Weihnachten – eine wahre Geschichte?

«Urgestein». So pflegte unser Professor für Neues Testament jeweils zu sagen, und ein ehrfürchtiges Raunen ging durch die Reihen des Hörsaales. Das Prädikat «Urgestein» erhielten jene biblischen Überlieferungen, von denen man annimmt, dass sie mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit historisch sind.
Als frischgebackener Student hatte ich ein grosses Interesse an dieser Klassifizierung. War man doch dem lieben Gott gleich etwas näher, wenn man wusste, was zur Zeit Jesu wirklich geschehen war und nicht bloss später erzählt wurde, etwa in den Gemeinden der Evangelisten. Echt oder unecht, wahr oder nicht wahr: Das hat mich damals beschäftigt.
Heute sehe ich vieles ein wenig anders. Ich glaube, jedes biblische Zeugnis ist auf seine Art wahr. Vielleicht nicht immer historisch, aber wahr allemal. Zum Beispiel die Weihnachtsgeschichte: Nach allem, was man heute weiss, ist sie kaum historisch. Zwei der vier Evangelien erwähnen die Geburt im Stall mit keinem Wort. Auch in den Paulusbriefen sucht man sie vergeblich. Und ein Stern, der genug hell gewesen wäre, um den drei Königen den Weg zu zeigen, war nach astronomischen Erkenntnissen zu jener Zeit wahrscheinlich nicht am Himmel...
Eigene Erfahrungen mit Gott
Und doch ist sie wahr, die Weihnachtsgeschichte. So wahr wie eine Geschichte nur sein kann! Einfach anders. Sie bringt Erfahrungen zum Ausdruck, die Menschen unterwegs mit Jesus gemacht haben. Zum Beispiel, dass Gott uns unendlich verliebt machen kann ins Leben, wie man es etwa erlebt, wenn einen ein Neugeborenes anlächelt. Oder dass es in Gottes letzter Wirklichkeit keine Grenzen mehr gibt zwischen Arm und Reich, gebildeten und einfachen Leuten, «Königen und Hirten».
Historisch oder nicht historisch ist für den Glauben gar nicht so wichtig. Denn hinter allen Geschichten von Gott stehen Erfahrungen mit Gott, Erfahrungen von Menschen, die uns etwas für sie Lebensentscheidendes weitergeben wollen.
Die beiden Weihnachtsüberlieferungen im Markus- und im Lukasevangelium sind ein Spiegel solcher Erfahrungen bis auf den heutigen Tag. Und so glaube ich, die Geschichte vom Kind in der Krippe, von den verwunderten Hirten und den knienden Königen im Stall, diese Geschichte will vor allem etwas: Sie will uns verwickeln und verlocken in eigene Erfahrungen mit dem nahen Gott, hier und heute! Das Kind in der Krippe schreit durch die Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch um unser Herz! In dem Sinn: Frohe Weihnachten!
Andreas Fritz, reformierter Pfarrer in Mettmenstetten


