Viele Wege führen nach Rom
Primarschulkinder dürfen in Bonstetten eigenen Lernweg gehen

Im zweiten Teil der Orientierungsveranstaltung bot sich den Erziehungsberechtigten die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Zuerst aber informierten die einzelnen Akteure von Schulpflege und Schulleitung grundlegend und ausführlich über die strategische Ausrichtung mit dem Titel «Vision 2033», die den Denkrahmen für zukünftige Entwicklungen bildet. Alle Kinder am gleichen Thema, zur gleichen Zeit, am gleichen Ort und mit der gleichen Prüfung soll es in Bonstetten 2033 nicht mehr geben. Das Kind solle den eigenen Weg gehen, das Ziel ist doch für alle noch immer das gleiche. «Auf dem Programm stehen nachhaltiges Lernen und das Erlangen von Kompetenzen anstatt Schulstoff-Abarbeiten. Selbstorganisiertes Lernen ist schon heute Teil des Kindergartens», so Christa Neukom, Schulleiterin Kindergarten. Dabei gehe man von einem Leitbild aus, welches vom Team erarbeitet und vor einem Jahr fertiggestellt wurde. Orientiert habe man sich dabei vor allem am Lehrplan 21 und am OECD Lernkompass. Statt des jetzigen Gleichschritts, werde jedes Kind in seinem Lernen individuell begleitet und es entscheidet mit, in welchem Tempo und auf welche Art es lernt. Dass das funktionieren kann, das erscheint den Skeptikern fraglich. Wenn das Kind nicht lernen mag, dann heisst das doch, dass es auch nicht lernt, denkt sich wohl manch einer.
Erlernen der Basiskompetenzen sichergestellt?
Im Gespräch nach dem Anlass stellte Momo Beutler, Schulleiterin Unterstufe, klar: «Individuell lernen heisst nicht, dass das Kind machen kann, was es will.» Die Grundlage bildet nach wie vor der Lehrplan 21 und die Schule sei natürlich an die gesetzlichen Vorgaben gebunden – das gleiche Ziel, nur erlerne jedes Kind die Kompetenzen neu in seinem eigenen Prozess mit individueller Lernbegleitung – die Kompetenzen des Lehrplans erreichen müssten nach wie vor alle. Dies war eine der Hauptsorgen, die in der Fragerunde nach der Orientierung Thema war, ob das Erlernen der Basiskompetenzen sichergestellt sei und ob durch diesen Systemwechsel ein problemloser Übertritt in höhere Schulstufen denn möglich sei.
Aber es wurde auch nach Schulen gefragt, welche vergleichbare Ansätze verfolgten. Hier wurde auf die Schule in Konolfingen im Kanton Bern verwiesen, aber auch im Säuliamt gibt es Beispiele. So werde in Knonau bereits projektorientiert gearbeitet und in Hausen werde ebenfalls ein Konzept verfolgt, bei dem Schülerinnen und Schüler selbst entscheiden können, wann, was und wie sie lernen möchten, wie es im «Huuser Spiegel» heisst. Aus dem Publikum wurde ein negatives Beispiel aus Neftenbach angebracht, wo bei der Evaluation auch kritische Ergebnisse belegt wurden – dass eben nicht alle Schüler mit dieser Art Unterricht zurechtkämen. Was sei denn mit denen? Christine Trachsler, Schulleiterin Mittelstufe, erklärte, dass man froh über diese Evaluationen sei und dass man für Bonstetten die nötigen Schlüsse ziehe: «Wir wollen keine Schule kopieren.» Stattdessen könne man aus diesen Fehlern lernen und sie in Bonstetten nicht machen.
Methodenfreiheit in der Form von Prüfungen
Noten seien aktuell nur im Zeugnis rechtlich verbindlich, so Momo Beutler weiter im Gespräch nach dem Anlass. Doch Noten müssten nicht zwingend durch eine für alle gleiche Prüfung zur gleichen Zeit generiert werden. Sie können sich auch aus der Beurteilung des Lernprozesses ergeben. Ausserdem: Wenn das Kind nicht lerne, so sei die Lehrperson pädagogisch und fachlich qualifiziert, um das Kind in seinem Lernprozess zu unterstützen. Umgekehrt gebe es auch die Fälle, dass ein Kind sich im Klassenverbund langweile, weil es zu langsam vorwärtsgehe. Durch die Möglichkeit individueller Lernwege werden diese Kinder in ihrem Lernprozess nicht ausgebremst. Und die Befürchtung, dass Primarschulkindern diese Eigenverantwortung doch nicht zugetraut werden könne, relativierte die Schulleiterin Kindergarten, Christa Neukom: «Unterschätzen Sie unsere Kleinen nicht.» Denn von einem sind Schulleitung und Schulpflege überzeugt: «Alle Kinder wollen lernen.» Eines der Ziele von «Vision 2033» sei es daher, in Bonstetten die bestmöglichen Voraussetzungen dafür zu schaffen. Überzeugt von der «Vision 2033» sind jedoch lange nicht alle, wie die teils hitzige Diskussion zeigte. Allerdings wurden alle vier bisherigen Mitglieder der Primarschulpflege in den jüngsten Erneuerungswahlen wiedergewählt, was einen guten Rückhalt in der Bevölkerung für den eingeschlagenen Weg beweise.


