Zu Besuch bei der alten Dame
Sie ist am 25. Februar 1921 geboren, ein ganzes Jahrhundert hat sie durchlebt. Vergangenen Donnerstag hat Elisabeth Haller gefeiert – und wusste die Gäste mit Unverblümtheit und Schalk zu überraschen.

Am Wohlsten fühlt sich Elisabeth Haller, wenn sie früh ins Bett kann. Früh, das bedeutet für sie: nach Mitternacht. «Dann ist der Tag noch jung.» Ihr sei schon klar, sagt Frau Haller, dass «normale ältere Leute» es mit den Schlafenszeiten anders hielten. Aber sie sei ja schliesslich nicht normal.
In den späten Abendstunden wittert Frau Haller Morgenluft. Dann ruft niemand an, kommt niemand vorbei – und sie nutzt die Zeit, um zu tun, wonach ihr gerade der Sinn steht. Derzeit bewältigt Frau Haller ein grösseres Aufräumprojekt; ihre Tochter habe ihr nahegelegt, sich doch vom einen oder anderen Gegenstand zu trennen. Und dann sind da noch weitere Tätigkeiten, die nach Ruhe verlangen. Die Steuererklärung zum Beispiel. Inzwischen hat einer ihrer vier Söhne übernommen, doch bis vor wenigen Jahren habe sie damit selber «knorzet». Sie sagt es nicht ohne Stolz. «Da wurde es nun mal Mitternacht.»
«So wit han ig nit dänkt»
An ihrem hundertsten Geburtstag hat Frau Haller zunächst einmal ausgeschlafen. Bald nach dem Aufstehen – um 10.30 Uhr – treffen die ersten offiziellen Gratulantinnen ein. Gemeindepräsidentin Katrin Röthlisberger überreicht einen Geschenkkorb, Gemeindeschreiberin Alexandra Brandenberger einen Blumenstrauss.
Gemeinsam peilt man das Wohnzimmer an, wo Käse und Aufschnitt bereitstehen, Rimuss und Rotwein. Mit ihrem Gehgestell benötigt Frau Haller für einen Meter fast eine Minute. Als die Strecke geschafft ist, setzt sie sich in ihren Sessel. Und bleibt dort – so viele Gäste! – bis sie vor dem Abendessen mal kurz verschwinden muss. Am nächsten Tag berichtet Frau Haller, sie habe zwar vage vermutet, dass sie mit ihrem Jubiläum für Aufmerksamkeit sorgen könnte. Dass es aber derart zu und hergehen würde, habe sie nicht gedacht: «So wit han ig nit dänkt. I chume vo Bärn.»
Böse Sprüche von Frau Bösiger
In der Ortschaft Vinelz, direkt am Bielersee, ist Frau Haller aufgewachsen. Einmal geistig zurück in den Berner Jahren, möchte sie kaum wieder weg. «I schwänke gäng ab, gällit?», sagt sie, und erzählt weiter. Vom Chaumont und vom Chasseral, die sie damals vom Dachboden ihres Elternhauses sehen konnte. Gut hätten sie es gehabt. Mit zwei Worten nur bilanziert Frau Haller eine ganze Kindheit: «So schön!»
Frau Hallers Stimme klingt nicht brüchig, sondern erstaunlich klar. Wenn sie darum bittet, man möge doch Platz nehmen, dann sagt sie «hocket ab». Es sei nicht unanständig gemeint, in Bern sage man es so. Mit dieser ruppigen Formulierung hat sie in Zürich auch schon Leute vor den Kopf gestossen – und sich dabei diebisch gefreut, wie sie unverhohlen zugibt. Nicht umsonst, sagt Frau Haller, heisse sie mit Ledignamen «Bösiger».
Den Ehemann hatte sie der Freundin versprochen
Nach Wettswil kam Frau Haller mit ihrem Ehemann und den Kindern im Jahr 1959. Hundertprozentig sicher ist sie bei all den Jahreszahlen in ihrem langen Leben jedoch nicht mehr. Das eine oder andere Datum gerät in ihrem Kopf durcheinander. Verrückt machen lässt sich Frau Haller davon nicht. Als reine Abfolge von Ereignissen möchte sie ihr Leben ohnehin nicht verstanden wissen: «Es isch äben e Gschicht. Me cha nid eifach säge, dänn oder dänn isch das oder das gsi.»
Sicher ist Frau Haller bei ihrem Hochzeitstag. Am 8. Oktober 1949 hat sie ihrem Mann das Ja-Wort gegeben. Und das, obwohl sie zunächst gar nicht heiraten wollte. Nachdem eine Freundin aus der Bibelschule ihr eines Tages verraten hatte, dass es da einen tollen Burschen gebe, arrangierte Frau Haller ein Treffen zu dritt, um die beiden zu verkuppeln. Bereits bei den Ausflügen habe sie gedacht: «Ämänt meint dä no mi», habe diese Befürchtung jedoch ver-worfen, als er ihr irgendwo auf einem Trottoir das «Du» vorgeschlagen habe. Einer, habe sie gedacht, der derart salopp Duzis mache, könne es nicht ernst meinen. Als der junge Mann eines Tages bei ihr vor der Haustüre stand und ihr einen Heiratsantrag machte, sagte sie: «Los einisch, i ha di fürd Margrit reserviert.»
Namen sind Frau Hallers Stärke nicht
In Frau Hallers Wohnzimmer wäre am späten Donnerstagmorgen Small-Talk mit den Repräsentantinnen der Gemeinde angesagt. Ganz geheuer scheint ihr das nicht. «Dir müesst iz eifach redä», sagt sie einmal in die Runde. Dann ertönt ein Alphorn – es ist Frau Hallers Festnetztelefon. Als ihr die Tochter, die den ganzen Tag anwesend ist, den Hörer reicht, nimmt Frau Haller Glückwünsche entgegen und klärt auf, wer bei ihr sitzt: «D Gmeindspräsidentin und i weiss nid wär näbedra.» Böse gemeint ist das nicht. Mit Namen und Gesichtern, sagt Frau Haller, habe sie schon immer Mühe gehabt. «Wie heissit dir?», hatte sie bei der Begrüssung ihres hohen Besuchs gefragt – und vorgewarnt: «I frage no mängsmau.»
Nach 11 Uhr trifft eine Nachbarin ein. Auch sie möchte gratulieren, reicht selbstgemachte Pralinés und eine Aprikosenwähe. «Das chasch du?», staunt Frau Haller, die von sich sagt, sie habe zeitlebens lieber Hunger gehabt statt selbst zu kochen. Dennoch hat sie nach der obligatorischen Schulzeit eine Familie gefunden, bei der sie das Hauswirtschaftsjahr absolvieren konnte. Ursprünglich wollte sie Lehrerin werden, davon wussten die Eltern allerdings nichts, weil sie ihnen mit ihrem Berufswunsch keinen Kummer bereiten wollte. Später besucht Frau Haller nicht nur die Kunstgewerbeschule in Zürich, sondern auch die Bibelschule. Sie arbeitet in einer Kunstbuchbinderei und im Kinderspital, wobei das nicht all ihre beruflichen Stationen sind. «Cha nid wiiterfahre», resümiert Frau Haller über all ihr Erlebtes, «schüsch wirds Aabe.»
Geborgenheit bei Christus
Frau Hallers Ehemann ist vor mehr als 30 Jahren gestorben. Seit vielen Jahren bewohnt sie das Familienhaus alleine. Immer freitags kommt die Spitex vorbei, um ihr beim Duschen zu helfen. Dienstags ist Physiotherapie angesagt. Ihre Tochter wohnt nur ein paar Gehminuten entfernt, ist viel bei ihr, unterstützt und kocht. Ohnehin schwärmt Frau Haller von ihren fünf Kindern, ihren Enkeln und Urenkeln. Das schönste Geschenk sei jedoch, dass auch all ihre Kinder gläubig seien. «Der Glaube an Gott ist das Wichtigste», sagt sie. «Bei Christus geborgen zu sein, ist einfach grossartig.» Im Wohnzimmer auf einem Stuhl hat sie Flyer einer Freikirche aufgelegt. «Zum Mitnehmen», wie es dort heisst.
«Sit Dir katholisch?», fragt sie am Tag nach ihrem Geburtstag, am Ende des Gesprächs. «Nicht getauft» scheint kaum die Antwort, die sie sich gewünscht hätte. Wenn man ihr die Adresse gebe, dann werde sie veranlassen, dass man demnächst ein Losungsbüchlein zugeschickt erhalte. Geschenke, von der Dame, die Geburtstag feiert. «U Dir heit ja villich de glich no ne Bible, irgendwo amen Ort.»


