«Schultergeschichten» – ein persönliches Buch

Eveline Walser las in der Bibliothek Hausen

Eveline Walser las in der Bibliothek Hausen mit leisem Humor aus ihrem biografischen Buch «Schultergeschichten». (Bild Regula Zellweger)
Eveline Walser las in der Bibliothek Hausen mit leisem Humor aus ihrem biografischen Buch «Schultergeschichten». (Bild Regula Zellweger)

Manchmal bedeutet ein Buchtitel eine Erweiterung des Wortschatzes. Dies erlebten die rund 40 Besucherinnen und Besucher am vergangenen Freitag in der Bibliothek Hausen anlässlich der Lesung von Eveline Walser. «Schultergeschichten» sind Selbstwertschätzungsgeschichten – Geschichten, die schulterklopfend sagen: «He, das hast Du gut gemacht!»

Manchmal machen Buchcover tief betroffen. So die schlichte Gestaltung des Erstlingswerkes «Schultergeschichten»: Grundfarbe ein sanftes Altrosa, darauf der Autorenname, der Titel – ein einziges Wort – sowie das in Grautönen gehaltene Aquarell einer Frau mit langen Haaren, die ihr Gesicht in einer schützenden Haltung verbirgt. Gemalt hat es die bekannte Obfelder Künstlerin Katharina Proch nach einem Foto. Es zeigt Eveline Walser beim Spielen einer Rolle im Improvisationstheater. Im Original hielt sie einen schweren Stein in den Armen – dieser wurde bewusst weggelassen, eine symbolische Handlung. Eveline Walser hat sich von vielen Steinen befreit – und davon handeln ihre «Schultergeschichten», die auch Mutmachgeschichten sind.

«Schultergeschichten» ist auch ein Selbstfindungsbuch: «Um mein Schicksal gutzuheissen, musste ich es zuerst begreifen.»

Autobiografische Spurensuche

Die Autorin, geboren 1949, wuchs in der Nähe von Zürich zusammen mit ihrer um ein Jahr älteren Schwester auf. Die Eltern trennten sich früh. Ein Stiefvater, den sie liebevoll Stievi nennt, trat in ihr Leben und hinterliess prägende Spuren. Sie widmete ihm zu seinem Tod ein bewegendes Gedicht. Das Buch beginnt mit je einem Brief an die Mutter und an Stievi.

«Schultergeschichten» ist auch ein Spurenbuch. Seit 2013 ging Eveline Walser ihren Lebensspuren nach, sie setzte sich mit ihrem Leben schreibend auseinander. Spurensuche ist auch ein «Mutterbuch». Nicht die Beziehung zu den eigenen beiden Kindern wird thematisiert, es geht um das Verarbeiten der eigenen Mutterbeziehung und ums bewusste Ablösen mittels Sprache, mittels Aus- und Weiterbildungen im therapeutischen Bereich, mittels Gesprächen mit Vertrauenspersonen und mittels Improvisationstheater.

Schultergeschichten ist kein Abrechnungsbuch, es ist ein Buch des respektvollen, möglichst versöhnlichen Loslassens. Mit der ehrlichen Erkenntnis, dass dies ein langer Weg sein kann, der kaum Abkürzungen toleriert.

Ein Buch mit vielen Facetten

Ein Nabelschaubuch ist es aber nicht. Denn viele «Schultergeschichten» sind Erinnerungen an berufliche Erfahrungen. Eveline Walser begann ihre Berufslaufbahn als Krankenschwester – unter anderem auch im Spital Affoltern – und arbeitete später mit Kindern mit körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen. Über zehn Jahre war sie Ergotherapeutin in einer psychiatrischen Klinik.

Wenn sie von diesen Erfahrungen erzählt, wird ihre feinfühlige Art sichtbar, die sie bisweilen hinter einer schützenden Haltung verbirgt. Vor dem inneren Auge erscheint erneut das Aquarell der Titelseite. Selbstschutz und Humor – zwei prägende Persönlichkeitsmerkmale – ziehen sich durch ihre Erzählungen und erweisen sich als Überlebensstrategien.

Das Herauslösen aus dieser Schutzhaltung ist ein Lebensthema, das Eveline Walser insbesondere mit dem Improvisationstheater anging. Auch eine Lesung ist ein Sich-Zeigen, ehrlich, offen und zugleich verletzlich. Die Autorin hatte sich gut darauf vorbereitet, mit Bedacht die Stellen aus ihrem Buch zum Vorlesen ausgewählt. Sie suchte den direkten Blickkontakt mit dem Publikum – etwas, das für sie seit ihrer Kindheit lange Zeit eine grosse Herausforderung darstellte.

Kreativer Weg zu sich selbst

Auch kreatives Schaffen kann helfen, sich selbst besser kennenzulernen und zu verwirklichen. Eine Ausbildung zur Psychodrama-Assistentin löste eigene «Seelenverkrampfungen» und brachte Kompetenzen im professionellen Umgang mit den Menschen, mit denen sie täglich arbeitete. «Ich war eine unkonventionelle Ergotherapeutin.»

Eveline Walser widmete sich auch längere Zeit dem gestalterischen Schaffen. «Das Handwerken lehrte mich das Hinschauen», bringt sie es auch auf den Punkt. «Einmal modellierte ich meinen Kopf. Dieses Ergebnis war spannend. Mein persönlicher Gesichtsausdruck änderte ja täglich, und es begann sich beim Ausbessern eine Endlosschleife abzuzeichnen.» Dieses Zitat zeigt exemplarisch die treffende und berührende Sprache von Eveline Walser: schnörkellos, präzise, kreativ und mit leisem Humor.

Zum Schluss las Eveline Walser das Gedicht «Das Leben gibt mir die Hand». Die Autorin scheint angekommen zu sein – bei sich selbst, im Vertrauen ins Leben.

Das Bibliothek Hausen schuf einen stimmigen, herzlich-gastfreundlichen Rahmen. Beim anschliessenden Apéro vertieften viele Besucherinnen und Besucher die Eindrücke in persönlichen Gesprächen. Denn Eveline Walsers Buch bewegt und wirkt nach.

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