Theaterstück stellt die Geschichte auf den Kopf
Vor 500 Jahren kauften sich die Baarer Dörfer vom Kloster Kappel los. Ein neues Theaterstück greift das Ereignis auf

Was, wenn Baar sich vor 500 Jahren gar nicht hätte freikaufen müssen? Wenn die Loslösung vom Kloster Kappel im Jahr 1526 überflüssig gewesen wäre – und der Gemeinde heute sogar Geld, Land oder Gebäude zustünden?
Diese Frage stellt ein Theaterstück, das im Oktober und November in der Aula Sternmatt in Baar zur Aufführung gelangt. Anlass ist das Jubiläum des Loskaufs, mit dem sich die Baarer Dörfer weitgehend aus der Abhängigkeit vom Kloster Kappel befreit und eigene Gemeinde- und Nutzungsorganisationen entwickelt haben – ein Meilenstein der lokalen Geschichte. Im Stück gerät diese Gewissheit ins Wanken. Ein Hobby-Historiker findet nämlich heraus, dass der Vertrag, der im 13. Jahrhundert die Schenkung der Baarer Dörfer ans Kloster Kappel besiegelt hat, ungültig sein soll. Der Loskauf wäre damit hinfällig gewesen.
Comedy-Texter ist mit an Bord
Das hat Folgen. Um den Historiker entsteht eine für Zug nicht untypische Allianz: Sie besteht aus einer bestens vernetzten Wirtschaftsanwältin, einem angeschlagenen Bauunternehmer und einer Expat-Frau. Sie wollen die Rückerstattung des Kaufpreises auf dem Rechtsweg durchsetzen. «Es wird turbulent, weil alle ihre eigene Agenda verfolgen», sagt Thomas Inglin, Präsident des für die Umsetzung des Stücks gegründeten Vereins Alt Fry Baar. Der 61-jährige pensionierte Historiker und Kirchenratspräsident, der auch im Theaterverein Baar aktiv ist, hat die Idee eines Theaterstücks zum historischen Ereignis eingebracht. Anfang 2025 traf er sich mit Gemeindepräsident Walter Lipp und Erich Andermatt, Präsident der Bürgergemeinde, zu einem ersten Austausch zum anstehenden Jubiläum. Inglin erinnert sich: «Wir wollten etwas anderes machen als etwa ein Dorffest, wie es schon alle drei Jahre stattfindet.»
Inglins Vorschlag kam gut an und wurde bald zum konkreten Vorhaben, für das man erfahrene Kräfte engagieren konnte. Die Jubiläumskomödie hat der Zürcher Autor Domenico Blass geschrieben, der für «Giaccobo/Müller» textete und aktuell für Stefan Büssers «Late Night Switzerland» als Senior Advisor tätig ist. Regie führt der Urner Rolf Sommer, der unter anderem den ESC-Song «Made in Switzerland» inszeniert und auch schon mit Blass zusammengearbeitet hat. Diese Fachleute sollen für die nötige Qualität sorgen. Denn die Erwartungen sind hoch: «Das Projekt muss gut sein, weil es eine einmalige Sache ist», sagt Inglin.
Anspielungen auf Baarer Themen
Wie viel die professionelle Unterstützung kostet, will er nicht verraten. Die Finanzierung sei aber durch die Kirchgemeinde, die politische und die Bürgergemeinde gesichert. Noch offen sei, ob auch der Kanton einen Beitrag spreche. Dass ein Auswärtiger ein Stück über Baar schreibt, darin sieht Inglin keinen Nachteil. «Domenico ist mittlerweile der beste Kenner der Baarer Geschichte und geht fast täglich auf die Gemeindehomepage, um zu sehen, was hier läuft.» Im Stück gebe es denn auch zahlreiche aktuelle Anspielungen, welche Baarerinnen und Baarer aufhorchen lassen dürften: etwa auf die omnipräsente Wohnungsnot, die Zukunft der Sportanlagen Lättich oder den gescheiterten Versuch, auf Baarer Boden einen Golfplatz zu realisieren.
Erste Rollen konnten bereits besetzt werden, ein zweites Casting steht nächste Woche an. Gesucht sind weitere Laienschauspielerinnen und -schauspieler für kleinere Nebenrollen, aber auch für Massenszenen. Die Suche gestaltet sich nicht ganz einfach. «Für einige ist der zeitliche Aufwand für die Proben zu gross», sagt Inglin. Auch sonst gebe es noch viel zu planen und zu organisieren: Kostüme, Bühnenbild, Musik, die Gastronomie während der Aufführungen.
«Grosses Vernetzungsprojekt»
Inglin spricht von einem «grossen Vernetzungsprojekt», an dem sich verschiedene Baarer Vereine, Institutionen und Unternehmen beteiligen sollen. Geplant ist etwa, dass die Feldmusik Baar im Stück einen Marsch des Zuger Komponisten Hans Flury zum Besten geben wird. Auch der Theaterverein Baar ist mit seinen Mitgliedern stark involviert. Und trotz einiger Absagen und etwas «zähen» Rücklaufs bei den Vereinen gibt sich Inglin zuversichtlich: «Diejenigen, die sich auf das Projekt eingelassen haben, sind begeistert.»


