«Wenn ich male, meditiere ich»
Gesichter & Geschichten – Deviprasad Rao stellt in Stallikon aus
Für einmal ist Deviprasad Rao, genannt Devi, nicht der Kurator, sondern der Künstler, dessen Werke in der Schul- und Gemeindebibliothek Stallikon in Sellenbüren ausgestellt werden. Am vergangenen Freitag fand die Vernissage der Ausstellung statt, die bis am 28. November während der Öffnungszeiten der Bibliothek besichtigt werden kann. Begleitend dazu erzählt der Künstler auf seiner Homepage zu jedem der 28 ausgestellten Bilder eine Geschichte. Die Stalliker Gemeinderätin Eva Kramer führte im Gespräch mit Devi in die Ausstellung und in dessen Kunstverständnis ein.
«Du bist Kulturbeauftragter von Stallikon, organisierst Kulturanlässe – normalerweise bist du es, der Künstlerinnen und Künstler vorstellt. Es ist mir eine grosse Freude, heute dich und deine Kunstwerke vorzustellen.» Mit diesen Worten eröffnete Eva Kramer das Gespräch zur Ausstellung.
Aus Devis Bildern blicken zahlreiche Gesichter auf das Ausstellungspublikum. Wann entstehen die Geschichten dazu? Die Geschichte, mit der Devi diese Frage der Moderatorin beantwortete, war eine ganz besondere: «Nachdem ich mein Bild ‹Viele Leben, ein Atemzug› mit dem roten Hintergrund fertiggestellt hatte, stellte sich mein Sohn Ilay davor und begann, es mir zu erklären. Er zeigte auf jedes Gesicht, das er finden konnte, eines nach dem anderen, und erzählte mir, wer sie waren. Einige davon hatte ich selbst noch nicht einmal bemerkt. Ein paar Tage später hatte ich in meinem Atelier einen Malkurs mit einigen Kindern. Ilay führte sie alle zu diesem Bild und fragte sie: ‹Was seht ihr?› Dann begann er, sie wie ein kleiner Kurator durch das Bild zu führen und ihnen mit grossem Ernst die Gesichter und ihre Geschichten zu erklären. Ich stand einfach im Hintergrund und schaute zu.» So ergehe es ihm grundsätzlich bei jedem Bild, erklärte Devi: Zuerst male er ein Werk, dann entstehe die Geschichte dazu.
Auf die Frage, welches sein Lieblingsbild sei, antwortete er, alle Bilder seien seine Lieblingsbilder, gerade weil keines perfekt sei. Wäre eines perfekt, gäbe es keinen Grund, weiter zu malen und den eigenen künstlerischen Ausdruck weiterzuentwickeln. Doch ein Künstler, der sich nicht weiterentwickle, sei langweilig. Auf diesem Weg sei Meditation für ihn von zentraler Bedeutung, jedes einzelne Bild entstehe in Meditation.
Eva Kramer hat einen persönlichen Favoriten, das Bild «Zeremonie kleiner Welten». Zu diesem Bild auf rotem Hintergrund, auf dem es ständig neue Details zu entdecken gibt, las sie Devis Geschichte vor: «Jeden Nachmittag versammeln sich die kleinen Welten zur Teezeremonie. Sie sitzen dicht beieinander auf dem blauen Teppich, die Köpfe klein, die Rücken gerade, und warten geduldig, bis der Tee in der grossen Tasse nicht mehr zu heiss ist. Niemand drängelt. Jede Welt hat ihre eigenen Farben, ihre eigenen Geschichten, ihre eigenen Sorgen. Aber hier, um die Tasse herum, sind sie einfach nur Gäste. Oben hat der stachelige Fisch die Zeremonie nicht ganz verstanden. Er beisst schon ins Gebäck. Niemand sagt etwas. Die kleinste Welt lächelt sogar ein wenig. Denn in einer echten Zeremonie ist auch der, der nicht dazu passt, ein Gast. Und oft ist er derjenige, an den sich später alle am liebsten erinnern.»
In ihrem Gespräch machten Eva Kramer und Devi Rao deutlich, wie individuell Kunst beim Betrachten entsteht. Devis Werke beruhen auf seiner Auseinandersetzung mit seiner Umgebung und mit anderen Menschen. Im Gespräch entdeckt er darin Facetten, die ihm beim Malen noch nicht bewusst gewesen sind. Die Betrachterin wiederum nimmt ein Bild möglicherweise ganz anders wahr als der Künstler. So entstehen zu einem Bild unterschiedliche Geschichten. Vielleicht verbinden sie Menschen gerade deshalb, weil nicht alle sie gleich empfinden. Am Schluss der Geschichte zum Bild «Die Hüter der Inseln» schreibt Devi: «Kein Meer ist so breit, dass eine Geschichte es nicht überqueren kann.»






