Schulsozialarbeitende thematisieren häusliche Gewalt

Jedes Kind hat das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung

Martina Lack, Schulsozialarbeiterin in Aeugst (links), und Sheyda Shahnazari, Schulsozialarbeiterin in Wettswil, vor einem Gemeinschaftswerk, zu dem an der Schule Aeugst jedes Kind eine Feder beitrug. (Bild Regula Zellweger)
Martina Lack, Schulsozialarbeiterin in Aeugst (links), und Sheyda Shahnazari, Schulsozialarbeiterin in Wettswil, vor einem Gemeinschaftswerk, zu dem an der Schule Aeugst jedes Kind eine Feder beitrug. (Bild Regula Zellweger)

Die Schwierigkeiten mit dem Thema «Gewalt in der Erziehung» beginnen mit der Definition. Dass körperliche Gewalt wie beispielsweise Ohrfeigen, Schlagen auf den Hintern oder Schütteln dazu gehören, ist allgemein bekannt. Doch auch psychische Gewalt – etwa Liebesentzug, Drohungen und Demütigung – sowie Vernachlässigung können Kindern nachhaltigen Schaden zufügen. Grundsätzlich unterscheidet man körperliche Gewalt, psychische Gewalt, sexualisierte Gewalt und Vernachlässigung.

Gewalt in der Erziehung ist oft Ausdruck einer Überforderung der Bezugspersonen. Bereits 1939 formulierten Wissenschaftler die Theorie: «Jeder Aggression geht eine Frustration voraus.» Gewaltanwendung ist also oft eine Reaktion. Deshalb ist Prävention ein bedeutsamer Lösungsansatz. Dies haben auch die Schulsozialarbeitenden des Bezirks Affoltern erkannt.

No Hitting Day

Seit 1998 erinnert der internationale «No Hitting Day», der jeweils am 30. April stattfindet, daran, dass viele Kinder in ihrer Erziehung nicht vor Gewalt geschützt sind. Kinderschutz Schweiz hält fest: «Noch immer erlebt fast die Hälfte der Kinder in der Schweiz zu Hause Gewalt.» Dies zeigt beispielsweise eine Studie der Universität Freiburg.

Das Team der Schulsozialarbeitenden des Bezirks Affoltern entschied sich, das Thema aktiv aufzugreifen, zu diskutieren, darüber zu informieren und es öffentlich sichtbar zu machen. Gemeinsam entwickelten sie Workshops, die altersgerecht adaptiert sind. «Die Workshops zum Thema häusliche Gewalt sind für alle Stufen, für Kindergarten, Unterstufe, Mittelstufe und Oberstufe, vorbereitet – mit mehreren Lektionen, damit das Gelernte auch wiederholt werden kann», erklären die Schulsozialarbeiterinnen.

In den Workshops werden drei Hauptziele thematisiert: erstens das Wahrnehmen der eigenen Emotionen, zweitens das Einholen von Hilfe und das Darüber-Sprechen, drittens das Beschreiben und Einordnen von Gewalt – was ist in Ordnung und was nicht. Generell sehen die Schulsozialarbeitenden ihre Aufgabe nicht ausschliesslich beim Unterstützen im Lösen von Konflikten, sondern auch im Sensibilisieren für soziale Probleme, deren Ursprung nicht allein in der Schule liegt. Schule und Elternhaus stehen in einer steten Wechselwirkung.

Keine Anklage

Sheyda Shahnazari, Schulsozialarbeiterin in Wettswil, und Martina Lack, Schulsozialarbeiterin in Aeugst, wollen rund um den No Hitting Day die breite Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren. Sie betonen, dass es dabei nie um Schuldzuweisungen oder Anklagen gehe. Ihr Ziel ist es, Kinder ebenso wie ihre Bezugspersonen unterstützend zu begleiten: «Auch betroffene Eltern sollen sich professionelle Unterstützung holen und sich auf deren Schweigepflicht verlassen können.» Martina Lack: «Uns ist bewusst, dass Erziehung eine schwierige Aufgabe ist.» Schliesslich gilt es, Kindern zugleich Wurzeln und Flügel zu geben – und zu entscheiden, wann sie was eher brauchen. Und Sheyda Shahnazari ergänzt: «Wir sind froh, wenn wir mit Betroffenen lösungsorientiert in kleinen Schritten vorwärtskommen, denn auch Eltern leiden und haben Schuldgefühle. Wenn es um die eigenen Kinder geht, ist man sehr verletzlich. Fühlen sie ihr Verhalten kritisiert, geraten sie schnell in eine Verteidigungshaltung – und das ist keine gute Basis, um gemeinsam Lösungen zu finden.»

Die Auseinandersetzung mit häuslicher Gewalt verlangt von den Sozialarbeitenden hohe Professionalität und gleichzeitig grosse Achtsamkeit. Sie müssen Vertrauen gewinnen und emotional schwierige Situationen aushalten können – und stets im Sinne des Kindeswohls entscheiden, was nicht immer einfach ist.

Juristisch geschützt, aber …

Kinder, die Gewalt erleben, versuchen oft, ihre Eltern zu schützen. Sie schämen sich und kaschieren die Auswirkungen von Gewalt auf Leib und Seele. Umso wichtiger ist die Aufmerksamkeit der Schule und des sozialen Umfelds.

Gewalt gegen Kinder ist in der Erziehung nicht erlaubt. Sie sind durch die Bundesverfassung und die UNO-Kinderrechtskonvention geschützt. Kinderschutz Schweiz, eine unabhängige privatrechtliche Stiftung, engagiert sich als gemeinnützige Fachorganisation dafür, dass alle Kinder in der Schweiz im Sinne der UNO-Kinderrechtskonvention geschützt und in Würde aufwachsen.

Die Wirkung von Gewalt unterscheidet sich, denn nicht alle Kinder reagieren gleich. Je mehr Resilienz Kinder und Eltern entwickelt haben, desto besser können sie Hilfe holen und mit Problemen klarkommen.

Gewalterfahrungen in Kindheit und Jugend haben häufig langfristig gravierende Folgen: Sie beeinflussen die Persönlichkeitsentwicklung nachhaltig. Studien zeigen, dass Betroffene beispielsweise häufiger unter zwischenmenschlichen Problemen, erhöhter Suchtgefährdung, geringem Selbstwertgefühl und einem schwachen Selbstwirksamkeitsglauben leiden. Sie wenden selbst eher Gewalt an, ihre Beziehungsfähigkeit ist oft eingeschränkt oder – im Fall von Überanpassung – kann sich ein Helfersyndrom entwickeln. «Ich habe nie Eltern erlebt, die nicht das Beste für ihre Kinder wollen. Aber manchmal funktioniert es einfach nicht», erklärte eine Lehrerin, und fügt mit einem traurigen Lächeln hinzu: «Eine solche Mutter sehe ich auch manchmal, wenn ich in den Spiegel schaue.» Niemand ist davor gefeit, in der Erziehung Fehler zu machen. Die Schulsozialarbeitenden können den Druck, dem Eltern ausgesetzt sind, verstehen. Frisch gebackene Eltern können sich kaum vorstellen, ihr Kind je schlagen zu können. Das eigene Selbstbild gerät ins Wanken, wenn Eltern realisieren, dass sie ihr Kind beispielsweise anschreien.

Noch immer besteht das gesellschaftliche Ideal, dass Mütter mariengleich sein sollen: liebevoll, geduldig, selbstlos – und dies oft im Spannungsfeld zwischen Familien- und Berufsarbeit. Erziehen in einer belastenden Berufssituation, einer komplexen Familiensituation oder als alleinerziehende Person ist eine Herausforderung. Erschwert wird ein angemessenes Verhalten Kindern gegenüber oft durch Stress, der nicht selten aus Perfektionismus und überhöhten Erwartungen entsteht.

«Wichtig ist, dass sich Eltern mit ihrem Problem nicht alleingelassen fühlen», meint Martina Lack. «Verstehen heisst aber nicht, Gewalt tolerieren», so Sheyda Shahnazari. «Deshalb sind wir aktiv geworden. Wir hoffen, dass das Thema der gewaltfreien Erziehung in Familien und im Freundeskreis offen, lösungsorientiert und ohne Tabus diskutiert wird.»

Informationen und Ansprechpartner

Eltern können sich direkt an die Schulsozialarbeitenden ihrer Schule wenden.

Kinderschutz Schweiz: kinderschutz.ch

kjz, Kinder- und Jugendhilfezentren Kanton Zürich:

Das Recht auf gewaltfreie Erziehung – fürs Leben gut: www.fuerslebengut.ch/recht-auf-gewaltfreie-erziehung/

Elternnotruf: elternnotruf.ch, Tel. 084 835 45 55

Pro Juventute: elternberatung.projuventute.ch, Tel. 058 261 61 61. (rz)

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