Steinbeile erzählen eine jahrtausendealte Geschichte

Aeugst: Ausstellung mit Exponaten, die Johannes Weiss zusammengestellt hat

Umgeben von Steinbeilen: Johannes Weiss zusammen mit den Projektleiterinnen der KommBox, Christina Hoffmann und Barbara Hesse (links). (Bild Sandra Isabél Claus)

Johannes Weiss, der ehemalige Ausgrabungsleiter der Aargauer, Zürcher und Zuger Kantonsarchäologie, stellt einige uralte Steinbeile aus.

Die Aeugster KommBox ist das ­Mikro-Museum im knapp 2000 Seelen zählenden Dorf, ein Aktions- und Ausstellungsraum für Engagierte. Und immer mal wieder Ort für Experimente. Die Exposition zum Thema Künstliche Intelligenz ist kaum Vergangenheit, da steht die weite Reise zurück in die Steinzeit an.

Ein 6150 Jahre altes Fundstück

Anlässlich der Vernissage am Donnerstag eröffnete der Aeugster Johannes Weiss, archäologischer Grabungstechniker mit jahrzehntelanger Erfahrung, seine Ausstellung mit Steinbeilen. «Selten findet man ganze Steinbeile, meist nur das Beil, ohne Stiel. In Glücksfällen hat das Wasser komplette Werkzeuge über all die Jahre konserviert», meint er einleitend. Das war auch beim spektakulären Fund eines jungsteinzeitlichen Beils im Zugersee der Fall. Ein Taucher stiess 1999 im Schlamm auf das eindrucksvolle Original, das im Anschluss von Experten auf ein sagenhaftes Alter von 6150 Jahren geschätzt wurde. Die beidseitig geschliffene und durchbohrte Klinge besteht aus leicht polierbarem Serpentinit und der Stiel aus Eschenholz. Auffällig ist die mit kunstvoll ­ausgestanzten Romben verzierte Birkenrinden-Ummantelung des 1,20 Meter langen Stiels. Diese Doppelaxt diente nicht als Werkzeug, sondern vielmehr als Rangabzeichen eines Häuptlings oder als schlagkräftige Waffe. Das Original sowie eine detailgetreue Kopie von Johannes Weiss befinden sich heute im Museum für Urgeschichte in Zug. Dieses stellte für die kleine Ausstellung in Aeugst freundlicherweise ein paar Original-Leihgaben zur Verfügung.

Die ausgestellten Steinbeil-Exemplare, welche von Johannes Weiss fachmännisch nachgebildet wurden, verwendeten die Steinzeitmenschen zum Schlagen von Bäumen. Neugierig, wie der Experimentalarchäologe ist, hat auch er seine Steinbeile verschiedenen Stresstests unterzogen. So fällte er damit ganze Bäume. «Ich habe mit kleinen Bäumen begonnen. Mit einem dieser Steinbeile habe ich sogar eine 40 Zentimeter dicke Eiche gefällt.» Dabei wurde die Zeit gestoppt. Bis zur Mitte des Stammes benötigte der Baumfäller, neben kurzen Pausen, zirka 40 Minuten. Ein anstrengendes, aber durchaus machbares Unterfangen. Damit die Steinbeile der Wucht der unzähligen Schläge möglichst gut standhielten, verwendeten die Steinzeitmenschen den krummen Wurzelansatz, die stärkste Stelle des ­Baumes, um daraus einen robusten Flügelholm zu fertigen. Die Empa wäre bestimmt zufrieden gewesen.

Ein Rätsel gelüftet

Ein weiteres Exponat zeigt die Kopie des Kupferbeils von Ötzi mit einem Knieholm. Bei dieser Art Beil wurde die Stein- oder Metallklinge mit Leder­riemen am knieförmigen Holz befestigt. Lange war nicht klar, wie es die Steinzeitmenschen bewerkstelligten, den Stein satt genug am Stiel zu fixieren. Johannes Weiss hat lange experimentiert, um herauszufinden, wie diese ­solide Befestigung funktionierte. Er merkte bei seinen Versuchen, dass sich rauchgegerbtes Leder beim Erhitzen ­zusammenzieht. So befestigte er den zur Klinge bearbeiteten Stein mit Lederstreifen satt am Holm, und erhitzte dieses über dem Feuer. Dabei zog sich das Leder wie ein Schlupfschlauch zusammen. Das Rätsel war gelüftet. Das Mysterium der Steinbeile begeistert den Aeugster schon seit seiner Kindheit. Eines Tages zeigte sein Lehrer in der Schule einige Originalfunde und meinte, die Bauernkinder sollten doch mal im Acker schauen, ob sie solche ungewöhnlichen Steine fänden. Johannes Weiss nahm den Lehrer beim Wort, suchte und wurde fündig. Gleich mehrmals.

Bei einem bearbeiteten Silex (Feuerstein) stellte sich heraus, dass er aus der Mittelsteinzeit stammt (zwischen 5500 und 9600 von Christus). Dieser Fund entfachte das Feuer. «Mein grosser Traum war es, Archäologe zu werden. Doch meine Eltern hatten andere ­Pläne.» Darum lernte er Möbelschreiner, durfte aber in den Ferien eine ­Woche bei der Aargauer Kantonsarchäologie mithelfen. Das Steinzeitvirus hat ihn von da an nicht mehr losgelassen. Nach dem Lehrabschluss begann er bei der Aargauischen Kantonsarchäologie mit der vierjährigen Ausbildung zum Grabungstechniker. Seither sind 51 Jahre ­vergangen.

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