäufigkeit deutlich reduziert, die Aufmerksamkeit und die Koordination signifikant verbessert. «Das Gehen kann auch zu Hause gezielt trainiert werden, indem man bewusst versucht, grössere Schritte zu machen», ergänzt Prof. Veit Mylius. «Auch kann es helfen, darauf zu achten, zu welchen Tageszeiten oder in welchen Situationen die Bewegung leichter fällt – und diese Momente vermehrt zu nutzen.» Musik hilft ebenfalls erstaunlich gut. Gehen zu einem klaren Rhythmus verbessert den Gang, das Gleichgewicht und steigert die Motivation. Besonders geeignet sind Songs mit etwa 60 Schlägen pro Minute – ähnlich dem Herzschlag.
Aktiv bleiben
Auch Tanzen, Tischtennis, Boxen oder Tai-Chi unterstützen die Motorik, Gehsicherheit und Reaktionsfähigkeit. Zudem stabilisiert Bewegung den Kreislauf. Bouillon löffeln ebenfalls, Whisky und Gin Tonic dagegen eher weniger – dann wären wir wieder bei der Trittsicherheit.
Viele Teilnehmende berichten, dass es Mut braucht, einen Kurs erstmals zu besuchen. Darauf entgegnet Veit Mylius: «Es lohnt sich unbedingt, eine Probelektion zu vereinbaren und es einfach zu probieren.» Manche entdecken dabei Fähigkeiten wieder, die sie längst verloren glaubten – und wagen am Ende sogar wieder ein paar Tanzschritte.
Herausforderung: Schlucken
Den zweiten Teil des Vortrages widmete Mylius den Schluckbeschwerden, die ebenfalls ein Symptom der heimtückischen Krankheit sind und bis zu 80 Prozent der Parkinson-Patientinnen und -Patienten betreffen. Sie entstehen, weil der Dopaminmangel die Muskeln und Reflexe im Mund und Rachen schwächt. Dadurch drohen gefährliches Verschlucken, Lungenentzündungen und Mangelernährung.
Abhilfe schaffen kann Cayennepfeffer! Seine Schärfe löst einen reflektorischen Husten und bewusstes Nachschlucken aus. Bei einer Studie hat sich gezeigt, dass mit dieser Schluckreflextriggerung das Abhusten signifikant gestärkt werden kann, und auch langfristig einen positiven Einfluss aufs Schlucken hat.
Die im Publikum anwesende Logopädin des Spitals Affoltern, Inge Haid, hat noch einen weiteren Tipp: «Wenn Sie beim Essen und Trinken das Kinn leicht Richtung Brustbein senken und den Nacken etwas beugen, gelangen Flüssigkeiten und Nahrung nicht unkontrolliert in den Rachen. So verringert sich das Risiko, sich zu verschlucken.» Um den Schluckvorgang zu verbessern, gibt es demnach verschiedene Schlucktherapien. Da Parkinson-Medikamente den Schluckreflex steuern, lohnt es sich ebenfalls, die Medikation regelmässig durch den Neurologen prüfen zu lassen.
Zum Abschluss der Veranstaltung lud ein reichhaltiges Buffet zu regem Austausch unter Betroffenen ein. Veit Mylius setzte sich spontan ans Klavier und begleitete die gesellige Runde mit sanften Klängen.

