Die letzte Schraube von Mettmenstetten
Die Geschichte der Familie Huber ist auch die Geschichte eines Dorfes im Wandel
Wer in Mettmenstetten eine Schraube brauchte, ging zu Huber. Wer einen Schlüssel verlor, ebenfalls. Und manchmal auch einfach für einen guten Rat. Fast zwei Jahrhunderte lang führte die Familie die Eisenhandlung – ein Geschäft, das im Dorf weit mehr als nur ein Laden war.
«Ich bin ein Ur-Mettmenstetter und habe in sechster Generation als Eisenhändler gearbeitet», sagt der über 90-jährige Hans Huber heute. Die Geschichte seiner Familie reicht weit zurück: Bereits 1832 begann sein Urgrossvater Johann Huber mit dem Eisenhandel. 1878 baute Eduard Huber-Wyss an der Bahnhofstrasse 22 die Eisenhandlung. Im sogenannten Stettlerhaus wurde gearbeitet, verkauft und gelebt – Generation für Generation.
Mit Pferdefuhrwerk über den Bözberg
Der Familienbetrieb war stets eng mit der Entwicklung des Dorfes verbunden. Anfangs gehörte auch ein kleiner Landwirtschaftsbetrieb dazu. «Den Stabstahl und die Rohre kaufte man zuerst in Basel bei der Firma Paravicini ein und transportierte sie mit einem vierspännigen Pferdefuhrwerk über den Bözberg nach Mettmenstetten», erzählt Huber. Später bezog die Eisenhandlung auch Material von den Von-Roll-Eisenwerken in Gerlafingen sowie von der Von Moos AG in Luzern.
Damals war Mettmenstetten stark von der Landwirtschaft geprägt. «Fast alle Berufe hatten mit der Landwirtschaft zu tun», sagt Huber. Kühe dienten nicht nur der Milchproduktion, sondern auch als Zugtiere. Man lebte im Dorf, ging zu Fuss oder war mit der Pferdekutsche unterwegs. «Alles entwickelte sich langsam», ergänzt Hans Hinnen, der wie Hans Huber Mitglied des Vereins Dorfgeschichte Mettmenstetten ist.
Mit der Industrialisierung wandelte sich auch das Gewerbe. «1917 kauften wir unseren ersten Lastwagen – einen Arbenz mit Kettenantrieb und Vollgummireifen», erzählt Huber. Werkzeuge und Eisenwaren importierte das Unternehmen schon früh aus Deutschland und Frankreich.
Als der Stahl per Bahn kam
Zwischen 1965 und 1985 war die Biegerei von Armierungsstahl der wichtigste Geschäftszweig. Die bis zu 24 Meter langen Stahlstangen wurden per Bahn nach Mettmenstetten geliefert. Anfangs mussten sie von Hand umgeladen werden. Später erleichterten Mobilkran und Hebeträger die schwere Arbeit. «Als die SBB entschieden, in Mettmenstetten kein Industriegleis zu bauen, mussten wir die Eisenbiegerei aufgeben», erzählt Huber.
Ende der 1980er-Jahre spezialisierte sich das Unternehmen auf Schlösser, Schlüssel und Schliesssysteme. Bis Mitte der 1990er-Jahre führte die Eisenhandlung zusätzlich eine Hauswarenabteilung. «Bei uns bekam man praktisch alles», sagt Huber rückblickend. Entscheidend sei aber nicht nur das Sortiment gewesen, sondern vor allem der Service. «Wir überlebten dank Beratung, Goodwill und persönlichem Kontakt.»
Eisenhandlung war Dorfbank
Die Eisenhandlung war über lange Zeit mehr als nur ein Geschäft. Von 1900 bis 1983 betreute sie die Einnehmerei Mettmenstetten der Zürcher Kantonalbank. Anfangs kamen die Menschen mit ihren Sparheften vorbei. Später bezogen die Mitarbeitenden der Seidenweberei Weisbrod-Zürrer ihren Lohn bar in der Eisenhandlung. Dafür mussten regelmässig grosse Bargeldbeträge bei der Kantonalbank in Affoltern abgeholt werden. «Oft transportierte meine Frau Zehntausende Franken in der Handtasche», erzählt Huber schmunzelnd.
1994 gründete Hans Huber gemeinsam mit Hugo Kradolfer die Huber AG. Mangels Nachfolge musste der Betrieb 2014/15 verkauft werden. Käuferin war die Firma Schwarz Stahl AG in Lenzburg. «Doch diesem Entscheid war langfristig kein Erfolg beschieden», sagt Huber. Die neuen Eigentümer hatten nur wenig Erfahrung im Eisenhandel. Nach einem Brand in der Liegenschaft im Jahr 2019 endete das Kapitel Eisenhandel in Mettmenstetten endgültig.
Eine Familie prägt das Dorf
Ganz verschwunden ist die Geschichte aber nicht. Die Räumlichkeiten wurden nach dem Brand saniert. Heute nutzt sie ein Unternehmen, das auf Produkte in den Bereichen Trocknung, Wärme und Klima spezialisiert ist. «Die Liegenschaft lebt weiter – einfach mit einer neuen Aufgabe», so Huber.
Die Familie Huber war stets eng mit dem öffentlichen Leben verbunden. «Mein Urgrossvater wurde bereits mit 18 Jahren Gemeindeschreiber, später Gemeindepräsident, Bezirks- und Kantonsrat», erzählt er. Sein Grossvater engagierte sich während des Ersten Weltkriegs, sein Vater war Bezirksrichter und diente im Zweiten Weltkrieg. Hans Huber selbst war Mitglied des Gemeinderats. «Meine Vorfahren waren starke Persönlichkeiten.»
Vom Eisen zum Smartphone
Auch das Dorfleben hat sich stark verändert. «Früher kannte man fast jeden in der Gemeinde», erinnert sich Huber. Sein Vater schickte ihn als Kind mit Rechnungen durchs Dorf, obwohl er noch gar nicht lesen konnte. Deshalb zeichnete er kleine Symbole auf die Zettel – etwa ein Hufeisen für den Hufschmied. «So wusste ich genau, wohin ich musste und wer wo wohnte.»
Heute sei vieles anonymer geworden. «Früher berücksichtigte man selbstverständlich die Handwerker aus dem Dorf, wenn etwas zu erledigen war», sagt Hans Hinnen. Heute werde stärker auf den Preis geachtet. Auch Treffpunkte seien mit dem Beizensterben verschwunden. «Im Restaurant Rössli treffen sich die Leute heute immerhin wieder.»
Obwohl Hans Huber mit der Zeit gegangen ist und ein Smartphone besitzt, hält er wenig von ständiger Erreichbarkeit. «Man kann mir telefonieren», sagt er. Mehr brauche es nicht.
Vielleicht beschreibt genau das auch seine Haltung zum Leben: ehrlich bleiben, zuverlässig sein und die Dinge richtig machen. Oder, wie er es selbst sagt: «Whatever you are, be a good one.»






