Von der Kapelle ins Kinderzimmer

700 Jahre vor dem ersten Globi-Buch zeigen Kloster-Fresken eine Figur, die wie Robert Lips’ spätere Kinderikone aussieht

Die 64 globiähnlichen Porträts sind in einer Grabkapelle der Kirche des Klosters Kappel zu finden. (Bild Angela Bernetta)

Die 64 globiähnlichen Porträts sind in einer Grabkapelle der Kirche des Klosters Kappel zu finden. (Bild Angela Bernetta)

Der Zeichner Robert Lips erschuf mit Globi eine Figur, die nicht nur Kindern Freude machte. (Bild Orell Füssli Verlage AG, Globi Verlag)

Der Zeichner Robert Lips erschuf mit Globi eine Figur, die nicht nur Kindern Freude machte. (Bild Orell Füssli Verlage AG, Globi Verlag)

In einer Seitenkapelle des Klosters Kappel blickt eine überraschend vertraute Figur von den Decken und Wänden: eine Gestalt, die erstaunlich an unseren Globi erinnert – fast 700 Jahre, bevor die berühmte Kinderfigur überhaupt erfunden wurde. Insgesamt ist sie 64-mal abgebildet.

Der Gedanke liegt nahe: Könnte diese Mensch-Vogel-Figur das Vorbild für die berühmte Kinderfigur sein? Im Säuliamt erzählt man sich genau diese Geschichte. Demnach habe sich Globis Schöpfer, der Zeichner Robert Lips, von den Fresken in der Kapelle inspirieren lassen. Sicher belegt ist das allerdings nicht. Die Ähnlichkeit fällt dennoch sofort ins Auge – und regt bis heute die Fantasie der Besucherinnen und Besucher an.

Eine Werbefigur erobert die Schweiz

Die eigentliche Erfolgsgeschichte von Globi beginnt 1932. Zum 25-Jahre-Jubiläum der Globus-Warenhäuser suchte die Werbeabteilung nach einer Idee. Kinder – und damit auch ihre Eltern – sollten in die Warenhäuser gelockt werden. Dem damaligen Werbechef J. K. Schiele schwebte eine sympathische Kinderfigur vor. Der Architekturstudent Robert Lips, eher zufällig in das Projekt geraten, entwarf sie. Der Verkaufsleiter der Basler Globus-Filiale gab ihr den Namen Globi. Die Verse zu den von Lips gezeichneten Geschichten schrieb Alfred Bruggmann.

Die Figur kam sofort gut an. 1935 erschien das erste Buch: «Globis Weltreise». Bald entstanden Globi-Fanclubs mit mehreren Tausend Mitgliedern. Jeden Monat erschien zudem die Jugendzeitschrift «Der Globi». Die Fanpost wurde so umfangreich, dass eigens eine Sekretärin eingestellt wurde. Das Globi-Fieber hatte die Schweiz erfasst – und die Figur entwickelte sich rasch zu einem festen Bestandteil der Schweizer Kinderkultur.

Talentiert, aber schwierig

Der Zeichner Robert Lips gab seiner Figur Witz und Temperament. Mit wenigen Strichen erweckte er Globi zum Leben. Lips zeichnete oft Tag und Nacht. Für ein neues Buch brauchte er manchmal nur wenige Wochen.

Trotz seines Erfolgs fühlte er sich finanziell häufig zu wenig gewürdigt. Dabei verdiente er eigentlich gut. Doch mit Geld konnte er schlecht umgehen. Er galt als Lebemann und Frauenschwarm, im Umgang jedoch als schwierig. Dennoch bildete er mit Schiele und Bruggmann ein äusserst erfolgreiches Trio. Gemeinsam machten sie Globi landesweit bekannt.

Neben seiner Arbeit war Robert Lips ein talentierter Sportler. Als Fünfkämpfer und Degenfechter gewann er zwei Schweizer Meistertitel. 1936 nahm er mit der Schweizer Delegation an den Olympischen Sommerspielen in Berlin teil. Später diente er als Hauptmann der Schweizer Armee in der Waffenstillstandskommission in Korea. Beide Aufgaben verlangten Disziplin und Anpassungsfähigkeit – Eigenschaften, die auch in seinem beruflichen Umfeld durchaus sichtbar waren.

Ein tragisches Ende

Mit den Jahren glitt Robert Lips zunehmend ab. Die Pfauenbar in Zürich wurde immer mehr zu seinem zweiten Zuhause. Alkohol begleitete ihn immer häufiger. Schliesslich konnte er kaum noch arbeiten. 1975 starb Robert Lips mit nur 63 Jahren einsam in einem Hotelzimmer. Beigesetzt wurde er auf dem Friedhof Enzenbühl in Zürich. Sein Grab blieb lange unbeachtet. Erst um 2000 änderte sich das.

Als auf dem Friedhof alte Gräber überprüft wurden, stiess das Friedhofsamt auf einen besonderen Vermerk: «Schöpfer von Globi». Man erinnerte sich an seine Verdienste. Seit dem Frühling 2002 steht auf seinem Grab ein grosser Stein. Darauf ist Globi zu sehen, der zwei Kinder an der Hand hält – eine stille Hommage an den Mann, der die Figur einst erschuf.

Rätselhafte Figuren in Grabkapelle

Doch unabhängig von Lips’ bewegtem Leben bleibt die Frage offen: Woher kam die Idee für die Figur überhaupt? Die 64 globiähnlichen Porträts befinden sich in einer Grabkapelle der Kirche des Klosters Kappel. Sie entstand um 1250 zusammen mit dem ersten Teil der Kirche. Das Kloster wurde 1185 eingeweiht. Gestiftet hatte es Walther von Eschenbach. Viele einflussreiche Familien der Region unterstützten das Kloster. Später liessen sie sich dort bestatten – darunter auch die Familie Gessler. Die Figur in der Kapelle gehört zu ihrem Wappen und dient als Helmschmuck. Die Wandmalereien zählen zu den ältesten in der Schweiz. Sie entstanden vermutlich in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts.

Die «Globis» sind damit fast 700 Jahre alt. Über Jahrhunderte hinweg blickten sie von den Wänden der Kapelle auf die Besucherinnen und Besucher hinab. Das Kloster selbst wurde während 342 Jahren von Zisterziensermönchen geführt. Insgesamt 33 Äbte leiteten die Gemeinschaft bis 1527.

Inspiration oder Zufall?

Globiähnliche Figuren finden sich auch an anderen Orten. Beispiele sind «Notre-Dame de Paris», das «Cleveland Museum of Art» in den USA oder die «Royal Academy of Arts» in London.

Es lässt sich nachlesen, dass der Globi-Experte und -Sammler Beat Frischknecht eine eigene Version der Geschichte erzählt. Der frühere Globus-Werbechef J. K. Schiele habe ihm gesagt, dass der Zeichner Robert Lips die Figur im Kloster Kappel gar nicht kannte. Auch eine Ausgabe der Jugendzeitschrift «Der Globi» bestätigte dies 1952 zum 20-Jahre-Jubiläum der Figur.

Ob Inspiration oder Zufall: Sicher ist, dass Robert Lips mit Globi eine der bekanntesten Kinderfiguren der Schweiz geschaffen hat. Und wer heute die Kapelle im Kloster Kappel besucht, entdeckt dort einen überraschend alten Doppelgänger dieser Erfolgsgeschichte – fast sieben Jahrhunderte vor dem ersten Globi-Buch.

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