Vision 2033 sorgt für Diskussionen in Bonstetten
Neues Unterrichtskonzept der Primarschule

«Lernen neu denken» hiess ein Beitrag der Primarschulpflege Bonstetten im «Anzeiger» vom 6. Februar, der eine pädagogische Weiterentwicklung des Unterrichts in einer sogenannten Vision 2033 ankündigte. Diese Vision sei eine «Antwort auf die wachsenden Heraus- beziehungsweise Überforderungen des heutigen Schulsystems.» Nun brauche es einen grundlegenden pädagogischen Systemwandel: «Lehrpersonen werden zu Lernbegleitenden, Klassen zu Lerngruppen, Klassenzimmer zu flexiblen Lernräumen, Prüfungen zu individuellen Lernnachweisen (Zeitpunkt individuell – dann, wenn das Kind bereit ist) und starre Lektionen werden zu selbstbestimmt organisiertem Lernalltag.»
99 kritische Fragen von Eltern
Das kam nicht bei allen Eltern gut an. Innerhalb von wenigen Tagen formierte sich eine grosse Gruppe von Eltern schulpflichtiger Kinder. Über 200 Personen unterschrieben eine Stellungnahme mit kritischen Anmerkungen und reichten bei der Schulpflege ein Dokument mit 99 Fragen ein. Die grössten Kritikpunkte: Eltern, Lehrer und Kinder seien nicht ausreichend in die Pläne eingebunden worden, die Auflösung der Klassenstrukturen sei ein zentrales Risiko. Zudem sei völlig unklar, wie die Anbindung an die weiterführenden Schulen bewerkstelligt werden solle. Der Übertritt in die Sekundarstufe oder an das Gymnasium müsse konkret und überprüfbar abgesichert werden. Zu guter Letzt sorge man sich um die personelle Stabilität in der verunsicherten Lehrerschaft, hiess es. Parallel dazu erschienen im «Anzeiger» in den vergangenen Tagen zahlreiche Leserinnen- und Leserbriefe mit ablehnenden, aber auch zustimmenden Argumenten. «Was für eine grossartige und zukunftsgerichtete Vision», schrieb eine Leserin. Ein Leser schrieb: «Ich bin froh, dass ich kein Kind mehr habe, welches als Versuchskaninchen herhalten muss.» Ein Insider aus Bonstetten erklärte gegenüber dem «Anzeiger»: «Im Dorf ist deswegen die Hölle los.»
Die Wogen glätteten sich dann allerdings, als die Primarschulpflege kurz nach Veröffentlichung des «Anzeiger»-Artikels mit weiteren Infos an die Elternschaft gelangte. Darin wurde auch ein Zeitplan skizziert, aus dem hervorgeht, wie in den nächsten Jahren an dem Projekt gearbeitet werden soll, und klargemacht wurde, dass die konkrete Umsetzung für das Jahr 2033 angestrebt wird, und somit deutlich wurde, dass die Kinder, die derzeit in die Primarschule gehen, wohl kaum mehr in den Genuss des neuen pädagogischen Systems kommen werden.
Die Primarschulpflege Bonstetten will auf die positiven wie kritischen Voten mit einer ausführlichen Stellungnahme gleich nach den Ferien auch auf der schuleigenen Webseite reagieren. «Die Diskussionen nehmen wir als positives Zeichen wahr, denn das zeigt das Interesse am Wohl unserer Kinder, und diese stehen bei der Vision Primarschule Bonstetten 2033 im Zentrum», schreiben die Verantwortlichen. Sie kündigen darin auch eine Orientierungsveranstaltung für Eltern und Erziehungsberechtigte an, die bereits am 12. März stattfinden wird.
Die Stellungnahme der Primarschulpflege Bonstetten zu den Reaktionen auf die Vision 2033:
«Ein Denkrahmen für zukünftige Entwicklungen»
Die «Vision Primarschule Bonstetten 2033» hat einige Diskussionen ausgelöst. Dies nehmen wir als positives Zeichen wahr, denn das zeigt das Interesse am Wohl unserer Kinder, und diese stehen bei der «Vision Primarschule Bonstetten 2033» im Zentrum. Die Vision zeigt die strategische Zielvorstellung auf. Sie bildet einen Denkrahmen für zukünftige Entwicklungen. Die Umsetzung dieser Vision wird bis ins Jahr 2033 angestrebt.
Die Schulpflege hat sich, in Zusammenarbeit mit der Geschäftsleitung (Schulleitung und Schulverwaltungsleitung) über viele Monate intensiv mit der Weiterentwicklung der Primarschule Bonstetten auseinandergesetzt. Für uns ist klar, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Das aktuelle Schulsystem ist am Anschlag: Wir haben immer mehr auffällige Kinder, Kinder werden früher eingeschult als noch vor 10 Jahren, der Schulabsentismus (häufige unentschuldigte schulische Fehlzeiten) nimmt zu und ist heute schon in der Primarschule ein Thema, viele Lehrpersonen sind stark belastet. Es werden immer mehr Ressourcen gesprochen, doch die Probleme bleiben. In den letzten fünf Jahren hat sich die Anzahl der ISR-Settings (ISR = Integrierte Sonderschulung in der Verantwortung der Regelschule) in Bonstetten verdoppelt. Im Schuljahr 2024/2025 hatten die Steuerzahlenden von Bonstetten 1,4 Millionen Franken nur für ISR-Settings zu tragen. Als Schulpflege wollen wir auch die Verantwortung gegenüber den Steuerzahlenden wahrnehmen. Die Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels machen sich täglich auch im Schulbetrieb bemerkbar. Die Welt verändert sich extrem rasant. Künstliche Intelligenz ist Alltag. Die Zukunft ist immer weniger vorhersehbar. Die Grundstruktur der Schule ist jedoch fast noch wie vor 100 Jahren.
Wir sind überzeugt, dass es eine grundlegende strukturelle Änderung des Schulsystems braucht. Mehr Ressourcen sind nicht die Lösung. Das wurde uns in den letzten Jahrzehnten aufgezeigt. Die Kinder brauchen eine Schule nahe an ihrem Leben. Das heisst: eine lernende Schule – nicht eine belehrende.
Aus dem OECD-Lernkompass:
Erfolg in der Bildung bedeutet nicht nur das Lernen von Sprachen, Mathematik oder Geschichte, sondern auch die Entwicklung von Identität, Handlungsfähigkeit und Sinnhaftigkeit. Es geht darum, Neugier und Wissensdurst zu wecken, den Intellekt für Neues zu öffnen. Und es geht um Mut, um die Fähigkeit, unsere kognitiven, sozialen und emotionalen Ressourcen zu mobilisieren. Das werden auch unsere besten Mittel gegen die grössten Bedrohungen unserer Zeit sein:
• Wie können wir Lernende auf Arbeitsplätze vorbereiten, die noch nicht existieren?
• Wie können wir sie befähigen, gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen, die noch nicht absehbar sind, und Technologien zu nutzen, die es noch nicht gibt?
• Was brauchen Lernende, um sich in einer vernetzten Welt zurechtzufinden, in der sie verschiedene Perspektiven und Weltanschauungen verstehen und wertschätzen, respektvoll mit anderen interagieren und verantwortungsbewusst für Nachhaltigkeit und kollektives Wohlergehen eintreten sollen?
Was die Primarschule Bonstetten angekündigt hat, ist die Vision 2033. Diese zeigt die strategische Zielvorstellung auf. Sie bildet einen Denkrahmen für zukünftige Entwicklungen. Die Umsetzung erfolgt schrittweise: von der Projektplanung über die Evaluation und notwendige Anpassungen bis hin zur finalen Implementierung. Dieser Prozess wird gemeinsam mit den Lehrpersonen sowie den weiteren internen und externen Anspruchsgruppen erarbeitet. Mit dem Volksschulamt sind wir im Austausch, damit sichergestellt bleibt, dass sämtliche Veränderungen die kantonalen Vorgaben und den Lehrplan 21 stets einhalten.
Ein zentraler Bestandteil des weiteren Vorgehens ist der transparente Einbezug aller relevanten Anspruchsgruppen zur gegebenen Zeit: Lehrpersonen, Eltern sowie – altersgerecht – die Schülerinnen und Schüler, aber auch die Bevölkerung, der Gemeinderat, weiterführende Schulen, etc. Die Schule soll ein verlässlicher Lern- und Lebensraum bleiben, der Sicherheit bietet und eine gesunde Entwicklung aller Kinder unterstützt. Wir sind überzeugt, dass nachhaltige Schulentwicklung nur im Dialog und auf der Basis des Vertrauens gelingen kann. Bereits nach den Sportferien sind nächste Schritte geplant wie (nicht abschliessend):
• Verschiedene Veranstaltungen mit den Mitarbeitenden der Primarschule zur Beantwortung von Fragen
• Veranstaltungen für den Elternrat
• Eine Orientierungsveranstaltung mit Fragerunde für alle Eltern
• Weiterbildungstage für das Lehrpersonal, welches sich ebenfalls mit der Vision beschäftigt.
Ab Schuljahr 2026/2027 wird sich ausserdem eine Visionsgruppe (auf Ebene Mitarbeitende) intensiv mit den weiteren Schritten auseinandersetzen und sich auch an die Erstellung eines «pädagogischen Konzepts 2033» machen.
Selbstverständlich werden sich auch die Schulpflege und die Geschäftsleitung weiter mit der Vision und deren Umsetzung beschäftigen, unter anderem in der Klausur vom 21. und 22. August 2026. Die Eltern werden im Herbst ebenfalls wieder einbezogen werden.
Unzählige Rückmeldungen
Wir haben seit der Publikation der Medienmitteilung unzählige Rückmeldungen erhalten, auch viele positive. Schulen aus dem Bezirk möchten sich mit uns über unsere Vision 2033 austauschen. Lehrpersonen aus dem Amt schreiben uns, wie grandios sie unsere Vision finden und dass sie hoffen, dass andere Schulen im Bezirk nachziehen, denn dieser Schritt sei schon längst überfällig. Sie wünschen uns Mut und Durchhaltewillen.
Wir freuen uns enorm darüber, dass wir bereits Blindbewerbungen erhalten haben. Es zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
Primarschulpflege Bonstetten, Isabella Tamas, Präsidentin


