Selbst gestrickte Zwangsjäckchen lockern

Sommerserie «Grenzen» (6): Grenzen respektieren und manchmal lustvoll überhüpfen

Tirggel, das traditionelle Zürcher Honiggebäck, wird vor dem Backen in kunstvolle Formen gedrückt. Dadurch entstehen reliefartige Bilder.

Tirggel, das traditionelle Zürcher Honiggebäck, wird vor dem Backen in kunstvolle Formen gedrückt. Dadurch entstehen reliefartige Bilder.

Wie reagieren fremde Menschen, wenn man ihnen spontan einen Tirggel anbietet? Man muss die eigenen Grenzen überhüpfen, um den Glaubenssatz «Das tut man nicht» zu überwinden. (Bilder Regula Zellweger)

Wie reagieren fremde Menschen, wenn man ihnen spontan einen Tirggel anbietet? Man muss die eigenen Grenzen überhüpfen, um den Glaubenssatz «Das tut man nicht» zu überwinden. (Bilder Regula Zellweger)

Ein sonniger Tag lädt ein, eine weitere Strecke des Ämtlerwegs in Angriff zu nehmen. Auf halber Strecke setzen wir uns auf eine Bank und geniessen die Sonnenstrahlen auf der Haut und den Tee aus der Feldflasche – und knabbern Tirggel-Herzen. Das traditionelle Zürcher Honiggebäck gehört seit meiner Kindheit zu Wanderungen.

Ein junger Mann kommt den Hang hinauf und ich verkünde leise: «Pass auf, jetzt mache ich den ZTT, den Zürcher Tirggel-Test.» Kaum ist der Mann auf unserer Höhe, strecke ich ihm frechmutig die Tüte mit den Süssigkeiten hin, strahle und frage, ob er einen Tirggel haben wolle. Er schaut mich an – ich sehe förmlich, wie er sich fragt, ob ich nicht ganz dicht sei. «Nein, danke», schnarrt er in perfektem Hochdeutsch und stakst zackig weiter den Berg hinan. «Ach nööö», sage ich leise mit weichem «ch» und wir lachen los.

Nun kommt ein schweigendes Paar – im Stechschritt. Man spürt die kühle Atmosphäre und unisono sagen sie ohne ein Lächeln «Nein». «Unisolo, married singles», murmle ich. Wir wissen beide, welchen Lebensstil diese Worte perfekt beschreiben.

Menschen beobachten heisst Erfahrungen machen

Als Nächstes kommt eine Frau den Weg hinunter. Sie wirkt eher scheu, fast schon gehemmt. Als ich ihr einen Tirggel anbiete, sieht man ihren inneren Konflikt. Eigentlich möchte sie keinen – will aber auch nicht unhöflich sein. Deshalb greift sie sich einen aus der Tüte und erklärt, dass ihr Mann nachkomme. Sofort strahle ich und sage: «Toll, dann nehmen Sie noch einen Tirggel und schenken Ihrem Mann ein Herz!» Sie findet das nicht so lustig, greift aber nochmals höflich in die Tüte und geht dann langsam weiter. Wenig später kommt der Mann und eilt wortlos an uns vorbei zu seiner wartenden Frau. Hier dreht er sich um und winkt uns fröhlich dankend. Endlich! Dann sehen wir die beiden weiter unten, diesmal er zwanzig Meter vor ihr. Das Beobachten macht Spass.

Das nächste Paar kommt plaudernd. Sie freuen sich über das Tirggel-Angebot. Er greift in die Tüte: «Oh, das sind gleich zwei», meint er, worauf die Frau lacht: «Dann nehme ich gern auch zwei.» Wir unterhalten uns und der Mann sagt: «Als Dank zeige ich Ihnen den einzigen Walliser Berg, den man von hier aus sehen kann.» Und wirklich, wir machen schliesslich am Horizont eine kleine Ecke des Breithorns aus.

Der Zürcher-Tirggel-Test: Lustvoll Ungewohntes ausprobieren

Wir beenden den Tirggel-Test und wandern ins Gespräch vertieft weiter. Ich hatte eine Menge Mut gebraucht, einfach fremden Menschen eine Süssigkeit anzubieten. Und war stolz, dies entgegen dem anerzogenen inneren Glaubenssatz «Das tut man nicht» gewagt zu haben. Glaubenssätze setzen oft Grenzen, die zwar oft unbewusst, aber stark wirken.

Auf Menschen zugehen, Menschen ansprechen, einfach etwas schenken, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Einfach, weil es Spass macht, anderen eine Freude zu bereiten. Dies tun wir im Berufs- und Privatleben viel zu selten. Weil wir Ablehnung befürchten. Was könnten die anderen denken?

Na und? Stabhochsprung über selbst gesetzte Grenzen ist oft ein gesunder Sport. Das selbst gestrickte Zwangsjäckchen mit einem Schmunzeln lockern macht Spass. Machen Sie doch auch ab und zu einen Tirggel-Test – es müssen ja nicht unbedingt Tirggel sein.

Sommerserie

«Grenzen» – abstrakt und konkret

In der diesjährigen Sommerserie rücken die «Anzeiger»-Journalistinnen und -Journalisten Grenzen in den Fokus. Wo wurden einst Grenzen gezogen, wo werden Grenzen durchbrochen oder vielleicht auch mal etwas Grenzwertiges?

Jeder Teil ist eine individuelle Auseinandersetzung mit dem Grenzbegriff – ob abstrakt oder konkret. Lassen Sie sich überraschen und stellen Sie sich die Frage, wo Ihre eigenen Grenzen liegen und weshalb. (red)

Bereits erschienen: Mehr Wild im Wald (net), «Anzeiger» vom 7. Juli; Wer braucht schon eine Hüft-OP, wenn er den Klausenpass hat? (map), 10. Juli; Grenzen auf der Spur (cla), 14. Juli; «Wo das Rüebli steckt, muss der Granitblock in die Erde» (mvoss), 17. Juli; Plausch und Körperpflege: «Ab in die Reuss!» (bs), 21. Juli

Meine Grenzen gehören mir

Genzen setzen

heisst Markierungen anbringen,

die gesehen, gehört, gespürt

und respektiert werden.

Grenzen setzen

heisst schützen,

nicht verbarrikadieren

oder einmauern.

Ich will lernen

Grenzen zu setzen.

Meine Grenzen,

für mich,

mir zuliebe.

Das reicht.

Nicht gegen andere.

Meine Grenzen gehören mir.

Und wenn ich mag,

überhüpf ich sie leichtfüssig.

Mir zuliebe.

RZ, 2003

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