«Wir wollen ein Zeichen setzen»
Am letzten Freitag, 24. Mai, fand der zweite weltweite Klimastreik statt. Mit dabei: der Bonstetter York Schwieger und die Affoltemerin Xenja Waser von der Kantonsschule Limmattal.
Kurz vor 14 Uhr beugen sich auf dem Münsterhof drei junge Männer über einen Handybildschirm. Aus den Boxen erklingt die Melodie von «Bella Ciao». Im Zweiten Weltkrieg haben italienische Partisanen das Lied im Kampf gegen Hitler, Mussolini und Co. gesungen, heute singen es Streikende im Kampf gegen den Klimawandel – in Englisch und mit zurechtgerücktem Text. «(…) We need to build – a better future – and we need to start right now (…)», so steht es auf dem Handybildschirm, und so singen es die drei Gymnasiasten an diesem Freitag, dem zweiten weltweiten Klimastreiktag.
Auch York Schwieger, Hornbrille, Freitagtasche, Zahnspange, hat beim Songtext soeben noch spicken müssen. Er nimmt zum ersten Mal an einer Klimademo teil. «Wir, die noch nicht abstimmen dürfen, wollen ein Zeichen setzen», sagt der 17-Jährige. Deshalb ist er zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen von der Kantonsschule Limmattal nach Zürich gekommen. Sie alle befinden sich im vorletzten Gymi-Jahr, engagieren sich in der Klimagruppe der Schule und streiken nun gemeinsam. York Schwieger tut das in seiner Freizeit – er hat an diesem Freitagnachmittag keinen Unterricht. Andere werden fürs Fernbleiben eine unentschuldigte Absenz kassieren. Für die meisten ist es nicht ihre erste Klima-Demo, sie kennen die Sanktionen bereits – und nehmen sie in Kauf.
Auch in der Schweiz wird seit Dezember regelmässig gestreikt
Seit Monaten gehen weltweit jeden Freitag tausende Menschen unter dem Motto «Fridays for Future» auf die Strasse, um für effizienteren Klimaschutz zu protestieren. Die Bewegung geht auf die Schwedin Greta Thunberg zurück. Die 16-jährige Aktivistin hatte sich am 20. August 2018 erstmals mit einem Protestschild vor das Parlamentsgebäude in Stockholm gesetzt, um auf die Folgen der Erderwärmung aufmerksam zu machen. Die Schülerin fordert von der EU ehrgeizigere Klimaziele. Von ihrem Heimatland Schweden fordert sie unter anderem, dass die CO2-Emissionen jährlich um 15 Prozent reduziert werden. Die Klimabewegung hat Ende Jahr auch die Schweiz erreicht: Am 14. Dezember 2018 demonstrierten in Zürich erstmals Menschen im Rahmen der «Fridays for Future»-Bewegung. Seither fanden regionale, nationale und auch internationale Streiktage statt.
Während sich die Demoteilnehmenden vom Münsterhof aus in Bewegung setzen, erzählt York Schwieger, wie er zur Klimagruppe kam: «Ein Schulkolleg hat mich gefragt, ob ich mitmache», sagt er. Seit ihrer Gründung Anfang April ist sie auf 30 Mitglieder gewachsen. In der Gruppe werden Ideen gesammelt und diskutiert, um schulintern einen Beitrag zu weniger Treibhausgas-Emissionen zu leisten. Die Gruppe sei auch der Grund, weshalb er heute hier sei:«Alleine hätte ich an der Demo nicht teilgenommen», sagt der Jugendliche.
«Kein Messias»
Yorks Gruppe marschiert den anderen Demonstrierenden hinterher. «Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut», rufen sie, essen Pizzastücke aus Tupperwares und trinken aus Thermosflaschen. Unterstützt werden die Jugendlichen bei ihren Rufen von der Stimme einer jungen Frau, die ein paar Schritte weiter vorne aus Boxen dröhnt: «Wem sini Zuekunft? Eusi Zukunft! Wem sini Strasse? Eusi Strasse!», oder: «Abe mit em CO2, ufe mit em Klimaziel. Abe mit em CO2, ufe mit em Klimaziel», bis auch sie vor lauter Slogans kurz den Faden verliert: «Ähhmm», kichert sie. Gelächter. Manchmal, sagt York Schwieger, sei ihm das Verhalten einiger Teilnehmenden ein bisschen zu extrem. «Auch Plakate sind noch nicht ganz unser Level», sagt er. Der grosse Bruder eines Kollegen hat als Einziger eines gebastelt.
Wie denkt York Schwieger über Greta Thunberg? Ist die junge Aktivistin ein Vorbild für ihn? «Das ist diese Schwedin, oder?» fragt er, spielt an die Kollegen weiter und meint schliesslich, – um es in seinen Worten zu sagen – Greta Thunberg sei «jetzt nicht so voll der Messias» in seinem Kollegenkreis.
Kein Fleisch mehr – aus Rücksicht auf das Klima
Seinen Lebensstil habe er zwar nicht komplett umgekrempelt, aber bewusster lebe er schon. Als man in der Klasse über die Maturareise abgestimmt habe, habe er für Budapest gestimmt, damit man nicht fliegen müsse. Zwar lehne er Flugreisen nicht komplett ab, versuche sie jedoch zu vermeiden. Auch Xenja Waser möchte in Zukunft möglichst auf das Fliegen verzichten, auch wenn das nicht ganz einfach sei: «Ich mache bald ein Austauschjahr in Kanada», erklärt sie, fast ein bisschen entschuldigend, meint aber auch: «Der Klimawandel betrifft uns alle. Wir können zwar so tun, als wäre nichts, doch unser Leben wird von diesem Wandel geprägt.» Seit drei Monaten ernähre sie sich aus Umweltgründen vegetarisch. Kürzlich habe sie mit ihrer Familie ein Experiment durchgeführt und dabei auf möglichst viel Plastik verzichtet. Um die Gewässer zu schonen, verwende sie Haarseifen auf Pflanzenbasis, statt herkömmliche Shampoos, die teilweise Mikroplastik enthalten.






