Spannend, berührend und reich an Bananen
Ein voller Theatersaal an der Premiere, etwa 1500 Karten im Voraus verkauft, was kann sich die Aemtler Bühne mehr wünschen?! Liegt es an der Wahl des Stücks, das auf dem beliebten Film von Kurt Früh basiert? Nach der ersten Vorstellung ist klar: Die Inszenierung auf der Rössli-Bühne hat ihre eigene Qualität.

Die Lokomotive kann gerade noch bremsen – eine Riesendampfwolke strömt auf die Bühne, umfasst die junge Frau mit Koffer bis sie fast unsichtbar wird, der Rest ist Imagination. Und diese wirkt, denn jeder Zuschauer sieht seine Dampflok vor sich, vervollständigt das Bild vor dem inneren Auge. So funktioniert Theater, wie auch Literatur, in der eigenen Vorstellung wird ein Wort zum Bild und zum inneren Film und somit lebendig. «Lebendig» war ein Stichwort, das man beim Publikum allenthalben hörte nach der Premiere der diesjährigen Produktion der Aemtler Bühne in ihrem 35. Jahr. Fulminant kam sie daher, bis auf den letzten Platz ausverkauft war sie und für die kommenden Vorstellungen sind bereits zwei Drittel der Karten reserviert.
Engagement und Sorgfalt – und breite Unterstützung
Eine gute Idee und Zeichen der Wertschätzung: Zur Premiere wurden die Sponsoren eingeladen und davor beim Apéro im Rösslikeller von Vreni Spinner persönlich begrüsst. Eine kurze Backstage-Führung ermöglichte eine tiefere Einsicht in die Arbeit der «Schwarzen». Wie die Vereinspräsidentin (und «Rössli»-Wirtin, aktuell auch «Frau Eberhart») betonte, ist die Unterstützung – vor allem auch durch das lokale Gewerbe – lebenswichtig, kostet die Produktion doch gegen 80000 Franken, obwohl das Schauspielerensemble aus purer Freude mitmacht. Dies unter professioneller Regie – Franca Basoli hat mit grosser Sorgfalt inszeniert; in den 50 Proben und mit einem, wie sie betont, extrem engagierten (Jill-Britt Krättli etwa, alias Inge, kam jeweils von Bern angereist) und sehr passend besetzten Ensemble, sei eben noch gut Raum für die Feinarbeit vorhanden gewesen. Ausgeklügelt auch der Güterschuppen von René Ander-Huber, das Guckkasten-Bühnenbild sorgt immer wieder für Überraschung und ermöglicht ohne Umbauten viele verschiedene Szenarien. Isabel Schumacher war für die Kostüme verantwortlich; wie die anderen Profis hat auch sie schon mehrmals für die Aemtler Bühne gearbeitet. Die Kleider werden im Laufe der Spielsaison wohl noch etwas an Abgegriffenheit zulegen, was ihnen gut anstehen wird. Zur Feinarbeit hat auch Choreograf Frank Bakker wesentlich beigetragen. Laientheater unter professioneller Führung, das war schon immer Konzept bei der Aemtler Bühne.
Anspruchsvolle Vorlage
Die Stimmung ist angespannt freudig; der erfolgreiche Vorverkauf dürfte zum Teil an der Wahl des Stücks liegen. Der 1959 produzierte Film ist jedermann ein Begriff. Bekannteste Schauspieler waren dabei, u.a. Ruedi Walter, Zarli Carigiet, Margrit Rainer, Max Haufler – alle zu der Zeit noch relativ junge «Trübel», deren lebenslange Karrieren in den Fünfzigern die ersten Grosserfolge verzeichneten. Den Grossen der Schweizer Bühnen nachzueifern: ein hoher Anspruch, dem sich die Aemtler Laien, stellten. Dieser Eifer ist voll da. Wie im Film wird auch das Theaterstück (von Kurt Frühs Tochter Katja Früh) von Musik umrahmt. Guido Webers Kompositionen berühren, er hat die Vorlage nicht eins zu eins übernommen. Die Klassiker sind dabei, etwa das Lied von der kleinen Lok, die von der Gotthardstrecke träumt und doch weiss, dass ihre Welt sich auf den sieben Gleisen in Züri abspielt, metaphorisch auch für die Protagonisten. Erfrischend dann aber auch Belafontes «Banana Boat» mit situationsbezogenem Text – «Ich suufe Grappa bis de Morge chunnt…».
Die Welt gerät «zunderobsi», bis sie neu geordnet wird
Die junge Frau schreit herzzerreissend – Leintücher, heisses Wasser und ja, eine Schere müssen her! Die drei Clochards (mit Markus Weidmann, Tobias Sonderegger und Marco Trevisan hervorragend besetzt und mit Verve gespielt) sind gefordert, ihre Philosophie – «Wir sind die Lilien auf dem Felde und flonen…» wird auf den Kopf gestellt. Sie lassen sich für die Menschlichkeit gar auf die «Galeere» (Arbeit) ein. Zum Glück hilft Frau Herzog (Patricia Schuppisser, aktiv auch als Regieassistentin und im Vorstand) mit Rat und Tat. Standesdünkel und Schamgefühle, Liebe, Eifersucht und Meier 12 (Erwin Stehli) wie auch zwei junge und ein alter Mann (Ruedi Keller, Florian Reimann, Richard Stocker) führen zu Komplikationen und Verwirrspiel bis zum Happy End – aber Halt! Etwa schon vor der Pause!?...
Das Publikum geht gespannt mit, wird zum Lachen angeregt, da und dort hört man geflüsterte Kommentare, man schmunzelt ob der Sprache und der Formulierungen, der Text wurde modernisiert und läuft flüssig, die Anschlüsse sitzen; der Humor ist trotz manch derbem Spruch fein geblieben. Es fällt leicht, mit den Figuren mitzufühlen, die Funken sprühen und springen über. Der Schlussapplaus ist wohlverdient langanhaltend, die Gespräche nach der Vorstellung im «Bahnhofbuffet-Bistro» angeregt, man hat einen lohnenden guten Theaterabend erlebt.
Ab heute bietet die Aemtler Bühne noch an weiteren 14 Aufführungen Gelegenheit, das Stück mit seinen feingezeichneten Charakteren, mit Tragik und Komik zugleich, mit Wandlung und Wunder, mit Musik und nicht zuletzt einer Prise Italianità (von Erwin Egloff eingestreut) – und vielen Bananen – zu sehen.


