Wirtschaft oder Waffen?
500 Jahre nach der Reformation (7 – letzter Teil): Landvogtei Knonau im Brennpunkt obrigkeitlicher Interessen

Zug wurde nicht erst durch die Reformation zur Grenzregion zwischen der Zürcher Herrschaft und der Innerschweiz. Seit den Anfängen der Sesshaftigkeit in der Jungsteinzeit trennte der Zugersee die Ackerbaugebiete zwischen dem Reusstal und der Albiskette vom auf Viehwirtschaft spezialisierten, nach Tälern gegliederten Alpenraum. Dies wirkte sich nicht nur auf die Wirtschaftsweise, sondern auch auf die Gesellschaft und die politische Organisation aus.
Ackerbau, Wein und Viehwirtschaft
In den Ackerbaugebieten entstand die dorfweise organisierte Dreifelderwirtschaft mit gemeinschaftlichem Anbau von Winter- und Sommergetreide auf je einer sogenannten Zelge, während die dritte Zelge brach lag. Die Viehwirtschaft war dem Ackerbau untergeordnet. Kühe wurden gebraucht als Zugtiere, für die Milchproduktion und die Sicherstellung des Nachwuchses. Konnten sie die geforderte Leistung nicht mehr erbringen, wurden sie geschlachtet. Sie weideten auf der Brache sowie auf den gemeinsamen Weiden der Dorfgemeinschaft. Als Gegenleistung pflügten die Bauern mit ihren Zugtieren auch das Ackerland der ärmeren Haushaltungen, die weder über Rindvieh noch über einen Pflug verfügten. An steileren, für den Ackerbau ungeeigneten Lagen kam ergänzend Weinbau hinzu.
Das feudale Abgabensystem war vor allem auf den Ackerbau und die Weinwirtschaft ausgerichtet. Zinsen und Zehnten, die den Grundherren aufgrund althergebrachter Ansprüche im Umfang von insgesamt etwa einem Fünftel der Ernte abgeliefert werden mussten, bestanden zu einem grossen Teil aus Getreide und Wein.
Solddienst als Ergänzung
Die Dörfer organisierten im Rahmen des sogenannten Flurzwangs Ackerbau, Viehweiden und Holzwirtschaft gemeinschaftlich. Ergänzt wurden diese gemeinschaftlichen Arbeiten durch Frondienste für die Leibherren, die bereits vor der Reformation weitgehend in jährliche Abgaben umgewandelt wurden, sowie durch von der Dorfgemeinschaft selbst beschlossene Leistungen wie beispielsweise den Kirchenbau von Maschwanden 1505.
Mit der Gründung der Landvogtei Knonau und der Obervogtei Bonstetten in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts strukturierte die Stadt Zürich die Herrschaft im heutigen Bezirk Affoltern neu. Dies änderte aber nichts an der dörflichen Selbstverwaltung innerhalb des Rahmens der Dreifelderwirtschaft.
Die Dörfer hatten darüber hinaus militärische Aufgaben. Sie mussten ihrer Obrigkeit Soldaten stellen, wenn diese danach rief. Vor allem junge Männer aus landarmen Familien suchten zudem ihr Glück als Söldner, was aus der Sicht der Obrigkeit nicht unerwünscht war, weil sie, kehrten sie mehr oder weniger unversehrt aus Kriegen zurück, Kampferfahrung und Kenntnis der aktuell in anderen Teilen Europas eingesetzten Waffen mit sich brachten.
Mit der Reformation wurde der Solddienst geächtet. Dies bedeutete keinen vollständigen Stopp von Kriegsdiensten für fremde Herren, denn die Fehlbaren wurden lediglich gebüsst, ohne drastische Körperstrafen zu erleiden. Gemäss einem Bericht des Bonstetter Untervogts Hans Gross an die gnädigen Herren in Zürich von 1537 wurden die Reisläufer Ruedi Huber und Heini Schmid mit je 5 Pfund gebüsst. Mit diesem Betrag konnten ein Maurer- oder Zimmermeister und zwei seiner Knechte etwa 20 Tage lang beschäftigt oder zirka 120 Kilogramm Dinkel gekauft werden. Es handelte sich somit um einen erheblichen Betrag, der allerdings von Söldnern, die unbeschadet aus dem Kriegsdienst zurückkamen, aufgebracht werden konnte, insbesondere, wenn sie sich an einträglichen Plünderungen beteiligt hatten.
Zürich erhält eine Struktur
Die Stadt Zürich erlebte 1336 eine sogenannte Zunftumwälzung: Unter der Führung von Ritter Rudolf Brun gelang es in einer Fehde zwischen den Ratsherrengeschlechtern der schwächeren Gruppe, gemeinsam mit den informell organisierten Handwerkern, die stärkere Adelsclique aus der Stadt zu werfen. Nach dem Vorbild von Strassburg wurde eine Verfassung erlassen, in deren Rahmen die Handwerker in zwölf Zünften organisiert wurden. Sie stellten von nun an die Hälfte der Ratsherren, die andere Hälfte entstammte der Gesellschaft zur Constaffel, der die verbliebenen Adligen und die reichen Kaufleute angehörten. Die Fehde wurde abgeschlossen im Rahmen der sogenannten Mordnacht von 1350, als die vertriebenen Adligen in der Nacht vom 23. auf den 24. Februar in die Stadt eindrangen, dort aber von den Truppen der neuen Stadtherren erwartet und bezwungen wurden. 18 von ihnen wurden zur besonders grausamen Todesstrafe des Räderns verurteilt, 17 weitere zum blossen Köpfen «begnadigt». Damit kehrte intern Ruhe ein. Der Rat der Stadt Zürich konnte in einem ersten Schritt die Herrschaft konsolidieren, in einem zweiten mit dem Ausbau ihrer Herrschaft beginnen.
Nun nahm Rudolf Brun Verhandlungen mit Habsburg auf, um einen Landfriedensbund abzuschliessen. Brun wusste dank des – bis heute erhaltenen – habsburgischen Vertragsentwurfs, wie eine damals moderne Regierungskanzlei eine Vereinbarung zwischen einem starken und einem schwachen Partner ausformulierte. Brun hielt es für vorteilhafter, mit den für den Ausbau des Herrschaftsgebiets für Zürich gefährlicheren Schwyzern einen Landfriedensbund abzuschliessen, nahm den Habsburger Entwurf, ersetzte Habsburg als den starken Partner durch Zürich und übergab den Waldstätten die Rolle des schwächeren Partners. Dieser Vertrag wurde 1351 besiegelt. Damit anerkannten die Waldstätte die Zürcher Zunftverfassung mit Brun an der Spitze formell.
Um sich weiter abzusichern, unterstützte die Stadt Zürich 1352 Schwyz bei der Eroberung von Zug, vermutlich mit dem Ziel, die Ackerbaugebiete nördlich davon, also den heutigen Bezirk Affoltern, unter ihre Herrschaft zu bringen. Die Beteiligung an der Eroberung weist auch darauf hin, dass sich Zürich nicht für die Gebiete südlich des Zugersees interessierte. Zürich lag vor allem daran, den Zugang zu den Transportwegen nach Italien abzusichern.
Wenig Staatlichkeit in Alpentälern
In den Alpentälern war die Herrschaft bis weit über die Reformation hinaus weit weniger klar geregelt als in den Städten. Dominant waren in der Regel Söldnerführer, die je nach Opportunität kurzfristig die Seite wechseln konnten. Der Alte Zürichkrieg (1437–1446) zeigt dies beispielhaft. In diesem Krieg zwischen Schwyz und Zürich waren die Gebiete am oberen Zürichsee Hauptstreitpunkt. Die Koalitionspartner wechselten. So kämpfte die Grafschaft Werdenberg 1444 bis 1446 auf Zürcher Seite, nachdem sie in den vier Jahren zuvor Söldner für die Schwyzer gestellt hatte. Die Städte Bern, Luzern und Zug sowie Uri und Unterwalden steuerten in den letzten drei Kriegsjahren Truppen für Schwyz bei. Die Grafen von Habsburg waren mit Schwyz verbündet, bis sie 1442 zu Zürich wechselten.
In den nachfolgenden Burgunderkriegen (1474–1477) unterstützten Zürich und Schwyz gemeinsam die Stadt Bern, die dank dem Sieg über Herzog Karl den Kühnen grosse Teile der Waadt eroberte, während die anderen eidgenössischen Stände, die Truppen entsandt hatten, sich lediglich an Karls Schätzen bedienten und ihren Ruf als erstklassige Söldner festigten. Die Strategie von Bern ging auf, die Stadt wurde zur stärksten Macht innerhalb des eidgenössischen Bündnisgeflechts.
Unterschiedliche Interessen
Viele Städte erkannten im Lauf der 1520er-Jahre die Vorteile der Reformation für die politische Organisation, weshalb die Räte von Bern 1528 und Basel 1529 ihre Kirche reformierten. Der gemeinsame Glaube wirkte sich zwar positiv auf das Verhältnis zwischen Zürich und Bern aus, die Konkurrenz um die Vorherrschaft zwischen Alpen und Rhein war damit aber keineswegs beiseitegelegt. Die Stadt Bern war interessiert am Zugang zu Innerschweizer Söldnern, um bei Bedarf ihre Feudalrechte insbesondere in der Waadt zu sichern. Der Weg über den Gotthard dagegen hatte für sie kaum Bedeutung. Zürichs Priorität lag beim Schutz der Tuchproduktion auch gegenüber der eigenen Landschaft und im Export nach Italien und Frankreich.
Gegen Süden sicherte sich Zürich in Friedenszeiten mit den Truppen der Landvogtei Knonau ab. Gegen Norden war der Rhein eine natürliche Festungsanlage. Die im Alten Zürichkrieg von Schwyz eroberten Gebiete am oberen Zürichsee versuchte Zürich nicht ernsthaft zu gewinnen, zu gross wäre das Risiko einer erneuten Niederlage gewesen. In die Verwaltung der gemeinen Herrschaften im Aargau war Zürich involviert, sodass von Westen her kaum Gefahr drohte.
Zürich bevorzugte es, mit der Nahrungsmittelsperre gegen Schwyz und seine Verbündeten zu kämpfen, statt mit Waffen. Die Inneren Orte lebten vom Krieg in anderen Teilen Europas und mussten Söldner, die zurückkehrten, beschäftigen, beispielsweise in Kämpfen mit Zürich. Schwyz war indes nicht stark genug, um die Stadt an der Limmat ernsthaft zu gefährden, und hätte auch nicht über die notwendige staatliche Organisation verfügt, um Kriege strategisch zu führen.
Vierter Machtfaktor neben Bern, Schwyz und Zürich war Luzern. Die Stadt hatte im Sempacherkrieg 1386–1389 ihr Umland zulasten der Grafen von Habsburg arrondiert. 1394 konnte sie Merenschwand vertraglich an sich binden, um Zürich daran zu hindern, seine Herrschaft auch westlich der Reuss bis zum Lindenberg auszudehnen. Dies wäre viel eher zu erwarten gewesen als ein Angriff auf Zug.
Wirtschaftlich unterschieden sich die vier Pole grundlegend. Schwyz lebte in erster Linie vom Reislaufen, Zürich von Handel und Gewerbe, Bern von den Feudaleinkünften aus seiner ausgedehnten Herrschaft und Luzern betätigte sich seit dem 15. Jahrhundert im Bankwesen. Anders als die anderen Städte baute Luzern ein Vermögen auf mit Einnahmen aus Zöllen, Zinsen und Zehnten, Benützungsgebühren, Bussen und Bündnisgeldern aus Soldverträgen. 1570 betrug das Vermögen der Stadt Luzern das Achtfache der jährlichen Ausgaben.
Nach der Reformation kooperierte Luzern mit Schwyz auf eine ähnliche Weise wie Zürich mit Bern: Beide Stände bekannten sich zur selben Kirche, hatten teilweise ähnliche Interessen, achteten aber auch darauf, dass der Partner nicht zu stark wurde. So entstand nach der Reformation ein Gleichgewicht der Kräfte, das zwar in Kriegen immer wieder getestet, aber nie grundsätzlich aus den Angeln gehoben wurde.


