Von einem der auszog, das Fürchten zu verlernen

Patrick Frey stellte am letzten Freitag in der Buchhandlung Scheidegger in Affoltern sein Buch «Die Wanderung» vor, eine Sammlung von bilderstarken und märchenhaften Geschichten, in die er Erfahrungen seiner zuweilen beschwerlichen Lebensreise als Autist einfliessen lässt.

In der Schule habe er nicht gern geschrieben, nur die Ferienaufsätze, die mussten halt sein, erzählte Patrick Frey. Als Kind habe er viel lieber gelesen, was sollte er sonst auch machen? Er hatte ja kaum Freunde.

Patrick Frey ist Autist. Schon als Bub war ihm bewusst, dass er «anders» war als die andern, aber was anders war, wusste er lange nicht genau. Erst später, nachdem ihn die Eltern über seinen Autismus aufgeklärt hatten, gab ihm das die Möglichkeit, sich damit auseinanderzusetzen. Dass seine Behinderung zu Ausgrenzung und zu Missverständnissen führte und führt, liegt auf der Hand, denn es fällt ihm beispielsweise schwer, Worte, Gesten und Gesichtsausdrücke von anderen Menschen richtig einzuordnen, so dass dann seine - von der Norm abweichenden - Reaktionen darauf, auf Unverständnis treffen. Solche Erfahrungen verarbeitet er in seinen Geschichten. Zum Beispiel in «Spuk in der Villa»: Der Autor beschreibt darin eine berührende Szene, in der drei verzauberte Schwestern zu wüsten Hexen werden, welche der Hauptfigur Johann sein «Versagen» vorhalten: «Du bist schwach», «Du bist tollpatschig», «Du machst alles falsch», «Du bist faul», «Du wirst es nie zu etwas bringen», «Du bist ein Tagträumer». Der Protagonist senkte traurig seinen Kopf, bis er es schaffte, ihnen entgegen zu treten: «So nicht!» Später, nach der Läuterung der drei Hexen, erkannten diese dann selber: «Wir waren richtig gemein zu ihm. Wir haben alles gehasst, was nicht in unser Weltbild passte.»

An der spannendsten Stelle zur nächsten Geschichte übergegangen

Patrick Frey las mit sichtbarer Freude kurze Sequenzen aus verschiedenen Geschichten, und machte die Zuhörenden «gluschtig», indem er cliffhanger-mässig an der spannendsten Stelle zur nächsten Geschichte überging. Es lohnt sich, das elegant und schlicht gestaltete Bändchen zu lesen – und in den vielschichtig versponnenen, fantasiereichen Geschichten rund um Archaisches wie Natur und Tiere, geheimnisvolle Frauen, Fluch und Segen von Tränken, Geistern oder Hexen zu schwelgen und sich dabei auch mit Themen wie Versuchung, Illusion, Täuschung, Unrecht oder der Suche nach sich selber auseinander zu setzen. Wie er sich denn fühle, so vor Publikum zu lesen, wird Frey gefragt, etwas was ja nicht gerade dem Klischeeverhalten eines Autisten entspricht. «Er finde es total locker hier», sagte er. Es sei ja auch nicht das erste Mal, dass er sein Buch vorstelle. Er schätze es mittlerweile, in Gesellschaft zu sein und sich auszutauschen. Einem autistischen Kind würde er raten, sich so gut wie möglich soziale Kompetenzen anzueignen. Auch das etwas, was nicht dem Klischee entspricht.

Eigene Grenzen ausdehnen

Patrick Frey scheint ein Mann zu sein, der sich wie die Hauptfiguren in seinen Märchen den Schwierigkeiten stellt und der dadurch Lebenserfahrung gewinnt. Ein Mann, der seine Grenzen erkennt, sich daran entlang orientiert und sie Schritt für Schritt erweitert, auf seiner Wanderung durchs Leben. Und das nicht nur im metaphorischen Sinne, sondern auch ganz konkret, denn eine von Patrick Freys Leidenschaften ist das Reisen. Er erzählt, wie er dadurch introspektives Erleben zunehmend mit äusseren Realitäten in Einklang bringen konnte. So ist Patrick Frey also auch ein Mann der immer wieder auszieht, um das Fürchten zu verlernen.

Patrick Frey, Die Wanderung, Engeler Verlag, 88 Seiten, Fr. 25.- ISBN 978-3-906050-28-7.

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