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Lesung und Vorstellung des Inuit Verlags mit Laali Lyberth

Laali Lyberth, Leiterin des Inuit Verlags und ihr Mann Sven Nieder, Fotograf und Filmemacher. (Bild Regula Zellweger)
Laali Lyberth, Leiterin des Inuit Verlags und ihr Mann Sven Nieder, Fotograf und Filmemacher. (Bild Regula Zellweger)

Die ersten Worte spricht Verlegerin Laali Lyberth, Leiterin des Inuit Verlags, in ihrer Muttersprache Grönländisch. Die rund 50 Besucherinnen und Besucher des Anlasses in der Buchhandlung Scheidegger in Affoltern lauschen am Donnerstagabend dem Klang der Sprache. Sie hören zu. Dies ein zentrales Thema des Abends: Die Welt soll den Grönländern zuhören – statt über sie zu sprechen. Im Publikum versteht man die grönländischen Wörter nicht, aber im Laufe des Abends kommen die Worte von Laali Lyberth bei den Zuhörern an.

Gemeinsam mit ihrem Mann Sven Nieder, Fotograf, Filmemacher und Verleger, gestaltet sie den Abend mit Erzählungen, Hintergrundinformationen und Lesungen. Dabei entsteht ein emotionaler Kontakt mit dem Publikum, der die verschiedenen Dimensionen der Themen spürbar macht.

Geschichten, Mythen und zeitgenössische Literatur

Anhand von vier Büchern zeigen Laali Lyberth und Sven Nieder die Vielfalt des 2025 gegründeten Inuit Verlags auf. Dieser gehört zum Verlagshaus Kraterleuchten in Daun in der Eifel und wurde 2026 mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet. Das Verlegerpaar verfolgt das Ziel, möglichst unterschiedliche Werke zu veröffentlichen und sowohl Traditionen als auch aktuelle politische Fragen aufzugreifen. Die Bücher eröffnen Zugänge zu einer vielfältigen Kultur, zu Mythen und Legenden, zu prägenden Persönlichkeiten sowie zu einer von Eis und Schnee geformten Lebenswelt.

Geschichten, Mythen und zeitgenössische Literatur aus Grönland einem deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen, ist dem Verlegerpaar ein grosses Anliegen.

Grönländische Literatur wurde bisher kaum direkt ins Deutsche übersetzt. Die Übertragungen erfolgen häufig über das Dänische oder Englische und werden anschliessend sorgfältig mit dem grönländischen Original abgeglichen.

Den Auftakt macht der Titel «Bestiarium Groenlandicum – Die mythischen Wesen Grönlands», herausgegeben von Maria Bach Kreutzmann, Ujammiugaq Engell und weiteren Beteiligten.

Die mündlich überlieferten Erzählungen Grönlands sind oft rau und grausam. Sie spiegeln die Lebensbedingungen und die Vorstellungswelt früherer Generationen wider. Das «Bestiarium Groenlandicum» versammelt Kreaturen, Geister und fremdartige Erscheinungen aus der grönländischen Mythenwelt. Die darin beschriebenen Wesen sind gefährlich, frech oder fantastisch. Da ist beispielsweise Kiliffak, ein gefährliches, grosses, langhaariges Wesen mit sechs, manchmal zehn Beinen. Es lebt nahe am Inlandeis, wo es umherstreift und im Boden nach Nahrung scharrt.

Das grönländische Inlandeis bedeckt mit einer Fläche von rund 1,8 Millionen Quadratkilometern etwa 82 Prozent der Insel. Es ist nach dem antarktischen Eisschild die zweitgrösste zusammenhängende Eismasse der Erde. Die beiden Verleger erzählen, dass beispielsweise viele Bewohnerinnen und Bewohner der Hauptstadt Nuuk, wo rund ein Drittel der grönländischen Bevölkerung lebt, noch nie auf dem Inlandeis gewesen sind. Die geografischen Distanzen sind beträchtlich: Eine Reise von West- nach Ostgrönland lässt sich nicht ohne Weiteres unternehmen.

Zeitgenössische grönländische Illustratorinnen und Illustratoren geben den mythologischen Wesen in «Bestiarium Groenlandicum» ein modernes Gesicht und übertragen sie bildlich ins 21. Jahrhundert.

Eine der wichtigsten Gestalten der grönländischen Mythologie ist die Meeresgöttin Sassuma Arnaa. Sie wacht über Robben, Wale, Fische und Walrosse. Wenn Menschen gegen wichtige Regeln verstossen oder die Natur missachten, verfangen sich die Beutetiere in ihrem verfilzten Haar. Die alten Erzählungen verweisen damit nicht nur auf traditionelle Vorstellungen vom Verhältnis zwischen Menschen und Natur, sondern lassen sich auch auf aktuelle Probleme wie die Verschmutzung der Meere beziehen.

Das Kinderbuch «Sila» von Lana Hansen verbindet grönländische Mythen und Sagen mit dem Kampf gegen den Klimawandel. Es erzählt von einem Jungen namens Tulugaq, der es versteht, in einer Fantasiewelt zu leben. «Manchmal braucht es alte Geschichten, Mythen, um neue Wege zu finden», sagt Laali Lyberth.

Der Begriff «Sila» umfasst verschiedene Bedeutungen, darunter Bewusstsein, Verstand, Lebenskraft und Wind. Er steht auch für die Ordnung der Natur und verweist auf die Verbindung zwischen Menschen, Tieren, Land, Meer und Himmel. Das Kinderbuch thematisiert das schmelzende Eis Grönlands. Dass die Grönländerinnen und Grönländer seit Jahrzehnten auf die Veränderungen hinweisen, ohne ausreichend Gehör zu finden, ist eine der Botschaften des Abends.

Grönland ist ein wichtiger Frühindikator für die Folgen des Klimawandels. Der grönländische Eisschild verliert seit der Jahrtausendwende im Durchschnitt rund 260 bis 270 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr. Würde der gesamte grönländische Eisschild schmelzen, stiege der globale Meeresspiegel um rund sieben Meter.

Ob sich Tulugaq im Verlauf der Geschichte in einen Raben verwandeln kann, bleibt offen.

Denken und Handeln für die nächste Generation

Zeitgenössische grönländische Autorinnen und Autoren setzen sich mit den emotionalen, kulturellen und ökologischen Verletzungen ihrer Heimat auseinander. In der modernen grönländischen Literatur werden Umweltzerstörung, die Folgen der Kolonialisierung und die Suche nach einer postkolonialen Identität häufig miteinander verknüpft.

Auch die beiden weiteren vorgestellten Bücher des Inuit Verlags greifen unterschiedliche Aspekte der grönländischen Wirklichkeit auf: «Stella Polaris Ulloriarsuaq», ein Fotobuch, an dem das Verlegerpaar mitgearbeitet hat, und «Zombie Nunaat» von Sørine Steenholdt. Letzteres richtet den Blick auf die dunklen Seiten der Gesellschaft. Es beschreibt Menschen, die gewissermassen zu lebenden Toten werden – nicht durch äussere Gewalt, sondern infolge unverarbeiteter Traumata, Vernachlässigung und gesellschaftlicher Gleichgültigkeit.

Grönland weist seit Langem eine der höchsten Suizidraten weltweit auf. Die Ursachen sind komplex und umfassen historische, gesellschaftliche und psychische Faktoren. Sie lassen sich weder auf das raue Klima noch auf die langen, dunklen Winter reduzieren.

Sven Nieder erzählt in der Buchhandlung vom grönländischen Schamanen Angaangaq und dessen Buch «Schmelzt das Eis in euren Herzen!». Er berichtet auch, wie ihn ein Fotoauftrag nach Grönland führte und er dort Laali Lyberth kennenlernte. Heute lebt das Paar mit der gemeinsamen Tochter in der Eifel. Die Tochter besitzt sowohl die deutsche als auch die grönländische Staatsangehörigkeit.

Ihre Lebensgeschichte steht sinnbildlich für die Verbindung unterschiedlicher Welten – und für die Frage, wie die nächste Generation ihre Zukunft gestalten kann. Es braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen und sich für einen respektvollen Umgang miteinander und mit der Umwelt einsetzen.

Grönland ist ein Land im Aufbruch – mit einem schweren Rucksack. Laali Lyberth und Sven Nieder tragen dazu bei, dass grönländische Stimmen auch ausserhalb ihrer Heimat Gehör finden. Sie machen Literatur zugänglich, vermitteln kulturelle Zusammenhänge und geben Menschen Raum, ihre Erfahrungen und Perspektiven einzubringen. So leisten sie einen Beitrag dazu, dass über Grönland nicht nur gesprochen wird, sondern dass Grönländerinnen und Grönländer selbst zu Wort kommen und respektvoll wahrgenommen werden.

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