Spaziergang durchs literarische Werk
Schnell ausverkauft waren die Plätze für die Lesung von Franz Hohler vom vergangenen Freitag in der Regionalbibliothek. Wer keine Billette mehr bekam, hat wirklich etwas verpasst. Hohler bezauberte mit Werken aus verschiedenen Lebensphasen.

Franz Hohler ist für viele der literarische Begleiter durch die verschiedenen Lebensstationen. Er hat sich immer wieder zu brisanten Themen geäussert, die zu bestimmten Zeiten die Menschen beschäftigten. Er nahm kein Blatt vor den Mund und machte sich auch mal unbeliebt, denn Beliebigkeit ist nicht seine Sache. Ein Schweizer zu sein sieht er nicht als reines Privileg, sondern als Aufgabe. Die Aufgabe, die eigenen Werte zu formulieren, zu kommunizieren und sie auch zu leben – auch wenn man damit Angriffsfläche bietet.
Zeitzeuge, immer wieder neu
Bibliotheksleiterin Ulla Schiesser führte in den Abend ein und verwies darauf, dass an diesem Samstag Barack Obama den Stab seinem Nachfolger übergebe, der bestimmt einen anderen Zugang zu Büchern und Literatur habe. Anders als Obama, der gesagt hat: «Literatur trainiert die wichtigsten Muskeln.» Dieser nun ehemalige Präsident der USA findet Lesen und Schreiben wichtig, um die empathischen und politischen Fähigkeiten zu stärken. Nun haben die Amerikaner ihren Obama nicht mehr, wir unseren Hohler aber schon. «Hätten wir dem riesigen Interesse an der Lesung Rechnung tragen wollen, hätten wir eine Turnhalle mieten müssen, ein Zirkuszelt oder einen Mehrzwecksaal», soUlla Schiesser. Lesungen in Bibliotheken finden in Bibliotheken statt, so einfach ist das.
Zuversicht und Lebenssucht
Hohler hangelte sich an seinem Lebensfaden durch die Lesung. Er las, rezitierte, sang und erzählte sehr persönlich aus seinem Leben. Dieses begann 1943, während des zweiten Weltkrieges. Kindheit und Jugend waren geprägt durch die Nachkriegsjahre. Heute ist er an Jahren alt, nicht aber in seiner Art, Themen abzupacken und zu vermitteln. Gleich zu Beginn rezitierte er das Gedicht «Alt?», das aus lauter Fragen besteht. Es konfrontiert mit vielen Nachteilen des hohen Alters, dass man zwar lacht, es einem doch mulmig wird, wenn von Zittern, Vergesslichkeit, körperlicher Gebresten und der Endlichkeit des Lebens erzählt wird. Und man atmete dankbar auf, denn die letzte Frage stimmt versöhnlich: «Warum aber trifft dich der Blick deiner frischgeborenen Enkelin mitten ins Herz und lädt dich auf mit Zuversicht, Zukunft und Lebenssucht?»


