Regierungsrätin als Publikumsmagnet
Natalie Rickli – Festrednerin an der 1.-August-Feier in Ottenbach

Der Verein Kultur Ottenbach hatte richtig spekuliert. Weil als Festrednerin die Zürcher Regierungsrätin Natalie Rickli angekündigt war, hatte der für die Organisation der 1.-August-Feier zuständige Kulturverein die Zahl der Bänke und Tische gegenüber früheren Jahren deutlich erhöht, auf 350 Plätze. Und siehe da, trotz des schwülheissen Wetters und der auf den Nachmittag angesetzten Feier waren am Samstag im Festzelt beim Pontonierhaus fast alle Plätze besetzt.
Eine Regierungsrätin oder einen Regierungsrat für eine 1.-August-Rede zu gewinnen, das schaffen nur wenige Gemeinden. Zumindest in jüngerer Geschichte war kein Vertreter der Kantonsregierung für diesen Zweck nach Ottenbach gereist – dafür immerhin 2015 mit Doris Leuthard eine (damals) amtierende Bundesrätin.
Ricklis Besuch in Ottenbach hatte der frühere, langjährige Gemeindeschreiber Hansruedi Böhler eingefädelt, wie Gemeindepräsidentin Gabriela Noser einleitend erzählte. Er habe Rickli zufällig anlässlich des Eidg. Schwing- und Älplerfests (Esaf) 2025 in Mollis getroffen und sie für die Feier gewinnen können. Dabei habe sich herausgestellt, dass Ricklis Mutter und Böhler beide aus Aeugstertal stammen und die beiden einander in jungen Jahren offenbar gut kannten. Natalie Rickli sei somit, obwohl in Ried bei Neftenbach aufgewachsen, «zu 50 Prozent eine Säuliämtlerin», so Noser.
Lobeshymne auf Ottenbach
Rickli bedankte sich für die Einladung mit einer augenzwinkernden Lobeshymne auf das «wunderschöne Ottenbach». So sei das quasi im «Wilden Westen des Kantons Zürich» gelegene Dorf «eine absolute Perle» und «der schönste Puffer zwischen dem Kanton Zürich und dem nahen Aargau». «Sie haben alles, was es braucht: eine intakte Natur, eine einmalige Flusslandschaft, ein aktives Vereinsleben und eine schöne Dorfgemeinschaft», sagte Natalie Rickli.
In ihrer Rede ging Rickli immer wieder auf den Ursprung der Schweiz zurück, den Bundesbrief aus dem Jahr 1291. Dieser stehe symbolisch für einen entscheidenden Anfang: «Menschen schlossen sich zusammen, weil sie erkannten: Gemeinsam können wir unsere Freiheit, unsere Sicherheit und unseren Frieden besser schützen, als jeder für sich allein.» Dieser Grundgedanke präge die Schweiz bis heute: «Gegenseitige Unterstützung, Rechtsstaatlichkeit, Selbstbestimmung – und Entscheidungen, die möglichst nahe bei den betroffenen Menschen gefällt werden.»
Aus ihrer Sicht, so die SVP-Politikerin, sei der Bundesbrief aber auch ein Dokument, das Grenzen setzte, zwischen Bundesgenossen und Fremden. Das entspreche nicht dem heutigen Zeitgeist, der Grenzen als einschränkend, störend und kleinkariert empfinde. Aus ihrer Sicht seien Grenzen aber nicht immer einfach schlecht. Sie zeigten, «wo Verantwortung beginnt und wo sie endet. Wo keine Grenzen bestehen, ist jeder für alles und letztlich niemand für etwas zuständig».
Dass die Schweiz heute zu den erfolgreichsten und lebenswertesten Ländern der Welt zähle, liege auch an der direkten Demokratie. «Wir müssen nicht immer derselben Meinung sein, um zum selben Land zu gehören. Wir streiten über den richtigen Weg, ohne einander grundsätzlich die Zugehörigkeit abzusprechen. Die Schweiz lebt nicht von der Einigkeit in jeder einzelnen Frage. Sie lebt von der Fähigkeit, mit unterschiedlichen Ansichten friedlich und respektvoll umzugehen.»
Damit die Schweiz die Herausforderungen der Zukunft bewältigen könne, müssten jene beiden Kräfte bewahrt werden, die schon die Gründungsgeschichte prägten: «Den Mut und die Verantwortung des Einzelnen – und die Bereitschaft, füreinander einzustehen. Oder, um es mit unseren beiden Staatsmythen zu sagen: Es braucht den Mut Wilhelm Tells. Und es braucht den Gemeinsinn des Rütlischwurs.»
Als kleines Dankeschön durfte Rickli von Kantons- und Gemeinderat Ronald Alder ein Säckli mit regionalen Spezialitäten entgegennehmen.
Musikalisch umrahmt wurde die Feier von der Spielgemeinschaft Mettmenstetten-Ottenbach und kulinarisch vom Männerturnverein (u. a. Fisch), dem Pontonierfahrverein (Getränke) und dem Ottenbacher Chor (Kuchen) begleitet.
Für etwas Kühlung hätte die unmittelbar neben dem Festplatz vorbeifliessende Reuss sorgen können, sofern man sich hineingewagt hätte. Dabei hätte es nicht einmal einer Badehose bedurft: Wegen der anhaltenden Trockenheit beziehungsweise wegen des fehlenden Regens ist der Wasserstand so niedrig, dass man von der Ottenbacher Seite her bis zur Flussmitte hätte waten können, ohne dass das Wasser weit über die Knie gereicht hätte.


