Silvester – eine Kata-Strophe!

Gedanken zum Jahreswechsel von Pfarrerin Susanne Sauder

Kurzes Innehalten vor dem Singen der neuen Strophe. (Bild Judith Grundmann)
Kurzes Innehalten vor dem Singen der neuen Strophe. (Bild Judith Grundmann)

Nicht, was Sie jetzt vielleicht spontan denken: ein riesiges Unglück, eine schlimme Tragödie. Sondern eine quasi griechische Katastrophe in ihrem ursprünglichen Wortsinn ist der Silvester, der letzte Tag des Jahres: Eine Strophe, d.h. eine Wende, die zusätzlich noch durch ein «kata» vornedran verstärkt wird. Das heisst: eine Ganz-und-gar-Wende, ein U-Turn quasi im Ablauf unserer Zeit. Natürlich stimmt das so nicht. Die Zeit, wir wissen es, wendet sich nicht um, und alles beginnt wieder von vorne. – Schön wärs manchmal! – Die Zeit «läuft» für unser Empfinden unumkehrbar von der Gegenwart in die Zukunft, immer schön gleichmässig. Wenn schon passiert jeden Tag eine kleine griechische Katastrophe, eine Wende – mit der täglichen Drehung der Erde um sich selber und der Abfolge von Tag und Nacht.

Und doch empfinden wir die Wende des Tages und der Nacht offenbar nicht als gleich einschneidend wie die Wende zu einem nächsten Jahreslauf der Erde um die Sonne nach 365 Tagen. Vielleicht deshalb hat sich in unserem Sprachgebrauch für den 31. Dezember der «waldige» Namenstag eines Papstes durchgesetzt. Dieser letzte Tag muss sich schliesslich herausheben aus der Masse der anderen Tage des Jahres. Denn er steht – wie gesagt – an einem Wendepunkt.

Und damit steht er am selben Ort, wo im griechischen Drama die Katastrophe kommt: im fünften Schlussakt. Und eben: Die Katastrophe kommt nicht als grosses Unglück, schreckliche Tragödie, sondern als überraschende und alles entscheidende Wende in der Geschichte. Die Irrungen und Wirrungen, die Missverständnisse und Unklarheiten lösen sich nun endlich auf. Alles klärt sich, löst sich. Erkenntnisse und Aha-Erlebnisse stellen sich ein.

Wie im Drama so an Silvester

Ich weiss: Eigentlich ist Silvester mit dem griechischen Drama nicht verwandt. Und doch gefällt mir die Vorstellung, dass wir das Jahresende via die griechische Dramatheorie-Brille als Auflösung von Verstrickungen verstehen könnten. Das hiesse: Wir nehmen uns in den letzten Stunden des Jahres 2017 Zeit, zurückzuschauen auf die «Irrungen & Wirrungen» der vergangenen (fast) 365 Tage unseres Lebens… Ob wir sehen, dass sich vieles davon aufgelöst hat? Erkennen wir, wo es überraschende, ungeahnte Wendungen zum Guten gegeben hat? Was uns vom Leben, von anderen Menschen, vom Himmel geschenkt wurde an «Lösungen»? Und wo wir noch auf eine einfache «Strophe», das heisst Wendung warten bzw. selber etwas nachhelfen könnten?

Heilsame Unterbrechung

Dieser Wende-Tag «Silvester» bietet uns eine kleine Unterbrechung an, eine kurze Zäsur. Kein gewaltiger Einschnitt, kein kolossaler Umbruch. Bloss ein «Schnuuf»-Holen, wie die Sängerin, bevor sie die Melodie des Liedes mit einer neuen Strophe wieder von vorne zu singen beginnt. Ein Moment des Innehaltens. Ein Sich-kurz-Orientieren und Konzentrieren, um vom Ende des einen den Anfang des andern (wieder) zu finden.

Für die Wende am Ende von 2017 und das Von-vorne-Beginnen im 2018 wünsche ich Ihnen deshalb von Herzen einen kleinen, wichtigen Unterbruch zum Kraft-Tanken an Silvester, diesem Katastrophen-Tag...

Susanne Sauder, Pfarrerin in Bonstetten

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