«Unbedingt probieren – es ist nie zu spät»
Im Alter musizieren oder gar ein neues Instrument lernen

Es gibt Träume, die schiebt man ein Leben lang wie mit einem Schneepflug vor sich her und schafft es nicht, sie umzusetzen. Gute Gründe oder Ausreden finden sich leicht. Aber tatsächlich stellt das Spielen und sogar das Neu-Erlernen von Instrumenten auch im fortgeschrittenen Alter kein Problem dar – und ist aus gesundheitlicher Sicht sogar besonders empfehlenswert.
Davon überzeugt ist die Musikgeragogin Theresa von Siebenthal aus Aeugst. Als solche unterstützt sie gezielt musikalische Aktivitäten, um das körperliche, geistige und emotionale Wohlbefinden älterer Menschen zu fördern. Sie hat – selbst über 70 Jahre alt – voller Begeisterung Angebote und Projekte geschaffen, die ältere Menschen zum Musizieren motivieren. Aus eigener Erfahrung weiss sie: «Musizieren ist Nahrung für Körper, Geist und Seele. Singen und Musizieren verändern den Herzschlag, den Blutdruck, die Atemfrequenz und die Muskelspannung und beeinflussen nachhaltig den Hormonhaushalt. Musik kann trösten, aufmuntern oder beruhigen. Sie weckt Erinnerungen und Emotionen, stärkt die Selbstwirksamkeit und hilft bei der Bewältigung des Alltags.»
Nur Vorteile
Bereits das regelmässige Hören von Musik kann physisch und psychisch positiv wirken. Wer jedoch selbst aktiv musiziert, profitiert noch stärker. Verschiedene Studien kamen zum selben Ergebnis: Aktives Musizieren im Alter fördert kognitive Fähigkeiten, kann das Demenzrisiko um bis zu 35 Prozent senken und verbessert die Gehirnleistung durch effizientere neuronale Vernetzung. Auch Motorik und Koordination profitieren, ebenso die Lebensqualität insgesamt.
Zu mehr Lebenszufriedenheit trägt dank der sozialen Kontakte das Singen in einem Chor oder das Musizieren in Ensembles oder Orchestern bei. Zudem: «Klänge können als Schwingungen emotional berühren, Gefühle auslösen, Erinnerungen wecken und seelisches Gleichgewicht fördern», so Theresa von Siebenthal. Bei ihrer Arbeit schätzt sie besonders, dass ältere Menschen freiwillig und hoch motiviert kommen. Sie weiss, worauf bei älteren Musizierenden zu achten ist: «Ältere haben zwar mehr Musse, brauchen aber oft mehr Zeit, langsameres Tempo und kleinschrittiges Vorgehen.» Häufig stehen sich die Lernenden selbst im Weg – alte Glaubenssätze wie «Ich bin unmusikalisch» oder «Ich kann nicht singen» bremsen den Einstieg. Diese inneren Hürden gilt es zuerst abzubauen.
Worauf achten
«Ältere brauchen im Unterricht mehr Individualität, weniger Struktur. Sie müssen sich angenommen fühlen, mit all ihren individuellen Persönlichkeitsaspekten, Präferenzen oder körperlichen Herausforderungen. Es gilt, auf einer Vertrauensbasis immer wieder auf Stärken hinzuweisen und zu motivieren. Kleine Erfolge sollen nicht nur erreicht, sondern auch gefeiert werden», so die erfahrene Musikgeragogin. Mit einem Lächeln erzählt sie: «Viele ältere Menschen entschuldigen sich immer, wenn sie nicht geübt haben. Das spielt keine Rolle, sie sind hier und jetzt da, in dieser Stunde, und wir machen zusammen Musik.»
Generell meint Theresa von Siebenthal: «Unbedingt ausprobieren! Es ist nie zu spät.» Sie rät, sich Zeit zu nehmen, um sich – je nach Ziel – ein Instrument, ein Ensemble oder Orchester, einen Chor oder eine erfahrene Musiklehrerin auszuwählen. Schnupperlektionen helfen, Hemmungen abzubauen und das passende Instrument zu finden.
Möglichkeiten nutzen
Im Bezirk freuen sich zahlreiche Chöre und Musikgruppierungen über neue Mitglieder. Pro Senectute bietet in der ganzen Schweiz vielfältige Musik- und Tanzangebote für Senioren an, darunter offenes Singen, Jodeln, Trommeln, Ukulele-Kurse sowie Klavierunterricht ohne Noten. Ein aktuelles Beispiel: «Hüpfender Floh» – Liedbegleitung mit der Ukulele Zürich, Leitung Theresa von Siebenthal, in der Musikschule Hug in Zürich.
Auch in Aeugst hat die Musikgeragogin verschiedene Angebote: Einzel-Instrumentalunterricht für Ukulele, Gitarre und Blockflöte sowie einen Kurs «Grundlagen der Musiktheorie». «Ich plane für ‹Aeugst aktiv›, ein neues Gremium für Leute aus Aeugst, beispielsweise eine Ukulele-Gruppe und ein Instrumentalensemble.» Sie begleitet unter dem Label «Musik aus dem Koffer» auch Angehörige – die vielleicht selbst nicht singen möchten – bei Besuchen im Pflegeheim oder Spital und singt begleitend mit verschiedenen Instrumenten für und mit alten Menschen. Selbst wenn kognitive Fähigkeiten bereits eingeschränkt sind, lassen sich über vertraute Musik emotionale Reaktionen hervorrufen. Dadurch können alte Erlebnisse wieder erzählt und die Kommunikationsfähigkeit angeregt werden. Theresa von Siebenthal stellt mit älteren Menschen auch einfache Instrumente selbst her, beispielsweise Trommeln aus Blumentöpfen oder Kastagnetten aus Baumnüssen. Musik wird so nicht nur gespielt, sondern auch begreifbar.
Ob hörend oder aktiv musizierend – Musik im Alter ist kein Luxus, sondern eine Investition in Lebensfreude und Gesundheit.
Informationen: www.musikausdemkoffer.ch


