Vom Shutdown ausgebremst
Lernende in der Gastronomie, Hotellerie und im Fitnessbereich konnten im Lehrbetrieb vielerorts nur teilweise arbeiten. Der Bund hat am 12. März mitgeteilt, dass Lernende nach dem vollwertig anerkannten Berufsabschluss im Herbst einen weiterführenden Studiengang auf Tertiärstufe aufnehmen können.
Die Pandemie stellt Lernende, Lehrfirmen und Berufsschulen vor organisatorische, lerntechnische und psychische Herausforderungen. Restaurants und Fitnessbetriebe mussten schliessen. Der Berufsschulunterricht wurde mit besonderen Schutzmassnahmen aufrechterhalten. Wer seine Berufslehre 2021 abschliesst, wird noch seinen Enkeln über dieses letzte, oft schwierige Pandemiejahr erzählen. Wie sie darüber berichten, hat viel mit den Entscheiden und den Strategien der Lehrbetriebe und den Berufsschulen, aber auch mit ihrem eigenen Engagement zu tun.
Lernen fürs Leben
«Es geht den Lernenden wahrscheinlich wie uns allen: Das Leben ist eingeschränkt, kein Ausgang, keine Kultur, keine Konzerte, keine spontanen Treffen, wenige Besuche, keine Feste und Partys», das ist Christoph Bühlmann, Mitglied der Schulleitung der Berufsschule für Detailhandel, Zürich, bewusst. «Natürlich gibt es Ängste, vor allem bei Lernenden, die ihre Ausbildung in Betrieben absolvieren, die wechselnd und nur kurzfristig vorhersehbar offen oder geschlossen sind. Das ist für alle Betroffenen zermürbend und verunsichert betreffend berufliche Zukunft.»
Dass Lernende früh mit den Unwägbarkeiten der Privatwirtschaft konfrontiert werden, ist einerseits lehrreich, anderseits kommen Ohnmachtsgefühle auf. «Von diesen Gefühlen müssen wir unsere Lernenden möglichst befreien, ihren Glauben an sich selbst stärken und ihnen Perspektiven aufzeigen, damit sie in kommenden Krisensituationen gewappnet sind», so Christoph Bühlmann.
Viel Zeit zum Lernen
Leonie Annen hat viel Zeit, denn sie lernt Restaurationsfachfrau EFZ, früher Servicefachangestellte genannt, in Zukunft Restaurantfachfrau. Ihr Arbeitsort, das Restaurant Central in Affoltern, ist zurzeit weitgehend geschlossen. Die Lernende sieht Vor- und Nachteile: Einerseits hat sie viel Zeit zum Lernen auf die Lehrabschlussprüfung im Sommer, anderseits vermisst sie die Gäste und den strukturierten Alltag. «Ich freue mich sehr, wenn wir wieder öffnen dürfen!» Sie geniesst es, mehr mit der Familie zusammen zu sein, denn gemütliche Abendessen sind eher selten, wenn jemand im Gastgewerbe arbeitet.
Abends gibt es im «Central» Take-Away: Tatar sowie verschiedene Speisen auf Anfrage. Am Mittwochabend ist sie vor Ort, bedient die Kundschaft und bereitet selbst die verschiedenen Tatars zu. Über Mittag bewältigen ein bis zwei Köche und Geschäftsführerin Els Imhof das Take-Away.
Leonie Annen will einen guten Lehrabschluss machen, auch Els Imhof, der Geschäftsführerin des «Central», zuliebe, die sie sehr schätzt. Sie ist die letzte Lernende, die Els Imhof vor ihrer Pensionierung im «Central» ausbildet. Leonie Annen lernt gern und selbstständig. Zurzeit werden für Lernende im Gastgewerbe viele Online-Kurse angeboten, die sie belegen kann. Viel Spass macht ihr beispielsweise der Dienstagnachmittagskurs «Verkaufskunde». Zudem bereitet sie sich mit dem angebotenen Intensivkurs «Lehrabschlussprüfung» vor. Auch im Lehrbetrieb wird sie unterstützt. Lehrmeister Jan Studer, zurzeit in einer Sommelier-Ausbildung, unterstützt sie betreffend Wissen zu Wein.
«Wir haben eine super Klasse», erzählt Leonie Annen. «Nicht alle anderen werden so intensiv unterstützt. Insbesondere Kollegen aus anderen Kulturen haben es schwerer und wir helfen einander gern.» Sie ist glücklich, wenn sie wieder voll arbeiten kann, denn ihr Berufsalltag bringt Bestätigung und er beinhaltet auch sinnstiftende Anteile. Sie liebt es, dazu beizutragen, dass sich die Gäste im «Central» wohlfühlen.
Neue Herausforderungen
Auch der Lehrbetrieb von Kerstin Gut ist teilweise geschlossen, nur die Trainings und Therapien, die auf ärztlicher Verordnung beruhen, finden noch statt. Der gewohnte Fitnessbetrieb im Gesundheitszentrum Gut in Mettmenstetten ist eingestellt. Die Lernende wird im Sommer ihre Ausbildung zur Fachfrau Bewegungs- und Gesundheitsförderung EFZ abschliessen. Sie hat im Moment mehr Zeit, die sie zum Lernen nutzen kann, und sie eignet sich auch neue Kompetenzen an. An der Produktion von Online-Kursen und an Livestream-Lektionen wirkt sie aktiv mit. Neu sind auch Outdoor-Angebote wie beispielsweise ein Kafi-Walk, bei dem sie sich mit einer Gruppe im Freien bewegt – und Kaffee und Tee offeriert. Damit erfüllt sie auch soziale Aufgaben, was ihr Spass macht. Ihr Vater, Christian Gut, unterrichtet sie zudem in Personal Coaching, damit sie ihn in diesem Bereich entlasten kann.
Kerstin Guts Schulkolleginnen hatten teilweise am Anfang des Shutdown etwas Mühe, sich an die Aufgabenstellung über Mail zu gewöhnen. Sie aber lernt gern in eigener Regie zu Hause. «Es war ein guter Lernprozess, die Zeit selbst einzuteilen.» Am liebsten erledigt sie alles diszipliniert am Morgen und der Nachmittag bleibt dann oft frei. Sie interessiert sich – über den Prüfungsstoff hinaus – für Themen rund um Bewegung und Gesundheit und eignet sich Wissen intern im Lehrbetrieb und in Online-Kursen an. «Im Shutdown vor einem Jahr waren die Leute lockerer», erklärt Kerstin Gut. Jetzt ist eher Ungeduld zu spüren, man hat genug von den Restriktionen.»
«Wir zeigen unseren Kunden: Wir sind da. Jetzt ganz besonders!» Nicht vor Ort sind aber viele Fitnessgeräte. Sie wurden Kunden während der Zeit der Schliessung für das Training zu Hause zur Verfügung gestellt. Relativ wenig Zeit verbringt Kerstin Gut mit administrativen Arbeiten. Am liebsten arbeitet sie mit Menschen – nun fehlt ihr der Kundenkontakt sehr. Existenzängste kennt sie nicht, das Gut Gesundheitszentrum positioniert sich auch in der Krise mit innovativen Ideen. Sie hat mit ihren Eltern wertvolle Vorbilder. Auf das, was sie jetzt gelernt hat, kann sie ihr Leben lang zurückgreifen, denn wie es weitergehen wird, weiss niemand.
Chancen wahrnehmen
Auch an den Berufsschulen waren die Herausforderungen zu Beginn der Pandemie gross. «Die Planungssicherheit war vor einem Jahr massiv eingeschränkt. Wir mussten von Tag zu Tag organisieren, denn die Spielregeln änderten sich häufig, die Einschränkungen, Unsicherheiten und das Nichtwissen erschwerten eine mittel- und langfristige Planung», erzählt Christoph Bühlmann. «Heute kann unsere Berufsschule innert 24 Stunden auf qualitativ hochstehenden Fern- oder Halbklassenunterricht umstellen», führt Christoph Bühlmann weiter aus. Er sieht sich mitten in einer nachhaltigen Wende im Bildungsbereich. «In diesem Sinne betrachte ich 2020/21 in jeglicher Hinsicht als Paradigmenwechsel. Diese Chance packen wir!»
Sich selbst an der Nase nehmen
Deborah Meier absolviert im Restaurant Rüssbrugg in Ottenbach eine Kochlehre. Nach einigen Jahren Arbeiten im Büro entschloss sie sich für die Küche. Heute ist die 30-Jährige im zweiten Lehrjahr als Köchin und stark von der Pandemie betroffen. Seit dem 22. Dezember 2020 ist ihr Lehrbetrieb geschlossen und sie hat eine Menge Freizeit. «Man muss sich selbst an der Nase nehmen, sich selbst organisieren», lacht sie und lobt ihren Lehrbetrieb, der ihr hilft, dranzubleiben.
Jeweils am Freitag steht sie in der «Rüssbrugg» in der Küche und lernt. Sie kocht Speisen, die oft an der Abschlussprüfung gefordert sind. Beispielsweise Coq au vin oder Brandteig-Nocken. Sie filetiert Fische, die dann tiefgekühlt darauf warten, bis wieder Gäste kommen dürfen. Oder sie lernt, frisches Geflügel fachgerecht zu zerteilen, was nicht ganz dasselbe ist wie – in Kochsprache – ein Huhn zu dressieren. Das Gekochte essen der jüngere Lernende, ihr Lehrmeister und sie – einfach alle, die trotz der Schliessung im Restaurant sind.
Auch sie belegt zusätzlich Online-Kurse. Den Schulstoff schafft sie mit Leichtigkeit, sie ist in eine so genannten Talent-Klasse eingeteilt. Diese Lernenden erwerben die theoretischen Inhalte schnell und erhalten zusätzlich weitere Förderung in der Schulküche. Ihre Klassenkameraden sind auch sehr motiviert und engagiert. Nicht so gut geht es Lernenden in anderen Klassen, manche fühlen sich von den Lehrbetrieben im Stich gelassen.
Deborah Meier lobt ihre Berufsschule in Zürich. Im Shutdown hätten die Verantwortlichen innert zwei Wochen super Online-Lektionen gestaltet. Zudem sei man schnell zum Präsenzunterricht zurückgekehrt. Jetzt wechseln sich Tage mit Online-Unterricht und Tage mit Präsenzunterricht ab. Auch sie freut sich, bis wieder Gäste kommen. «Wichtig ist, dass wir jetzt gemeinsam durchhalten.»








