Sprachaustausch: Bienvenues les Welsch!
«Nur 2 Prozent aller Schüler gehen in einen Sprachaustausch», titelte kürzlich der Tages-Anzeiger. Schlusslicht sei der Kanton Zürich. Es gibt jedoch Ausnahmen, wie sich an der Sek Hausen zeigt. Ohne überdurchschnittliches Engagement der Lehrkräfte geht es aber auch da nicht.

Es gibt viele Gründe, weshalb der Schüleraustausch zwischen den Sprachregionen nur selten stattfindet: Der Föderalismus im schweizerischen Schulsystem, der Niveauunterschiede auf derselben Schulstufe zur Folge hat. Fehlende Sensibilität für die Thematik oder eine andere Gewichtung der Schwerpunkte durch Schulbehörden und -leitungen; fehlende Unterbringungsmöglichkeiten für die Austauschschüler oder schlicht fehlendes Engagement aller Beteiligten. Sprachlehrerin Luzia Vogel kennt die «Probleme». Wobei: Beim Besuch zweier Lektionen von Austauschschülern am letzten Mittwochmorgen im Sekundarschulhaus Weid 2 erhielt man den Eindruck, dass es für Vogel und das ganze Lehrerteam keine Probleme, sondern nur Lösungen gibt.
Vogel sprüht vor Enthusiasmus, wenn sie unterrichtet und noch mehr, wenn sie über den Schüleraustausch spricht. Seit dreieinhalb Jahren wirkt sie an der Sek in Hausen und ist treibende Kraft des Schüleraustauschprogramms. «Im meiner Zeit haben bereits 45 Schüleraustausche stattgefunden. Für die Koordination habe ich von der Schulpflege zwei zusätzliche Wochenstunden zugesprochen erhalten», sagt sie und lächelt im Wissen, dass dies natürlich bei Weitem nicht reicht. Für Vogel ist das Projekt eine Herzensangelegenheit. Selber mit einem Westschweizer liiert, hat sie zwei Jahre in Rolle gelebt und dort gearbeitet. Sie kennt die positiven Effekte, wenn man eine andere Sprache in deren Kulturkreis erwerben kann.
Keine Probleme, nur Lösungen
Derzeit werden drei Schüler und eine Schülerin aus der Region Fribourg in Hausen unterrichtet. Alle vier machen ein Zwischenjahr, sind also während zwölf Monaten im Oberamt. Nachdem man keine Gasteltern gefunden hatte, sprangen kurzerhand die Lehrerinnen ein und nahmen die Jugendlichen im Alter von 15 bis 16 Jahren bei sich zu Hause auf. Auch das lief nicht überall ganz reibungslos. Ein Schüler verursachte disziplinarische Probleme. Man schickte ihn jedoch nicht einfach zurück nach Hause, was möglich gewesen wäre. In der Leistungsvereinbarung, die Schüler und Eltern für das Austauschjahr unterzeichnen, wäre das ein Ausschlussgrund. Stattdessen ging man den Problemen auf den Grund. Er wurde in eine andere Klasse versetzt und von den Lehrpersonen eng begleitet und gecoacht.
«Axel hat durch seine kommunikative Art schnell Fortschritte gemacht und spricht bereits fliessend Deutsch», stellt Vogel zufrieden fest. Die anderen drei Jugendlichen sind noch nicht ganz so weit, haben aber durch die vielen DAZ-Lektionen (DAZ – Deutsch als Zeitsprache) ebenfalls gute Fortschritte im Spracherwerb erzielt. Was die Lehrerin erstaunt: «Die Kinder kommen aus unterschiedlichen Schul-Niveaus, von Sek C bis Pro-Gymnasium. Im Unterricht merkt man davon aber wenig. Es kommt mehr auf Fleiss und Engagement an.»
Integration, nicht ganz von alleine
Für die Schüler selbst ist der Austausch eine willkommene Abwechslung und auch ein kleiner Kulturschock. «In Hausen wird viel selbstständiger gearbeitet als an unserer Schule in Fribourg. Das war am Anfang für mich eine Umstellung, die viel Arbeit nötig machte. Aber nun geht es», sagt Nikola. Seine Eltern seien zuerst nicht begeistert gewesen, als er mit dem Vorschlag des Austauschjahres gekommen sei. «Sie befürchteten, ohne ihre Obhut würde ich mich hängen lassen.» Mit guten Leistungen konnte er sie umstimmen. «Nun finden sie es ebenfalls eine tolle Sache.» Elisabeths Eltern dagegen waren von Anfang an begeistert, dass sie diese Chance erhalten hat. Der Grund, weshalb Axel in die Deutschschweiz wollte, war ein praktischer: «Wir hatten in Fribourg keinen Deutschlehrer, der Muttersprachler war, sondern einen Spanier. Seine vielen Fehler haben genervt.»
Ganz von alleine lief die Integration der vier Westschweizer in Hausen freilich nicht. Vogel erklärt: «Anfangs sind die vier oft untereinander geblieben und haben in der Pause nur Französisch geredet. Wir Lehrer haben interveniert und eine bessere Durchmischung mit der ganzen Klasse angeregt. Das hat funktioniert, auch weil die Fribourger so natürlich schneller Fortschritte in Deutsch machten.»
Hausemer Schüler in Fribourg
Seit drei Jahren haben alle Schüler der 1. und 2. Sek Hausen einen Briefpartner in Fribourg. Einige lassen sich sogar auf einen Einzelaustausch ein: Sie besuchen während einer Woche den Unterricht im CO Jolimont und wohnen bei ihren Austauschpartnern. Das Schwierigste zu Beginn des ganzen Prozesses sei gewesen, eine geeignete Partnerschule in der Westschweiz zu finden, die den Schüleraustausch ermöglichte, erläutert Vogel. «Wir haben mit der CO Jolimont eine ideale Lösung gefunden. Meine Ansprechpartnerin ist Barbara Lugrin, eine Exil-Zürcherin, die in Fribourg die Überzeugungsarbeit leistet.» Im Vergleich zur familiär organisierten Sek Hausen mit ihren 140 Schulkindern sei das CO Jolimont mit rund 1000 Schülern wesentlich unpersönlicher. Das spüre man zuweilen auch in der Zusammenarbeit, obschon das Austauschprogramm an den Schulen im Kanton Fribourg in der 2. Sek Pflicht sei.
Demnächst startet wieder eine Delegation Hausemer ihren Austausch, zwölf Mädchen und vier Jungs. Vier von ihnen stellten sich den Fragen des «Anzeigers». Carola und Kim gehen zum ersten Mal. Michel und Leonie haben im letzten Herbst mitgemacht – Leonie bereits zum zweiten Mal. «Heimweh werde sie bestimmt nicht haben», sagt Kim und lacht. Alle freuen sich auf den Tapetenwechsel und aufs Reisen. Luzia Vogel ergänzt: «Die Kinder reisen alleine mit dem Zug. Das löst bei einigen Eltern Ängste aus. Wir an der Sek Hausen finden jedoch, dass die Jugendlichen auch lernen müssen, selber Verantwortung zu übernehmen – auch die Zuhausegebliebenen, wenn es darum geht, Gastgeber für die Romands zu sein und sie in unsere Kultur und Region einzuführen. Nicht umsonst steht in unserem Leitbild, dass wir die Schulkinder ‹fit fürs Leben› machen wollen.»


