Der letzte «echte Eisenbähnler»

Mit der Automatisierung verschwand der Bahnhofsvorstand

Berufsleute wie Albert Bachmann haben einen Umbruch miterlebt. Der Beruf des Bahnhofvorstands hat sich über die vergangenen Jahrzehnte stark verändert.

Berufsleute wie Albert Bachmann haben einen Umbruch miterlebt. Der Beruf des Bahnhofvorstands hat sich über die vergangenen Jahrzehnte stark verändert.

Der Betrieb am Bahnhof Hedingen wird heute zentral gesteuert. (Bild net)

Der Betrieb am Bahnhof Hedingen wird heute zentral gesteuert. (Bild net)

Wie viele andere Stationen hat auch Hedingen einen grossen Wandel erlebt. (Bilder Sammlung Kurt Hofmann)

Wie viele andere Stationen hat auch Hedingen einen grossen Wandel erlebt. (Bilder Sammlung Kurt Hofmann)

Im Juni 1976 trat Albert Bachmann seine Stelle am Bahnhof Hedingen an – als letzter Dienststellenleiter im Amt. Die Funktion hiess damals offiziell Stationsvorstand. Gerade die Vielseitigkeit der Aufgabe habe ihn gereizt, erklärte er später in einem Gespräch.

Was ihn erwartete, war ein Berufsalltag, an dem kein Tag dem anderen glich. Mal lief alles nach Plan, mal waren schnelle Entscheidungen gefragt. Wurde ein Anschluss knapp, musste er sofort reagieren. Fehlte ein Wagen, organisierte er Ersatz. Und wenn mehrere Züge gleichzeitig unterwegs waren, behielt er den Überblick und koordinierte die Abläufe.

Dazu kam die tägliche Büroarbeit. Einnahmen wurden gezählt, Abrechnungen erstellt, Listen geführt. Auch dafür lag die Verantwortung direkt vor Ort. Der Bahnhof war damit nicht nur Verkehrsknotenpunkt, sondern zugleich ein Verwaltungsbetrieb mit klaren Abläufen.

Der Letzte seines Amts

Damals wusste man genau, wer am Bahnhof das Sagen hatte: der Bahnhofsvorstand. Er war die zentrale Figur des Betriebs. Er kannte den Fahrplan auswendig, wusste, wann ein Güterzug ankam, und wohin er weiter musste. Gleichzeitig hatte er im Blick, was auf den Gleisen und rund um den Bahnhof geschah.

Mit den Jahren begann diese Kontrolle zu bröckeln. Der Betrieb wurde dichter: mehr Züge, mehr Pendlerinnen und Pendler, mehr Koordination. Gleichzeitig wandelten sich die Strukturen. Entscheidungen wurden zunehmend zentral vorgegeben, der Spielraum vor Ort wurde kleiner.

Heute ist der Bahnhof vor allem ein funktionaler Verkehrsknoten. Züge kommen und gehen im Takt. Busse schliessen nahtlos an. Vieles läuft automatisiert. Der Betrieb funktioniert zuverlässig – gesteuert wird er jedoch längst nicht mehr vor Ort.

Alle Fäden in einer Hand

Albert Bachmann beschrieb den Fahrdienstbereich rückblickend als eine Zeit, in der man noch «echter Eisenbähnler» gewesen sei. Sein Arbeitstag begann früh, oft noch bevor der erste Zug eintraf. Anlagen wurden kontrolliert, Weichen gestellt, Signale überprüft und Barrieren bedient. Wenn ein Zug einfuhr, musste alles ineinandergreifen.

Gleichzeitig war der direkte Kontakt mit den Reisenden wichtig. Am Schalter verkaufte Bachmann Billette, viele noch von Hand ausgestellt. Wer unsicher war, erhielt geduldig Auskunft. Das dicke Kursbuch lag stets griffbereit – ein Hilfsmittel, das damals in vielen Haushalten selbstverständlich war.

Täglich wurden zwischen 150 und 200 Einzelbillette verkauft, im Winter zeitweise mehr, wie Albert Bachmann im Gemeindebüchlein von Hedingen 1980 berichtete. Dazu kamen 325 bis 350 Abonnementskunden und -kundinnen. Im März 1980 kostete ein Retourbillett von Hedingen nach Zürich HB 11.80 Franken in der 1. Klasse beziehungsweise 7.80 Franken in der 2. Klasse. Auch der Güterverkehr gehörte fest zu seinen Aufgaben. Produkte der ansässigen Industriebetriebe wie der Ernst Schweizer AG wurden ein- und ausgeladen, ebenso Paletten, Säcke, Briefpost und Pakete, gelegentlich auch lebendes Vieh. Der Bahnhof war damit nicht nur ein Ort für Reisende, sondern auch ein Warenumschlagplatz.

Der Alltag wird automatisiert

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts setzte ein tiefgreifender Wandel ein. In den 1980er-Jahren wurden Bahnstationen wie Hedingen für die S-Bahn umgebaut. Neue Gleise entstanden. Unterführungen wurden gebaut. Güterschuppen verschwanden. Mit der Eröffnung der S-Bahn Anfang der 1990er-Jahre veränderte sich der Stationsalltag grundlegend. Billettautomaten standen am Bahnhof. Reisende konnten ihre Tickets selbst lösen. Das entlastete zwar den Schalter, verringerte aber auch den persönlichen Kontakt. Kurz darauf zog der Computer ins Bahnhofsbüro ein. Verbindungen wurden digital abgefragt, Abläufe automatisiert. Die Arbeit wurde effizienter, zugleich aber weniger handfest.

Aufgaben, die früher selbstverständlich waren, verschwanden: Weichen wurden automatisiert, Signale zentral gesteuert. Der Einfluss vor Ort nahm ab, die Verantwortung verlagerte sich zu übergeordneten Stellen. Damit wandelte sich auch die Rolle des Bahnhofsvorstands. «Man konnte weniger selbst entscheiden» – so lässt sich diese Entwicklung zusammenfassen. Eigenverantwortung wich standardisierten Abläufen, der Fokus verlagerte sich vom Gestalten zum Überwachen.

Stationsräume umgenutzt

Berufsleute wie Albert Bachmann erlebten ihren Beruf im Umbruch. Über Jahrzehnte hatten sie den Bahnhofsbetrieb vor Ort geprägt. Als Bachmann 1994 nach 18 Jahren in Hedingen und insgesamt 42 Jahren bei den SBB in Pension ging, endete nicht nur seine Laufbahn. Mit ihm verschwand auch eine Arbeitsweise, in der Verantwortung und Entscheidungen direkt vor Ort lagen.

Zwar blieb der Bahnhof noch einige Jahre bedient, doch 2001 war Schluss. Seither ist die Station Hedingen unbedient. Die Abläufe sind effizient, Störungen werden zentral geregelt, Informationen erscheinen auf Anzeigen oder in Apps. Die Stationsräume wurden umgenutzt. Es entstanden Restaurationsbetriebe, Arztpraxen und Ähnliches. Der Bahnhof Hedingen steht exemplarisch für eine Entwicklung, die weit über die Region hinausging. Mit dem Wandel verschwanden nicht nur Aufgaben, sondern auch Rollenbilder und ganze Arbeitswelten. Der Bahnhof funktioniert weiterhin. Doch die Kontrolle liegt heute woanders. Dort, wo früher entschieden wurde, wird heute gesteuert.

150

bis 200 Einzelbillette wurden in den 80er-Jahren noch händisch verkauft.

Vergangene Arbeitswelten

Viele Berufe, die einst den Bezirk prägten – vom Bahnhofvorstand über den Weber bis zum Schmied – sind heute verschwunden. In dieser Serie werden ihre Geschichten wieder lebendig. Die Beiträge basieren auf historischen Quellen (Archivmaterial und Fachliteratur) und lokalen Überlieferungen. (red)

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