Was geschah in Stallikon 1124?

900 Jahre Stallikon (1): Grabung bestätigt Urkunden

Recherchen im Archiv allein reichen nicht aus. Ein Augenschein vor Ort ist eine unumgängliche Ergänzung. Wer beispielsweise einmal bei anhaltendem Regen den Ofengüpf erklommen hat, kann sich kaum vorstellen, wie es möglich war, hier in Rüstung und mit einem Pferd hochzusteigen. Die Vermessung fand aber bei Sonnenschein statt. (Bild Erika Schmid)

Stallikon feiert im Juni die erste Erwähnung desjenigen Dorfes, das der Gemeinde den Namen gab: Vor 900 Jahren, am 28. Dezember 1124, bestätigte Kaiser Heinrich V. die Besitzungen des Klosters Engelberg, darunter Stallikon. Die beiden Dokumente von 1124 zur Gründung des Klosters Engelberg, die überliefert sind, sind zwar beide gefälscht, aber dank archäologischen Grabungen lässt sich feststellen, dass die für Stallikon wichtigen Angaben zutreffen dürften.

Selbst Hochadlige waren Analphabeten

Fälschungen waren damals nichts Aussergewöhnliches. Im 12. Jahrhundert konnten die wenigsten weltlichen Herrscher lesen und schreiben, dies war den Klöstern vorbehalten. Wer als Adliger einem Kloster etwas schenkte, konnte daher nicht überprüfen, ob das, was er besiegelte, tatsächlich der mündlich getroffenen Vereinbarung entsprach. Hinzu kam, dass Latein die Kirchensprache war. Selbst wenn eine Urkunde buchstabengetreu vorgelesen wurde, verstand der Adlige den Wortlaut oft nicht.

Die erste zuverlässige Nennung einer Siedlung innerhalb der heutigen Gemeinde Stallikon, von Gamlikon, stammt aus einer vermutlich echten Urkunde aus dem Jahr 1106. Oft wird zwar ein älteres Dokument zitiert, eine angebliche Schenkung Heinrichs von Sellenbüren aus dem Jahr 1092 an das Kloster St. Blasien, doch hat diese vermutlich nicht stattgefunden, sondern basiert auf einer Fälschung ohne echte Grundlage. Hingegen scheint eine nicht datierte Vergabung wohl desselben Heinrich von Sellenbüren an das Kloster Muri, die um 1110, spätestens 1119 erfolgte, der Realität entsprochen zu haben. Die Analyse der beiden Quellen führt zur Vermutung, dass die Mönche von St. Blasien den Namen Heinrich von Sellenbüren dank dessen Vergabung an die Abtei Muri, das Mutterkloster von Engelberg, kennenlernten und dazu verwendeten, Ansprüche für sich selbst zu reklamieren. Es ist anzunehmen, dass der Kaiser und der Papst tatsächlich 1124 je ein Privileg für das um 1120 gegründete Kloster Engelberg ausstellten, das vom Freiherrn Konrad von Sellenbüren gestiftet worden war. Die beiden Urkunden wurden um 1157 bewusst gefälscht, das heisst neu verfasst und zugunsten des Klosters nachgebessert. Als Freiherr zählte Konrad zum Hochadel.

Sicherung der Fundgegenstände bei Grabung auf dem Ofengüpf

In Sellenbüren führte das Landesmuseum 1950 und 1951 Grabungen auf dem Ofengüpf durch und sicherte alle Fundgegenstände. Dank der systematischen Auswertung dieser Grabungen ist ein Zeugnis auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Stallikon aus dem Hochmittelalter gesichert worden, das für die Bewertung der ersten urkundlichen Erwähnung von grosser Bedeutung ist.

Die Burg Sellenbüren wurde um 1075 weitgehend aus Holz gebaut, der natürliche und vermutlich zusätzlich aufgeschüttete Ofengüpf in der Mitte diente offensichtlich als Aussichtspunkt und verband die Burg dank Sichtkontakt mit der etwa 25 Jahre später errichteten Steinburg Bonstetten und der archäologisch nicht nachgewiesenen Burg Gamlikon, die sich möglicherweise dort befand, wo eine legendäre Burg Baldern vermutet wird. Leider wurde die Burgstelle Baldern bisher noch nicht archäologisch untersucht, sodass offen ist, ob hier je eine Festung welches Namens auch immer existierte. Die Burg Sellenbüren dagegen existierte mit Sicherheit. Sie wurde um 1125 wieder verlassen und ohne Feindeinwirkung zerstört, wohl um zu verhindern, dass sie von neuen Machthabern hätte besetzt werden können.

Hochadliger lebte in bescheidener Burg

Die Ausgrabung lieferte drei für die Aufarbeitung der Geschichte von Stallikon wichtige Informationen: Erstens lebte und wirkte tatsächlich eine adlige Familie um 1100 in Sellenbüren. Aufzeichnungen über angebliche frühere Freiherren von Sellenbüren sind daher falsch, denn Heinrich von Sellenbüren und der 1106 erwähnte Eglof von Gamlikon trugen diesen Adelstitel zu Beginn des Jahrhunderts noch nicht. Vielleicht hat sich der Adelsclan diesen Titel im Zusammenhang mit der Klostergründung um 1120 angeeignet.

Zweitens war die Burg Sellenbüren sehr einfach eingerichtet, ohne eine Feuerstelle im Innern des Herrenhauses. Die beiden Inhaber der um 1120 nachgewiesenen Burgen Sellenbüren und Bonstetten, Konrad und Heinrich, gehörten zweifellos demselben Clan an, denn es ist kaum anzunehmen, dass sie andernfalls friedlich so nahe beieinander gelebt und gemeinsam ein relevantes Rechtsgeschäft bezeugt hätten.

Die Burg Bonstetten war grösser, besser geschützt, komfortabler und viel einfacher zugänglich. Dies könnte darauf hinweisen, dass der zu Beginn des Jahrhunderts erwähnte Heinrich von Sellenbüren die Burg Bonstetten gebaut und die alte auf dem Ofengüpf seinem Sohn Konrad überlassen haben könnte. Weshalb aber stiftete dann Konrad das Familienerbe und nicht Heinrich? Auch dafür gibt es eine mögliche Erklärung: Heinrich von Bonstetten wird nicht in den Urkunden von Kaiser und Papst erwähnt, sondern einzig in einer informellen Aufzeichnung, die nicht im Original vorliegt und angeblich von 1122 stammt. Möglicherweise war er 1124 bereits tot und Konrad sein Erbe.

Stallikon wurde 1124 tatsächlich erstmals erwähnt

Damit im Zusammenhang steht die dritte Erkenntnis: Obwohl die Gründungsurkunden des Klosters Engelberg um 1157 als bewusste Fälschungen verfasst wurden, stützen die archäologischen Befunde Vermutung, dass sowohl die Papst- als auch die Kaiserurkunde auf realen Urkunden mit dem jeweils angegebenen Datum gründeten, die zugunsten des Klosters nachgebessert und anschliessend vernichtet wurden. Es ist daher tatsächlich anzunehmen, dass Stallikon 1124 erstmals erwähnt wurde.

Das Hochmittelalter ist schlecht belegt. Jede Urkunde muss genau untersucht werden, ob es sich um ein Original, eine spätere Kopie mit allfälligen Abweichungen, eine vorsätzliche Fälschung oder eine Legende handelt. Umso besser ist es, wenn archäologische Unter­suchungen den Inhalt einer ­Urkunde bestätigen, wie im Fall von Stallikon.

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