Wenn die Schafe Vortritt haben
In Bonstetten dislozierte eine Herde seltener Spiegelschafe über die Kantonsstrasse.

Vergangenen Dienstag um 14 Uhr: Zwei Polizeiautos sperren in Bonstetten einen rund 700 Meter langen Abschnitt der Zürcherstrasse zwischen Hedingen und Birmensdorf. Noch ist nichts zu sehen. Dann rennt ein Mann von der westlichen Anhöhe beim Hirschenbach herunter. Ihm folgen 121 Schafe. Der Mann ist Schafzüchter Marcel Frei. Seine Frau wartet mit den Kindern an der Einmündung in die Kantonsstrasse, um der Herde mit Stecken die Richtung vorzugeben. Unterstützt werden sie von befreundeten Züchtern mit Hirtenhunden.
Die wartenden Autofahrer sehen, wie die Herde nördlich auf die Kantonsstrasse einbiegt. Schafzüchter Frei kann sie kaum bremsen. Mit etwas Brot hält er sie auf Kurs und rennt voran, vorbei am Blumenstand, der mit einem parkierten Auto vor den gefrässigen Tieren geschützt ist. Die lange Gerade bewältigt Frei mehrheitlich im Laufschritt. Nach rund 600 Metern macht die Strasse einen Linksknick. Und kurz darauf zweigt ein Feldweg in Richtung Filderen ab. Hier werden die Schafe die nächste Woche weiden.
Nach wenigen Minuten ist der Spuk vorüber und die Polizisten geben die Strasse wieder frei. Mehr oder weniger geduldig haben die Autofahrer das in der Region nicht alltägliche Schauspiel verfolgt. «Lori und Silla sind vorausgerannt wie gestört», sagt Marcel Frei nach dem Weidewechsel. Es sind nicht die einzigen Tiere, die Freis mit Namen rufen. «Lori» ist ein Hausschaf und gehört seinem Sohn. «Sie ist wild wie er auch», sagt er. «Silla» ist – wie der Grossteil der Herde – ein Spiegelschaf. Charakteristisch für diese seltene Rasse (Pro Specie Rara) aus dem Prättigau sind die dunkle Zeichnung ums Maul und um die Augen – die sogenannte Brille – sowie die dunkel gefärbten Ohrspitzen. «Silla» ist zwar rassenuntypisch schneeweiss, dafür habe sie wunderschön gezeichnete Lämmer.
Aufwändiges «Hobby»
Die Schafzucht bezeichnet Marcel Frei, selbstständig in der Hauswartungsbranche und leidenschaftlicher Velofahrer, als Familien-Hobby. Ein zeitintensives Hobby: Auf rund 50 Stellenprozent – mehrheitlich am Wochenende – beziffert er den Aufwand. Rund eine Hektare Grasland weiden seine Schafe pro Woche ab. Das sei gut fürs künftige Gedeihen der Weidfläche. Das heisst aber auch, dass die Herde regelmässig umziehen muss. Üblicherweise in der Nähe seines Stalls in Beinwil. Nach Bonstetten kommt er nur aus kollegialen Gründen. Für den Rücktransport eines Teils der Herde in den heimischen Stall und den Weitertransport des anderen Teils nach Uezwil wird er die Tiere verladen müssen, was er eigentlich ungern tut.
Das Wohl ihrer Schafe liegt der Familie sichtlich am Herzen. Ihr «Ruthli» war ihnen rund 3500 Franken an Tierarztkosten wert. So lange es nicht leide, bleibe das Schaf in der Herde. Für andere Tiere bieten sie Patenschaften an. Weiter legen Freis Wert darauf, die Schafe möglichst im Freien zu halten – je nach Witterung mit einem Unterstand. Die Platz-Vorgaben des Labels KAGfreiland übertreffe er teils um das Doppelte, so Frei.
Auch wenn das Scheren im Frühling sein muss, für Schafwolle finden sich kaum Abnehmer. Begehrt ist das Lammfleisch. Die Familie Frei vermarktet möglichst viel selber. Er habe allerdings lange kein Lammfleisch essen können, erzählt Marcel Frei. Schliesslich ist er es, der die Tiere zum Metzger bringt.


