Architektur für die Seele

Wie Valentina Aditi Müller mit Farbe Räume verwandelt

Valentina Aditi Müller gründete die evodesign Company. (Bild Deviprasad Rao)
Valentina Aditi Müller gründete die evodesign Company. (Bild Deviprasad Rao)

«Farbe ist die einfachste und kostengünstigste Art, die Atmosphäre eines Hauses vollständig zu verändern», sagt Valentina Aditi Müller in ihrem Atelier in Bonstetten. Die in Stallikon ansässige Farbgestalterin arbeitet an der Schnittstelle von Raumgeometrie, Psychologie und – wie sie es nennt – Intuition. Als Gründerin der evodesign Company, deren Name für die evolutionäre Transformation von Räumen steht, folgt sie einem Grundsatz, den sie selbst als «Schöpfen aus dem Bestehenden» zusammenfasst.

Vom sowjetischen Kulturhaus zu Schweizer Designschulen

Müllers Weg begann in Cherson in der Ukraine. Schon mit fünf Jahren fesselten sie die farbigen Seiten der Bücher und die Harmonien wechselnder Blütenfarben. Aufgewachsen in der Sowjetunion unter knappen Verhältnissen, lernte sie früh, aus wenig viel zu machen. «Wir versuchten, selbst aus den kleinsten Resten eine Praline zu machen», erinnert sie sich. «Etwas in einer guten Farbharmonie zu präsentieren, die vibriert, lebendig macht und die Seele zum Funkeln bringt.»

Mit zehn Jahren besuchte sie einen Nähkurs im örtlichen Kulturhaus, wo sie neben Erwachsenen arbeitete. Ihre berufliche Laufbahn begann im Film: Studium des Filmmanagements und der -organisation in Moskau, danach Tätigkeit in einem Filmstudio in Odessa. Ein Umweg führte sie an die Universität St. Gallen, wo sie Wirtschaftswissenschaften und Personalwesen studierte, bevor sie sich – nach eigenen Worten unterstützt von ihrem Mann – ganz dem Design verschrieb.

In der Schweiz folgten Weiterbildungen zeitgenössischer Kunsttheorie und Keramik an der Hochschule der Künste in Zürich, 2013 der Abschluss als Einrichtungsgestalterin an der Höheren Fachschule für Gestaltung und Technik Zug, eine Qualifikation als Farbgestalterin mit dem Ansatz der psychologischen Wirkung der Farbe an der Schweizerischen Textilfachschule sowie eine Vertiefung am Haus der Farbe in Oerlikon mit Fokus auf die strukturelle Wirkung von Farbe in der Architektur.

Eine Philosophie des Arbeitens mit dem Bestehenden

Müller versteht Farbe als strukturelles Element, nicht als Dekoration – und als Mittel der Heilung. Ihr Vorgehen verbindet technische Farbenlehre mit Körperbewusstsein: Sie liest die Architektur ebenso wie die emotionale Landschaft der Bewohner. «Man kann eine Farbe einsetzen, die krank macht, oder eine, die gesund, glücklich und zufrieden macht», sagt sie. Ihr erklärtes Ziel: dass Menschen ihr Zuhause mit Freude verlassen und mit innerem Frieden zurückkehren. Ihr Ansatz verzichtet meist auf Abriss. «Ich sehe, was im Haus vorhanden ist, wie die Architektur ist, was die Menschen lieben. Ich versuche, nicht alles wegzunehmen», erklärt sie. «Ich schaue, womit wir leben können, und spiele mit neuer Farbe, um das, was die Bewohner mögen, einzubinden.»

Mit gezielt gewählten Tönen entschärft sie harte Linien, hellt dunkle Räume auf oder kleidet ein Zuhause für eine neue Lebensphase neu ein – etwa, wenn die Kinder ausziehen. Auch Haustiere bezieht sie ein: Als Katzen- und Hundehalterin denkt sie das Wohl vierbeiniger Familienmitglieder mit.

Räume teilen ohne Wände mit kontrastierenden Tönen

Eine Besonderheit ihrer Arbeit: mit kontrastierenden Tönen Funktionszonen in offenen Grundrissen zu schaffen. Yoga-Bereich, Leseecke und Essbereich lassen sich in einem einzigen Raum allein durch Farbe definieren – ohne Trockenbauwände. Die Methode senkt Kosten und ökologischen Fussabdruck und erhält die räumliche Offenheit. Kräftige Akzente wie Magenta, Rot oder tiefes Grün werden so als präzise Höhepunkte gesetzt, statt einen Raum zu dominieren; bestehende Materialien wie Plättli oder Parkettböden lassen sich je nach Wunsch hervorheben oder zurücknehmen.

Ein vielseitiges Portfolio und diverse Projekte

Müllers Arbeiten umfassen Geschäfts-, Schul- und Wohnräume. Ihr erster grosser Auftrag kam 2016 mit einem Kinderzentrum in Küssnacht. Den kalten, von rohem Backstein dominierten Industrieraum gestaltete sie mit der Grafikerin Natalia Zarelli um – organische Formen, abstrakte Blüten und Wellen lockerten das Gewicht des Backsteins auf. Zwei Jahre später wurde sie erneut für den Zürcher Standort der Auftraggeber beigezogen.

Weitere Projekte umfassen ein Farbkonzept für ein Logistikunternehmen in der Zürcher Altstadt und eine studiendenkmalpflegerische Arbeit an einem geschützten Gebäude aus dem Jahr 1638 an der Zehntenhausstrasse. Ihre Diplomarbeit umfasste Treppenhaus, Korridore und Eingangsbereiche eines vierstöckigen Schulhauses in Dietikon. Sie gestaltete als Studienprojekt zudem eine 200 Meter lange Aussenfassade (mit Höfen) für eine Wohnüberbauung am Zürcher Selnau-Sihlhölzli. «Mit Farbe können wir einem Gebäude komplett neue Kleider geben, ihm Glanz verleihen und es robuster oder moderner wirken lassen», bemerkt sie.

Osho als Inspiration und das eigene Haus als Leinwand

2011 trat Müller, inspiriert durch das Muttersein mit ihrem Sohn, der spirituellen Gemeinschaft Osho bei. Osho lehrt, dass Qualität in jedem Tun bereits Kreativität sei – ein Grundsatz, der ihr geholfen hat, die kreative Dimension des Selbst zu erforschen, und der heute auch ihre Arbeit mit Kunden prägt. Jede Wahl von Pigment, Linie und Proportion wird für sie zu einem kleinen Akt der Achtsamkeit. In der Praxis setzt sie gelegentlich meditative Techniken ein, um Kunden zu helfen, sich von Ich-Zentriertheit zu lösen und mit ihrem authentischen Selbst zu verbinden, bevor eine farbliche Richtung gewählt wird.

Müller lebt mit ihrem Mann und ihrem 22-jährigen Sohn in Stallikon, zuvor war die Familie in Langnau am Albis zu Hause. Ihr eigenes umgestaltetes Haus dient ihr heute als persönliche Leinwand. Ihr nächstes Ziel ist die Zusammenarbeit mit Architekten von Anfang an – um, wie sie sagt, Räume mit Farbe, Harmonie und Frieden zu gestalten.

Weitere Artikel zu «Gewerbe», die sie interessieren könnten

Dario Piccini am Zuschneidetisch in seiner Werkstatt. (Bild Brigitte Reemts Flum)
Gewerbe20.08.2026

Was tun, wenn sich kein Nachfolger findet?

Den Staffelstab weitergeben – Unternehmensnachfolge im Säuliamt (5)
Die Co-Geschäftsführung der SHS Haustechnik AG - Peter Feuz (links) und Markus Steuble (rechts). (Bilder Brigitte Reemts Flum)
Gewerbe17.08.2026

Unternehmensnachfolge ausserhalb der Familie

Den Staffelstab weitergeben – Unternehmensnachfolge im Säuliamt (4)
Bereits erfahren hinsichtlich familiärer Nachfolgeprozesse: Luca (links) und Vater Daniel Launer. (Bilder Brigitte Reemts Flum)
Gewerbe13.08.2026

Familiennachfolge – der häufigste Weg

Den Staffelstab weitergeben – Unternehmensnachfolge im Säuliamt (3)