«Stark im Job»: Ein Balanceakt

Remo Rüegger hielt Referat zur Prävention von Burn-out und Förderung der Gesundheit

«Hand aufs Herz», fragte der Referent Remo Rüegger das Publikum, «wer braucht nicht manchmal ein wenig Stress?» (Bilder Regula Zellweger)

«Hand aufs Herz», fragte der Referent Remo Rüegger das Publikum, «wer braucht nicht manchmal ein wenig Stress?» (Bilder Regula Zellweger)

Thomas Naef will Unternehmen bei der Burn-out-Prävention unterstützen.

Thomas Naef will Unternehmen bei der Burn-out-Prävention unterstützen.

Rund 6.5 Milliarden Franken liessen sich jährlich schweizweit in der Wirtschaft einsparen, wenn das Burn-out-Syndrom vollständig verhindert werden könnte. Doch wer trägt die Verantwortung? Diese liegt einerseits bei jeder und jedem Einzelnen, andererseits auch im Interesse von Versicherungen und Arbeitgebenden. Eingeladen zum Referat von Remo Rüegger vom XpertCenter der Mobiliar waren Mitglieder des Arbeitgeberverbands, des KMU- und Gewerbeverbands und der Standortförderung.

Der Referent strukturierte seinen Vortrag in drei Themenblöcke und bezog das Publikum aktiv mit ein – durch direkte Fragen, das Sammeln von Meinungen, mentale Interaktionen und geführte Entspannungsübungen. Das Publikum zeigte sich engagiert und folgte den Ausführungen zu den Themen «Stress verstehen», «Burn-out erkennen» und «Gesundheit am Arbeitsplatz» rund eineinhalb Stunden lang konzentriert.

Burn-out verstehen

«Erschöpfungsdepression» nannte man das Burn-out-Syndrom ursprünglich. Heute wird Burn-out im internationalen Diagnosekatalog ICD-11 aus dem Jahr 2022 nur als Syndrom definiert, also als Kombination verschiedener Symptome infolge von chronischem Stress, der nicht verarbeitet wird.

Zur Definition «Gesundheit» zitierte der Referent Remo Rüegger die Weltgesundheitsorganisation (WHO): «Zustand des Wohlbefindens, in dem eine Person ihre Fähigkeiten ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv arbeiten und einen Beitrag zu ihrer Gemeinschaft leisten kann.» Er unterschied physische, mentale und soziale Gesundheit. Auf die Frage «Wie geht es dir?» beziehen sich Antworten meist auf die physische, allenfalls auf die mentale – deutlich seltener auf die soziale Gesundheit. Dazu zählen laut Referent etwa Kontakte, Bildung oder Einkommen.

Insbesondere das ehrlich interessierte Nachfragen nach der Befindlichkeit im Kontext der Arbeitswelt kann viel bewirken. Die eigene Befindlichkeit bewertet jeder Mensch nach seinen persönlichen Werten und Erfahrungen. Gesundheit wird individuell wahrgenommen – wie auch ein Burn-out, sowie dessen Prävention und wirksame Lösungsansätze, wenn ein Burn-out im Frühstadium wahrgenommen wird. «Gesundheit ist kein absoluter Zustand, sondern verändert sich ständig», stellte der Referent klar. Entscheidend ist ein fortlaufender Balanceakt: Stressoren und Ressourcen müssen sich die Waage halten.

Erkennen, benennen, lösen

«Stress ist ein von Menschen wahrgenommenes Ungleichgewicht zwischen Belastungen oder Anforderungen an eine Person und deren Möglichkeiten, darauf zu reagieren», zitierte Remo Rüegger aus der Forschung. «Dieses Ungleichgewicht wird als unangenehm empfunden und kann das Wohlbefinden einschränken.»

Stressoren sind Auslöser für Stressreaktionen – als Reaktion auf äussere Situationen oder auf innere Anforderungen. Dazu zählen etwa Zeitdruck, Lärm, Konflikte, Leistungsdruck, körperliche Belastung, Isolation oder hohe Verantwortung. Ob ein Stressor als unangenehm wahrgenommen wird, hängt von der individuellen, kognitiven Bewertung des Reizes als positiv oder negativ ab. «Wer braucht manchmal etwas Stress?» Auf diese Frage reagierten doch einige Zuhörende mit dem Erheben der Hand.

Um negativen Stress zu vermeiden, gilt es zuerst, diesen zu erkennen, zu benennen und zu bewerten. Nicht selten geraten Betroffene schleichend in eine Burn-out-Spirale. Warnzeichen sind unter anderem erhöhte Reizbarkeit, sozialer Rückzug und eine steigende Fehlerquote. Viele versuchen dennoch, weiter zu funktionieren – trotz zunehmender Erschöpfung, depressiver Verstimmungen und im Extremfall eines psychischen und körperlichen Zusammenbruchs. Dass dies unter allen Umständen vermieden werden soll – darüber war man sich am vergangenen Montagabend im Eventlokal Grindel in Mettmenstetten einig. Gleichzeitig räumte der Referent ein: «Die verbreiteten Hemmungen, psychische Auffälligkeiten anzusprechen, verhindern allerdings oft eine rechtzeitige Intervention.»

Ziel des Anlasses

Remo Rüegger riet: «Holen Sie sich Unterstützung – sei es als betroffene Person, als Arbeitskollegin oder als Führungskraft.» HR-Fachpersonen seien im Umgang mit Burn-out geschult, zudem könne ein Case-Management gezielt unterstützen. Dieses stellt ein strukturiertes Handlungskonzept zur Koordination von Hilfeprozessen bei komplexen Problemlagen im Gesundheits-, Sozial- und Versicherungsbereich dar.

Rüegger weiss, wovon er spricht: Als Fachspezialist für Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) bei der Mobiliar-Tochter XpertCenter AG begleitet er Betroffene im Rahmen des Case-Managements und hält regelmässig Referate.

Seine Empfehlungen an Unternehmen: Arbeitsbelastung und Ressourcen systematisch beobachten und messen, gesundheitsorientierte Führung stärken, Handlungsspielräume und Mitgestaltung ermöglichen, psychologische Sicherheit sowie Kommunikation fördern und ausreichend Erholung gewährleisten.

Das Ziel des Anlasses wurde erreicht: Verantwortliche sollten befähigt werden, Frühwarnzeichen zu erkennen, achtsam nachzufragen und Unterstützung anzubieten – zur besseren Stressbewältigung und zur Stärkung der Burn-out-Prävention im Betrieb. Der Erfolg des Referates zeigte sich auch in den angeregten Gesprächen beim Apéro, der von der Mobiliar Affoltern und vom Restaurant Bahnhöfli in Mettmenstetten offeriert wurde. Thomas Naef, Generalagent der Mobiliar in Affoltern, bot unter dem Slogan «Wir sind für euch da» Unterstützung an, wenn Betriebe ihre Mitarbeitenden für das Thema Burn-out sensibilisieren möchten.

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