Symbol für das Überwinden von Konflikten
Denkmäler im Bezirk Affoltern (4): Der Milchsuppenstein
«Das Spannungsfeld, das in früheren Jahrhunderten zwischen den beiden Seiten der Kantonsgrenze herrschte, ist glücklicherweise überwunden. Doch es ist gut, sich damit auseinanderzusetzen», schrieb der Kappeler Gemeindepräsident Martin Hunkeler im Vorwort zum 2023 erschienenen Buch «4000 Jahre Kappel am Albis im Überblick». Er selbst ist mit seiner Familie von Zug nach Kappel gezogen und wurde bereits zwei Jahre später in den Gemeinderat, sechs Jahre später zum Gemeindepräsidenten gewählt.
Unterschiedliche Erinnerungskultur
Dies wäre in früheren Jahrhunderten kaum zu bewerkstelligen gewesen. Der Zuger Historiker Jonas Briner hat in seiner Masterarbeit, die er unter dem Titel «Milchsuppe oder Blutbad?» publizierte, festgestellt, dass sich Zug erst im 20. Jahrhundert für die Legende der Kappeler Milchsuppe zu interessieren begann. In Zug sei die Erinnerung an die Schlacht auf dem Gubel oberhalb von Menzingen im Jahr 1531 die prägende Erinnerung an den Zweiten Kappelerkrieg gewesen, als einige hundert Männer aus den Berggemeinden ein reformiertes Heer überfielen, ein Massaker anrichteten und damit entschieden, dass die Stadt Zug katholisch blieb. Die demütigende Darstellung der unterlegenen Reformierten im Deckengemälde der Schlachtkapelle von 1781 zeigt, dass der Hass zwischen den Konfessionen auch ein Vierteljahrtausend nach den Kappelerkriegen noch uneingeschränkt loderte.
Helden- und Friedenslegenden
Der Basler Historiker Georg Kreis stellte fest, dass die Heldenlegenden einerseits um das kriegerische Heldentum der Vorfahren rankten, beispielsweise Tell und Winkelried. Anderseits seien Legenden über Friedenshelden wie Bruder Klaus entstanden. Dazu zählt er auch die Geschichte der Kappeler Milchsuppe. Anders als die Heldenlegenden bauen die Friedenslegenden auf einem historischen Kern auf: Tatsächlich wurde 1529 der Friede von Kappel geschlossen, der sich allerdings schon bald als kurzfristiger Waffenstillstand entpuppte.
Nachdem sich Basel, Bern, Mülhausen und St. Gallen der Zürcher Reformation angeschlossen hatten, entschied sich Luzern nach anfänglichen reformatorischen Sympathien für den alten Glauben, um die katholischen Stände Uri, Schwyz und Unterwalden, die wichtigsten Lieferanten von Söldnern, hinter sich zu scharen.
Getreidesperre provoziert Hungersnot
Unter der Führung von Luzern schlossen die Waldstätte 1529 mit Zug und Habsburg ein Bündnis, die Christliche Vereinigung. Ziel war, gemeinsam gegen die reformierten Städte Bern, Zürich, Konstanz, St. Gallen, Biel, Mülhausen, Basel und Schaffhausen zu kämpfen, die sich zum Christlichen Burgrecht zusammengeschlossen hatten. Zürich verhängte als Reaktion auf den Zusammenschluss der Waldstätte mit Habsburg eine Getreidesperre für Importe aus Süddeutschland in die Innerschweiz, die dort zu einer Hungersnot führte.
Die Auseinandersetzung wurde wohl auch innenpolitisch befeuert, denn in den Inneren Orten waren 1529 nach wie vor reformatorische Bestrebungen im Gang. Nach der Verbrennung des reformierten Pfarrers Jakob Kaiser in Schwyz erklärte Zürich den fünf Orten der Christlichen Vereinigung den Krieg und zog seine Hauptmacht in Kappel zusammen. Zu ihnen gesellten sich Truppen der Stadt Bern.
Zwischen den Blöcken
Glarus befand sich zwischen den beiden Blöcken, denn die Landsgemeinde hatte 1528 beschlossen, die Wahl einer der beiden Konfessionen den Kirchgemeinden zu überlassen. Der Glarner Landammann Hans Aebli versuchte nun, zwischen den beiden Heeren zu vermitteln. Ihm kam zugute, dass Bern wenig Interesse an einem Krieg weit abseits seiner Grenzen zeigte und Zürich drängte, in einen Kompromiss einzuwilligen.
Zürich erreichte mit dem anschliessend geschlossenen Kappeler Landfrieden drei Ziele: Die fünf katholischen Orte erklärten sich bereit, das Bündnis mit Habsburg aufzugeben, sie mussten Zürich die Kriegskosten vergüten und gaben ihren Widerstand gegen reformatorische Bestrebungen in den gemeinen Herrschaften auf. Sollten sich die Waldstätte nicht an die Vereinbarungen halten, drohte Zürich, die Getreidesperre erneut zu verhängen. In zwei zentralen Punkten konnte sich Zürich nicht durchsetzen: Das Söldnerwesen blieb in den katholischen Gebieten erlaubt, die reformierte Predigt verboten.
Der Kompromiss währte zwar nicht lange, denn er beruhigte die angespannte Lage kaum. Möglicherweise war es tatsächlich eine üppige Verpflegung, mit der die Zürcher den Abzug der Innerschweizer Söldner erwirkten, wie der verstorbene Zürcher Geschichtsprofessor Hans Conrad Peyer vermutete, nur war wohl die Überzeugungskraft von Wein und Fleisch grösser als diejenige von Milch und Brot.
Eine Zürcher Legende
Die Legende der Kappeler Milchsuppe entstand später im reformierten Zürich und geht auf den Reformator Heinrich Bullinger zurück, der sie in seiner Reformationschronik von 1564 erwähnte. Demgegenüber ist der Zuger Jonas Briner in seinen Untersuchungen über die Reformationskriege in der Zuger Erinnerungskultur zum Schluss gekommen, dass Zug und die anderen katholischen Stände bis ins 20. Jahrhundert hinein der Gründung der Schweiz ablehnend gegenüberstanden und daher lieber der gewonnenen Schlachten gedachten als des Kompromisses von 1529. Zürich dagegen sah sich als Hegemonialmacht und wollte die Waldstätte befrieden. Die Milchsuppe war dafür ein passendes Symbol: Zürich zwingt seine Gegner nicht militärisch, sondern mit der Getreidesperre in die Knie – und diese sind glücklich, wenn sie nur schon verpflegt werden.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann die konfessionelle Polarisierung langsam zu weichen. Ein prägendes Symbol dafür ist das behauene Objekt «Kappeler Milchsuppe 1529» des Baarer Grafikers und Malers Eugen Hotz (1917–2000), das 1980 einen Grenzstein zwischen Zürich und Zug ersetzte. Anstelle des Trennenden in der Geschichte symbolisiert der Stein das Gemeinsame – und dies zu einem Zeitpunkt, als beidseits der Grenze noch rund drei Viertel der Bevölkerung der jeweiligen Mehrheitskonfession angehörten.
Seither hat sich das Verhältnis zwischen Zug und Kappel weiter entspannt, wie Martin Hunkeler feststellt: «Der symbolträchtige Milchsuppenstein in der Mitte zeigt, dass wir heute die jeweils andere Seite der Grenze als Ergänzung, nicht mehr als Gegensatz betrachten.»
In dieser Serie stellt der «Anzeiger» Denkmäler aus der Region vor und erklärt ihre Bedeutung. (red)






