War Zwingli Held oder Ketzer?
Denkmäler im Bezirk Affoltern (5): Der Zwingli-Stein in Kappel
300 Jahre nach der Schlacht bei Kappel, im Jahr 1831, führte die liberale Verfassung im reformierten Kanton Zürich nicht nur die Gleichstellung von Stadt und Land ein, sondern unternahm auch erste Schritte in Richtung Religionsfreiheit. Dies führte in den katholischen Teilen des 1815 gegründeten Schweizer Staatenbunds zu heftigen Gegenreaktionen. Sie feierten den Sieg über Zürich von 1531 unter anderem mit dem Deckengemälde der Kirche auf dem Gubel, wo sie im Anschluss an den Sieg in der Schlacht bei Kappel auch die Entscheidungsschlacht zu ihren Gunsten entschieden hatten. Zürichs Versuch, die Reformation auch in den Waldstätten durchzuführen und sie in den Aufbau staatlicher Strukturen miteinzubeziehen, war gescheitert.
Zwingli als Held
Die Errichtung des Zwingli-Steins 1838 symbolisiert, dass die konfessionellen Gegensätze auch in Zürich betont wurden. Zwingli sollte mit dem Denkmal als Held präsentiert werden. In Latein und Deutsch ist darauf zu lesen: «Den Leib können sie tödten, nicht aber die Seele, so sprach an dieser Stätte Ulrich Zwingli, für Wahrheit und der Christlichen Kirche Freiheit den Heldentod sterbend, den 11. Oktober 1531.» Der Text lehnt sich an die Biografie an, die Zwinglis Wegbegleiter und Freund Oswald Myconius 1536 veröffentlicht hatte. Bei der Darstellung des Todes des Reformators ging es ihm nicht um die Darstellung realer Vorgänge. Er ordnete den Reformator in verschiedene biblische Darstellungen ein, indem er in seiner Erzählung beispielsweise den tödlich getroffenen Zwingli dreimal zu Boden stürzen liess, analog Christus auf dem Kreuzweg.
Hinrichtung der Leiche
Andere zeitgenössische Quellen schildern Zwinglis Tod realitätsnäher, aber mit grundlegend unterschiedlichen Wertungen. Der Luzerner Chronist Johannes Salat nahm als Feldschreiber ab 1522 an mehreren Kriegen teil, auch an den beiden Kappeler Kriegen. Von ihm stammt eine ausführliche Reformationschronik aus katholischer Sicht.
Laut Salat suchten die Soldaten der «Fünf Orte» nach der Schlacht bei Kappel unter den Leichen nach lebenden Zürchern. Diesen hätten sie angeboten, sie zu schonen, falls sie sich zur katholischen Kirche bekennen würden, «das auch by ettlichen angenommen ward». Dabei wurde auch Zwingli gefunden, «ligend uff sym Angesicht». Er sei nicht schwer verletzt gewesen und hätte sich noch selbst fortbewegen können, hätte er noch über genügend Kraft verfügt. Einer der Eidgenossen fragte ihn, ob er beichten wolle, worauf Zwingli den Kopf schüttelte und das Angebot ablehnte, worauf «ein redlicher alter Christ mit eynem Schlachtschwert Zwingli under dem Kiny in Hals hout, des streychs er starb».
Während des ganzen Abends seien zahlreiche «alte Christen», also Katholiken, gekommen, «den toten Kadaver zu beschauen», der viel mehr Unfriede, Unruhe, Angst und Not verursacht habe als alle Fürsten zusammen. Drei Tage lang seien eidgenössische Truppen kampfbereit vor Kappel aufgestellt geblieben für den Fall, dass die Reformierten einen erneuten Angriff wagten. Dann wurde entschieden, dass Zwingli als «ein dermassen grosser, schäntlicher, ketzerischer Verräter und Bösewicht» bei totem Leib hingerichtet werde. Zur Strafe sei der Leichnam vor Ort gevierteilt und verbrannt worden.
Opfer eines Verrats
Der Zürcher Chronist Johannes Stumpf, der möglicherweise ebenfalls selbst an der Schlacht teilgenommen hatte, betrachtete den Zürcher Hanns Andress, «ein Verräter syns eignen Vaterlands», als Verantwortlichen für die Zürcher Niederlage, weil er für eine Goldkrone dem Heyni Schönbrunner aus Zug schlachtentscheidende Informationen geliefert habe.
In der Schlacht habe dann Zwingli «im dritten Glied» mit der Hellebarde gekämpft. Stumpf zählte alle ihm bekannten Toten auf der Zürcher Seite namentlich, nach Wohnort gegliedert, auf. Die Eidgenossen hätten die transportfähigen Zürcher, deren sie habhaft wurden, gefangen nach Zug und Luzern geführt. Die Toten hätten sie geplündert und ausgezogen, dann aber nackt liegen lassen, weil sie «die Ketzer nit wollten begraben».
Gemäss Stumpfs Darstellung fiel Zwingli in der Schlacht. Als seine Leiche von den Feinden entdeckt worden sei, hätten sie sehr bedauert, dass sie ihn nicht lebend gefunden hätten, um ihn zu malträtieren. Sie hätten Frauen und Kinder zusammengerufen, um einen sogenannten Gottesbeweis durchzuführen. Dazu hätten sie den Leichnam aufgestellt und gesagt, falls Zwingli ein gläubiger Christ gewesen sei, sorge Gott dafür, dass er stehen bleibe. Sei er hingegen ein Ketzer gewesen, werde Gott dafür sorgen, dass er hinfalle. Als sie ihn losliessen, sackte er zu Boden. Sie betrachteten den Gottesbeweis als hiermit erbracht, worauf sie Zwinglis Leiche gevierteilt und die Teile einzeln verbrannt hätten.
Beim Plündern entdeckt
Zwinglis Nachfolger als Vorsteher der reformierten Zürcher Kirche, Heinrich Bullinger, hielt sich während der Schlacht in Bremgarten auf. Er folgte bei der Darstellung von Zwinglis Tod den Erzählungen von Salat und Stumpf, mit gewissen literarischen Freiheiten. Zwingli habe mit einer Hellebarde gekämpft, habe «wohl vorn» in der Schlachtreihe gestanden und neben ihm kämpfende Zürcher Soldaten zum Kämpfen ermuntert: «Seid getrost und fürchtet euch nicht. Müssen wir gleich leiden, so ist die Sache gut.»
Als die plündernden Eidgenossen die Toten und Verwundeten nach Wertgegenständen untersuchten, hätten sie Zwingli noch lebend entdeckt: «Er lag auf dem Rücken und hatte seine beiden Hände zusammengetan, wie die Betenden, sah mit seinen Augen aufwärts gen Himmel. Da liefen etliche zu, die ihn aber nicht kannten, und fragten, dieweil er doch so schwach und dem Tode nahe wäre, da er in der Schlacht getroffen und tödlich verwundet niedergelegt worden war, ob man ihm nicht sollte bringen einen Priester, der seine Beichte hörte. Darauf schüttelte Zwingli sein Haupt, redete nichts und sah aufwärts gen Himmel.» Auch die Aufforderung, die Muttergottes und die Heiligen anzurufen, beantwortete er mit Kopfschütteln, worauf sie ungeduldig wurden und als störrischen Ketzer bezeichneten, «und wie Hauptmann Bolinger von Unterwalden auch herzukam, ward er erzürnt, nahme sein Schwert und gab Zwingli eine Wunde, dass er bald unter den Toten gefunden ward.» Als die Feinde schliesslich Zwingli erkannt hätten, hätten sie seine Leiche gevierteilt und verbrannt.
Ein historisches Ereignis
Beide Seiten betrachteten Zwinglis Tod als historisches Ereignis. Von verschiedenen reformierten Fürsten trafen Beileidsbekundungen in Zürich ein. Demgegenüber beglückwünschten der Habsburger Karl V. als römisch-deutscher Kaiser und Papst Clemens VII. die Eidgenossen zu ihrem Sieg über den Ketzer Zwingli. Differenzierter war die Sicht des Humanisten Erasmus von Rotterdam, der trotz seines freundschaftlichen Kontakts zum Reformator beim katholischen Glauben verblieben war: «Es ist gut, dass die beiden Koryphäen umgekommen sind, Zwingli in der Schlacht, Ökolampad (der Basler Reformator) bald darauf am Fieber und an einem Geschwür. Hätte der Kriegsgott zu ihnen gehalten, so wäre es um uns geschehen gewesen.»
Differenziert ist auch die Sichtweise des Zürcher Historikers Helmut Meyer, der 1981 zum Schluss kam, dass erst Zwinglis Tod die Fortsetzung der Zürcher Reformation ermöglicht habe: «Er war zwar nicht Zürichs Diktator, aber doch ein Motor gewesen, der ständig zum Handeln angetrieben hatte. Ob er nach dem militärischen Debakel seine Stellung hätte behaupten können, ist zu bezweifeln. Die allgemeine Wut auf die Geistlichkeit, die man beschuldigte, zum Krieg getrieben und die Katastrophe heraufbeschworen zu haben, hätte sich zweifellos über ihm entladen und möglicherweise zur Verurteilung oder zum Exil geführt.» Dank seines Todes in der Schlacht sei er als Held, nicht als Gescheiterter in die Geschichte eingegangen.
In dieser Serie stellt der «Anzeiger» Denkmäler aus der Region vor und erklärt ihre Bedeutung. (red)






