Rollen, Tabus und Tand im Kasinosaal

Das OK Frauenfest, Kultur­Affoltern und viele Helfende haben sich ins Zeug gelegt, um ein stimmungsvolles Fest zu bereiten, das Essen der internationalen Frauengruppe Zug wurde allseits geschätzt und nach einer Gesprächsrunde wurde rege getanzt zu Hits auf Vinyl, aufgelegt von DJ Ms Hyde.

In einem Sofagespräch kamen Frauen aus drei Generationen zu Wort. (Bild Andy Schwager)
In einem Sofagespräch kamen Frauen aus drei Generationen zu Wort. (Bild Andy Schwager)

Nein, er ist nicht abgesagt. Der internationale Tag der Frau wird gefeiert. So die Info vonseiten des OK auf Anfrage. Über den Marktplatz zog sich eine Spur von Rosenblättern und die Tische im Kasinosaal waren liebevoll zum Essen dekoriert, sodass sich frau herzlich willkommen fühlte. Keine Angst vor Corona? Nun, die Begrüssungen waren vorsichtig, die Frauen umarmten einander, so konnten Händeschütteln und Küsse vermieden werden, ohne steife Distanz. Es kamen gut 60 Besucherinnen (andere Jahre gegen 100), auch einzelne junge Männer. Als Treffpunkt der sozial und politisch Engagierten kommen auch Weggezogene ans Frauenfest, um Bekannte wiederzusehen. Der Eintrittspreis von 40 Franken (inklusive Essen), war hoch, aber die 1000 Franken Saalmiete ebenfalls.

Schmuck für Bildung

Die Schmuckbörse im Foyer ist ein Element des Frauenfestes in Affoltern. Wer nicht mehr getragene Schätze aussortiert, bringt sie mit als Spende. Und auch wer sich Neues für Hals, Arm oder Ohren kauft, tut Gutes. An diesem Sonntag kamen 500 Franken zusammen, die einem Hilfsprojekt in Ost-Kenia zufliessen: Schulgeld, Solarkocher oder Nutztiere für Familien – Grundlagen, die vielen Menschen, die dort in kargen Verhältnissen leben, Chancen eröffnen:  Wie aber sieht die Entwicklung von Frauen in unserer Region über Generationen aus? Dieser Frage ging Liliane Hurschler in einer kleinen Talkshow mit Frauen aus drei Altersgruppen nach (Sofas wurden von Kurt Wohndesign zur Verfügung gestellt).

Rollen und Entwicklungen – ein Sofagespräch

Yael, 25, vertritt die jüngere Generation. Sie schätzt den Frauentag, um die Sisterhood, die Verbundenheit über das Frausein zu feiern. Eliane, Mittvierzigerin, findet es wichtig, sich zu vernetzen, zu klären, was schon erreicht wurde und wo noch wichtige Lücken bestehen in der Gleichstellung. Und ­Heidi, Ü60, betont, dass Frauenfreundschaften lebenswichtig seien, ja einen Gesundheitsfaktor darstellen. Dies soll gefeiert werden.

Um den Zeitgeist, in dem die Frauen aufwuchsen, zu verbildlichen, kam die Sprache schnell auf Kleidernormen. Sowohl Heidi wie Eliane erinnern sich an handgestrickte Wollunterhosen als Kind und an die Revolution, die das Tragen von Hosen in ihrer Jugend darstellte, Wanderhosen zunächst und später Jeans. Heidi erwähnt, dass ihr das Hosentragen Inhalt für die Beichte bot, eine echte Sünde. Yael meint, sie habe nie etwas anderes als Hosen getragen. Im Gegensatz zu den älteren ­Geschlechtsgenossinnen, habe sie, in einem WG-artigen Zweifamilienhaushalt grossgeworden, keine starke Rolleneinteilung für Mädchen wahrgenommen, räumt aber ein, dass ihre sechs Jahre jüngere Schwester bereits in ein offeneres gesellschaftliches Umfeld hineinwuchs. Allen gemeinsam war die Erinnerung, dass ihre Väter ganz am Rande im Haushalt tätig waren, ihre Mütter nach der Kleinkinderzeit teilzeitlich berufstätig waren, bei den Grosseltern aber noch eine klare Aufteilung zwischen Haus- und Erwerbsarbeit galt; Heidi allerdings war von der Tätigkeit ihrer Grossmutter als Bahnwärterin sehr beeindruckt.

Frau und Beruf im Spiegel der Zeit

Und ihre eigenen Berufswünsche? Eliane wurde nach der Diplommittelschule (früher «Fraueli») Kindergärtnerin, obwohl sie gerne Polizistin oder Sozialarbeiterin geworden wäre. Heute ist sie zudem, wider eigenes Erwarten, Stadträtin. Heidi, Lehrerin, hätte gerne einen Beruf mit Uniform ausgeübt, als Stewardess oder auch im Militär. Yael macht zurzeit ihren Master an der ZHdK und arbeitet als Vermittlerin von Kunst und Design sowie als Projektleiterin in einem Jugendkulturhaus. In ihrem Berufsumfeld würden eher Männer eigene Firmen gründen, merkt sie an. Im Publikum sind auf Anfrage von Liliane Hurschler nur wenige männliche Berufe, die von Frauen ausgeübt werden, auszumachen.

Am Frauenstreiktag 2019 hingegen waren die meisten, einige auch bereits 1991. Die Männer an der ZHdK haben für die streikenden Frauen gekocht, darauf ist Yael stolz. Viele junge Männer engagierten sich an dem 14. Juni, um den Frauen die Teilnahme am Streiktag zu erleichtern; ein wunderbares Gefühl für die Frauen, war es doch früher eher so, dass sie vom regelmässig bekochten starken Geschlecht beschimpft wurden oder dieses sich vernachlässigt fühlte, den Frauen ihre Zusammenkunft vergönnte. An Heidis Arbeitsstelle durfte nicht gestreikt werden, ein Apéro im kleinen Kreis im Lehrerzimmer musste reichen. Und auch Eliane sah sich mit der Androhung von Lohnkürzung konfrontiert und arbeitete an dem Tag. ­Andere durften einen Ferientag beziehen, um am Streik teilzunehmen.

Tabuthemen in der Familie?

Auf diese Frage antworten alle einheitlich: Geld und Sex. Ein interessantes Gespräch ergab sich für die Schreibende mit einer jungen Frau aus dem Publikum. Diese Generation befasst sich mit anderen Dimensionen der Sexualität bis hin zu Pansexualität, bei der sich jemand emotional, romantisch und sexuell zu erwachsenen Menschen jeden Geschlechts und jeder sexuellen Orientierung hingezogen fühlen und sich verlieben kann.

Gibt es da noch Tabus zu überwinden? In ihrem Alter zu heiraten, so wie sie dies vorhabe, sei ungewöhnlich und stosse auf breites Unverständnis, meint die Zwanzigjährige. Und nicht berufstätig zu sein ist schon für Frauen und Mütter der Achtzigerjahrgänge praktisch ein No-Go. Dass der Vater Haushaltarbeit ausführe, so wie sie das erlebt habe, sei noch lange nicht die Normalität, das habe sie als Kind erstaunt feststellen müssen.

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