Was macht ein Krieg mit der Sprache?

Am vergangenen Donnerstagabend las und erzählte der in der Schweiz lebende irakische Literaturwissenschaftler Usama Al Shahmani in der Regionalbibliothek aus seinem neusten Buch «In der Fremde sprechen die Bäume arabisch».

Usama Al Shahmani las aus seinem autobiografischen Buch. Kein leichter Stoff, denn er wuchs im Irak unter der Diktatur Saddams und in Kriegszeiten auf. Trotzdem hat er sich einen erfrischenden Humor bewahrt. <em>(Bild Regula Zellweger)</em>
Usama Al Shahmani las aus seinem autobiografischen Buch. Kein leichter Stoff, denn er wuchs im Irak unter der Diktatur Saddams und in Kriegszeiten auf. Trotzdem hat er sich einen erfrischenden Humor bewahrt. <em>(Bild Regula Zellweger)</em>

Im Umgang mit Literatur kommt heute Informatik zum Einsatz, beispielsweise zählt eine Software die Wörter eines Romans und listet die Häufigkeit der einzelnen Wörter auf. So lassen sich Werke interpretieren und vergleichen. Hätte man alle Wörter des Abends in der Regionalbibliothek, an dem Usama Al Shahmani aus seinem Leben erzählte und aus seinem Buch las, durch diese Software laufen lassen, wäre das Wort «Sprache» bestimmt das am häufigsten vorkommende Substantiv gewesen. Denn Sprache wird von Menschen unterschiedlichster Kulturen gemacht, wird beeinflusst von der Zeit – und Sprache prägt auch die Menschen.

Al Shahmani empfand die Sprache in der Schweiz so: «Frieden hat hier tiefe Wurzeln, sie zeigt eine friedliche Geschichte.» Und zugleich fragt er: «Was macht eine Diktatur mit der Sprache?» Der irakische Sprachwissenschaftler und Autor ist mit Seele und Sprache in der Schweiz angekommen, er schreibt seine Bücher in Deutsch. «Wenn man die Sprache hat, hat man die Fremde überwunden.» Der Titel «In der Fremde sprechen die Bäume arabisch» beweist, dass Al Shahmani nicht nur die deutsche Sprache spricht, er hat auch kulturelle Unterschiede überwunden, Kulturen verbunden.

Ein Buch in Bäumen erzählt

Er geht heute gern in die Natur, spricht mit den Bäumen. «Die Natur hört uns zu. Man fühlt sich zugehörig.» «Die Iraker mögen den Wald nicht», erklärt er. «Denn hier kann man sich verirren.» In seiner ersten Zeit in der Schweiz, 2002, staunte er beispielsweise, dass Schweizer wandern. «Wir wandern nicht! Dafür gibt es auch kein arabisches Wort.» Nach Bäumen ist sein Buch in Kapitel eingeteilt. Zuerst las der Schriftsteller aus dem ersten Kapitel «Der Baum der Liebe», es folgten «Der Baum der Hoffnung» und «Der Baum der Heimat». Zwischen den Lesungen reflektierte Charlotte Nager das Gehörte und stellte respektvoll Fragen, die Al Shahmani sehr offen und ehrlich beantwortete. Sein Buch ist autobiografisch, er erzählt von sich. Der Protagonist heisst nicht zufälligerweise «Usama». Aber er meint auch: «Meine Figuren sind literarisch geformt.» Es ist wohl für alle Schreibenden eine existenzielle Frage: «Wie viel will man von sich preisgeben?» Der Autor beschreibt in seinem Buch, wie er ein irakischer Schriftsteller geworden ist, der deutsche Bücher schreibt. «Deutsch ist eine Decke, die zu kurz ist», diese Aussage des Autors setzte Moderatorin Charlotte Nager in den Raum. Al Shahmani nimmt den Ball ab. «Mein letzter Satz im Leben wird arabisch sein. Die Muttersprache bleibt im Herzen. Sprache ist oft unfähig, wenn es darum geht, Gefühle auszudrücken. Herzenswörter, Wörter, die direkt ins Herz und nicht ins Ohr kommen, fehlen mir oft im Deutsch.»

Warum schreibt er, der auch als Übersetzer arbeitet, seit 2013 seine Bücher auf Deutsch? «Ich schreibe für ein deutsches Publikum. Es macht Spass, in einer anderen Sprache zu schreiben. Der Prozess ist intensiver.» Und lachend fügt er hinzu: «Und langsamer – vielleicht weil im Deutschen das Verb am Schluss kommt.»

Sein feiner Humor blitzt immer wieder durch, etwa, wenn er von der Verheiratung seiner Grossmutter erzählt. Dazu trägt die bildhafte Sprache bei. «Der Bräutigam der Grossmutter sah aus wie der Stamm einer Dattelpalme.» Dazu muss man keine Erklärung mehr abgeben. Man hat ein Bild und Bilder sind meist stärker als Sprache. «Die Sprache ist ein dickes Seil, das verbindet. Sie ist das A und O, ist Kultur und Denkweise. Sprache ist Heimat. Keine Sprache ist besser als eine andere.» Al Shahmani zelebriert mit Sprache den Spagat, den er zwischen zwei Kulturen schafft.

Politik und Geschichte

1971 in Bagdad geboren, studierte er arabische Sprache und Literatur. Aufgewachsen ist er unter der Diktatur Saddams. Al Shahmani flüchtete sich als Kind in die Welt der Sprache und der Bücher. 2002 floh er aus dem Irak, weil er ein regimekritisches Theaterstück verfasst hatte. Der traumatisierte junge Mann kam in die Schweiz, wo er in verschiedenen Unterkünften untergebracht wurde. Kein Deutsch, keine Arbeit und die Ungewissheit während dem Asylverfahren – eine schwierige Lebensphase. In dieser Zeit verschwand sein Bruder Ali spurlos, nachdem er Usama um Geld für die Flucht aus Bagdad gebeten hatte. Der Schriftsteller, Übersetzer und Kulturvermittler zeigt Resilienz, Lebensfreude, innere Stärke und Neugierde, trotz erlebter Kriegsgräuel im Irak.

Charlotte Nager befragte den Autor sehr feinfühlig. Als Ethnologin hat sie einen anderen Zugang zum Fremdsein. Sie war fast zwanzig Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit tätig. Diese Arbeit führte sie unter anderem in Länder des Balkans, nach Südostasien, Lateinamerika und Afrika, und drei Jahre lebte sie in Tadschikistan. Heute führt sie ihre kleine, feine Buchhandlung «mille et deux feuilles» in Zürich.

Viele Interessierte folgten der Einladung der Regionalbibliothek. Das Buch von Al Shahmani war bereits im Rahmen der regelmässigen «Büchermorgen» im März 2019 diskutiert worden. «Literatur bietet Raum an, um Wut und Traumata in eine Form zu bringen. Aber auch wenn ich Tausende Seiten schreibe, ein Rest Wut bleibt.» Und zusammenfassend meint der Autor: «Nachkriegszeit ist noch nicht.»

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