Zwingli und ein gar spanischer Ritter
Das Junge Literaturlabor (Jull) hat mit Unterstützung von zh-reformation.ch das Schreibprojekt «Reformationsnovellen» umgesetzt. Entstanden sind fünf Bücher und zehn Geschichten. Am letzten Montagabend fand im Gemeindesaal Kappel die Abschlusslesung statt.

Huldrych Zwingli starb im Jahr 1531 im Zweiten Kappelerkrieg. Das wissen die meisten. Aber dass es der spanische Ritter Joaquin war, der Zwingli umlegte? Und was dessen letzte Worte waren? Das wissen nur jene, die am vergangenen Montagabend im Gemeindesaal in Kappel sassen. Es war nämlich so:
«Joaquin rennt Vollgas auf Zwingli los, aber der ist ein guter Bogenschütze, der beste in Europa. (…) Joaquin der Ritter aber weicht mit seinen perfekten Reflexen beiden Pfeilen aus und rennt weiter. Zwingli bekommt Angst, weil der Ritter wie ein Terminator aussieht.»
Zwingli flüchtet und klettert auf einen Baum:
«Joaquin ruft: ‹Callate, baja y resolvamos esto como hombres.› ‹Was?›, sagt Zwingli, denn er hat kein Wort verstanden. Darum wiederholt Joaquin auf Deutsch: ‹Halt deine Fresse, komm runter und wir lösen das wie Männer!›»
Doch Zwingli kommt nicht runter, deshalb klettert Joaquin den Baum hoch:
«Zwingli bekommt Angst und ruft: ‹Stopp! Stopp, bitte! Entschuldige mich, ich bin nur ein Theologe, kein Soldat!›»
Aber Joaquin, der edle spanische Ritter, kennt kein Erbarmen. Er ruft:
«‹Ich werde dein Herz herausreissen und es nachher essen!› Tatsächlich nimmt er sein Schwert und steckt es in Zwinglis Herz. Dann zieht er das Schwert samt dem Herz heraus, macht ein Feuer und kocht es.»
Verrückt, was man an Lesungen alles erfährt… Was? Das Ganze klingt nicht glaubwürdig? – Na gut, die Version mit dem Ritter Joaquin ist nicht historisch verbürgt. Eigentlich ist sie überhaupt nicht verbürgt, sondern irgendwann im Frühjahr 2018 in Gabriels Kopf entstanden.
Kappel als Schauplatz der Geschichte
Dass sich der Sekundarschüler aus Hausen über Zwinglis Todeskampf Gedanken machte, kam so: Im Rahmen des Reformations-Jubiläums hat das Junge Literaturlabor (Jull) mit Unterstützung von zh-reformation.ch das Schreibprojekt «Reformationsnovellen» aufgegleist. Die Idee: (Reformations-)Geschichten nachspüren, die sich nicht in der Stadt Zürich, sondern auf dem Land ereignet haben.
Dazu machte sich die Historikerin Regula Bochsler auf die Suche nach fünf Personen, die durch ihr Leben, ihr Schicksal mit dem «Geist der Reformation» verknüpft sind. Anschliessend schrieben fünf Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu je einer historischen Figur eine Novelle. Nach den Profis waren die Jugendlichen dran: Die Idee: Sie sollten eine Kollektiv-Erzählung rund um die jeweilige historische Person schreiben. Fünf Klassen wurden angefragt – alle aus den Regionen, in denen die jeweiligen Geschichten gespielt hatten.
Bei Gerold Meyer von Knonau (1509–1531) war dieser Ort Kappel. Zusammen mit seinem Stiefvater Huldrych Zwingli war er im Zweiten Kappelerkrieg gefallen. Wer also könnte rund um den Schauplatz Kappel besser eine Geschichte fabulieren als eine Klasse aus dem Oberamt?
«Ein Chirurg oder etwas in der Richtung?»
Im Frühjahr 2018 kontaktierte Richard Reich die Schulleiterin der Sekundarschule Hausen, um das Schreibprojekt vorzustellen. Irene Coradi, die Lehrerin der Klasse 2.2, war sofort angetan: «Die Idee, mit einem externen Profi zusammenzuarbeiten, begeisterte mich von Anfang an.»
Im Mai fand der erste Schreibworkshop mit Coach Reich statt. Nicht alle kannten Huldrych Zwingli – manche dachten als Erstes an «einen Menschen», «einen Chirurg oder etwas in der Richtung?» und an «jemanden aus der Schweizer Geschichte oder so?». Deshalb berichtete vorab ein Historiker über die beiden Kappeler Kriege. Ausserdem besuchte die Klasse den Kappeler Milchsuppenstein und unternahm eine Stadtführung in Zürich.
Zu Beginn seien die Jungautorinnen und -autoren manchmal unsicher gewesen, ob das Geschriebene inhaltlich wirklich gut sei, erinnert sich Irene Coradi. «Sie wollten auf keinen Fall Rechtschreibfehler machen. Doch Richard Reich hat sie darin bestärkt, das zu schreiben, was ihnen durch den Kopf geht und auf keinen Fall etwas auszuradieren.»
13 Geschichten rund um Zwinglis Herz
Die 2.2 sei eine «wunderbare Klasse», schwärmte Richard Reich, bevor die Hausemer Sekschülerinnen und -schüler im Gemeindesaal als letzte der fünf Klassen die Bühne betraten. «Ich war achtmal in Hausen, und ich habe jedes Mal wieder eine andere Klassenkonstellation angetroffen», erinnert er sich. Das lag daran, dass ein Teil der Klasse einen Schüleraustausch in Fribourg absolvierte («Anzeiger» vom 25. Januar).
«Das Herz des Reformators. Oder: Was bei der Schlacht bei Kappel wirklich geschah», so heisst das 94-seitige Büchlein, das aus den gesammelten Texten der Klasse entstand. Der erste Teil widmet sich dem Geschehen im zweiten Kappelerkrieg, während im zweiten Teil 13 Geschichten rund um Zwinglis Herz erzählt werden. Richard Reich war bei seinen Recherchen auf eine besondere Quelle gestossen. Darin stand geschrieben, nach Zwinglis Tod seien zwei arme Zürcher über das Schlachtfeld gelaufen, hätten eine Feuerstelle gesehen, und in der Asche ein Herz gefunden. Von dem es hiess, es sei Zwinglis Herz.
Für Irene Coradi ist das Schreibprojekt ein voller Erfolg: «Die Schülerinnen und Schüler sind beim Schreiben mutiger und lockerer geworden. Ausserdem lernten sie an den beiden Auftritten bei ’Zürich liest’ und nun in Kappel, vor einem grossen Publikum zu stehen.»


