«Verstaubt ist nur das Vorurteil»

Schweizer Jodeln gehört zum Unesco-Weltkulturerbe – Junges Nachwuchstalent erzählt von seinen Eindrücken

Der Jodlerklub Affoltern tritt im Gartenzentrum Guggenbühl auf, mit anschliessendem Fotoshooting. (Bild zvg)

Der Jodlerklub Affoltern tritt im Gartenzentrum Guggenbühl auf, mit anschliessendem Fotoshooting. (Bild zvg)

Der Jodlerklub Affoltern verbindet das traditionelle Schweizer Jodeln, das immaterielles Unesco-Kulturerbe ist, mit neuen Stimmen und einem jungen Publikum.

Denise Hegglin*, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie erfuhren, dass das Jodeln ins immaterielle Kulturerbe der Unesco aufgenommen wurde?

Wir haben den Bewerbungsprozess gespannt mitverfolgt und uns riesig über die Nachricht gefreut. Dass das Jodeln Teil des immateriellen Unesco-Kulturerbes ist, ist eine grosse Ehre für uns. Das motiviert uns, das Jodeln noch stärker in der Gesellschaft sichtbar zu machen. Und natürlich hoffen wir, dass jetzt vor allem viele junge Leute Lust bekommen, bei uns im Klub mitzujodeln.

Der Jodlerklub Affoltern blickt auf eine lange Geschichte zurück: Wie und warum wurde der Verein gegründet?

Aus Freude am Jodeln und der Kameradschaft gründeten 14 Männer am 27. Januar 1944 den Jodlerklub Affoltern. Seit März 1945 ist der Verein Mitglied des Eidgenössischen Jodlerverbands.

Welche Momente oder Entwicklungen haben den Jodlerklub Affoltern im Laufe der Jahre besonders geprägt?

Ein wichtiger Schritt war Anfang der 1980er-Jahre: Zum ersten Mal machten Frauen im Klub mit – als Jodlerinnen und auch in der musikalischen Leitung. Für den Verein, der bis dahin nur aus Männern bestand, war das eine grosse Veränderung. Sie hat das Klubleben nachhaltig geprägt.

Viele verbinden Jodeln noch immer mit einem eher traditionellen, manchmal verstaubten Image. Wie begegnen Sie diesem Bild?

Es stimmt, wir pflegen Traditionen wie Trachten und Dialektlieder. Aber verstaubt ist nur das Vorurteil: Jodeln macht Spass, trainiert Stimme und Atem, entspannt und fördert das Wohlbefinden – ähnlich wie in anderen Chören. Unsere Lieder erzählen von Leben, Natur und Dankbarkeit. Da wir sie auswendig singen, trainiert das auch das Gehirn. Gut besuchte Jodlerfeste und Konzerte – auch von jungen Leuten – zeigen: Jodeln ist alles andere als altmodisch.

Sie sagen, der Jodlerklub gehe bewusst neue Wege. Was unterscheidet Ihren Verein heute von einem klassischen Jodlerklub früherer Zeiten?

Der Jodlerklub Affoltern ist heute offen für alle – ganz egal welches Geschlecht, welchen Beruf oder welche politische Haltung jemand hat. Wir singen auch Lieder von jungen Komponistinnen und Komponisten, oft mit frischen und lustigen Texten. Unsere Konzerte sollen abwechslungsreich und lebendig sein. Deshalb arbeiten wir immer wieder mit anderen Vereinen zusammen, wie der Harmonie Affoltern oder dem Akkordeon-Orchester. Das sorgt für zusätzliche Vielfalt.

Mit dem Projektchor für das Kirchenkonzert im November 2025 haben Sie etwas Neues gewagt. Wie kam es zu dieser Idee – und wie wurde sie aufgenommen?

Mit dem Wechsel in der musikalischen Leitung wagte der Jodlerklub für die Kirchenkonzerte ein Experiment: Neue Sängerinnen und Sänger wurden eingeladen, das Ensemble während der Proben zu unterstützen. Das zeitlich begrenzte Projekt kam sehr gut an. Sechs Sängerinnen und Sänger – darunter auch ich – blieben schliesslich dabei und standen gemeinsam mit dem Jodlerklub auf der Konzertbühne. Für uns war das Jodeln völliges Neuland. Umso schöner war es zu erleben, wie viel Freude es macht, sich auf Unbekanntes einzulassen. Die Begeisterung übertrug sich auf das Publikum: Die Konzerte wurden mit viel Applaus belohnt.

Konnte der Jodlerklub durch solche Projekte neue Mitglieder gewinnen, und was motiviert diese, beim Jodlerklub Affoltern mitzumachen?

Ja, ich und ein weiterer Sänger sind geblieben. Wir schätzen vor allem die offene und herzliche Gemeinschaft im Klub. Besonders schön finden wir auch, dass man das Jodeln mitten in der Stadt lernen kann. Die Lieder sind eingängig und leicht zu lernen – perfekt auch für Anfängerinnen und Anfänger.

Auch die Zusammenarbeit mit jungen Musikerinnen und Musikern hat bei Ihnen Tradition. Warum ist dieser Austausch wichtig?

Jungen Musikformationen bei unseren Kirchenkonzerten eine Bühne zu geben, hat bei uns Tradition. Damit bringen wir verschiedene Generationen zusammen, sprechen ein jüngeres Publikum an und unterstützen den musikalischen Nachwuchs.

Warum gehört das Jodeln Ihrer Meinung nach nicht nur in die touristischen Bergregionen, sondern auch nach Affoltern – mitten ins heutige Alltagsleben?

Früher wurde in der ganzen Schweiz gejodelt, doch im Laufe der Zeit zog sich das Jodeln zunehmend in ländliche und alpine Regionen zurück. Heute entdecken wieder mehr Menschen diese Tradition – auch in Städten wie Affoltern. Jodeln tut einfach gut, macht Freude und ist ein schöner Ausgleich zum Alltag. Wer glaubt, Jodeln gehört nur in die Berge, muss nur dienstags um 19.30 Uhr in Affoltern vorbeischauen.

*Denise Hegglin ist seit einem halben Jahr Mitglied im Jodlerklub Affoltern

Manche Traditionen und Bräuche werden seit vielen Jahrzehnten gelebt und gepflegt. Andere verschwinden eines Tages und machen Neuem Platz. In dieser Serie stellt der «Anzeiger» in loser Folge diese Traditionen und ihre Menschen dahinter vor. (red)

Jodeln in der Schweiz

Jodeln hat in der Schweiz eine lange Tradition und diente ursprünglich als Signal- und Kommunikationsgesang in den Bergen. Schon im 19. Jahrhundert entwickelten sich daraus musikalische Gruppen und Gesangsvereine. Im Kanton Zürich war Jodeln lange weniger verbreitet als in den Alpenregionen, gewann jedoch ab dem 20. Jahrhundert durch Vereine wie den Jodlerklub Affoltern zunehmend an Bedeutung. Heute verbindet es Tradition mit Gemeinschaft und wird in Konzerten, Jodlerfesten und sogar in urbanen Gebieten gepflegt – ein lebendiges Kulturerbe, das viele anspricht.

Termine und Highlights 2026

• Offene Proben: dienstags, 17.2., 3.3., 17.3. und 7.4., jeweils 19.30 Uhr, kath. Kirche Affoltern

• Frühjahrskonzert: 26.4., Casino Affoltern mit «Chapfchörli Grabs» und Kapelle «Glück im Stall»

• Weitere Auftritte: Gottesdienste in der Region und der Zentralschweiz, und dem «Gnussfäscht» Wettswil

• Kirchenkonzerte: 14. und 15.11., Affoltern und Jonen, voraussichtlich wieder mit Projektsängerinnen und -sängern

• Weitere Informationen: www.jkaffoltern.ch

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